50 Jahre ist es her, dass die Sex Pistols ihr erstes Konzert geben und die Ära des Punks einleiten. Zeit genug, sich zu fragen: Was bleibt vom Genre und ist Punk wirklich (nicht) tot?
Wann und wo genau Punk angefangen hat, steht zur Debatte: New York und London spielen auf jeden Fall eine Rolle, Namen wie Ramones, The Dead Boys oder The Who sollten nicht fehlen. Die britische Band Sex Pistols (davor: The Strand / The Swankers) gab ihr erstes Konzert am 05. November 1975 – nachdem ihr Manager Malcom McLaren die Genreinspiration aus New York zurückbrachte. Die Ramones wurden sogar bereits 1974 gegründet – wobei diese sich noch nicht Punks nannten und auch nicht als solche identifizierbar waren (damals eher zahmer Strickpullover anstatt selbstsicherer Rockerlook).
„No future, there’s no future, no future for you“ sang die englische Punkrockband Sex Pistols und verkörperte damit den Gedanken einer der radikalsten Kulturbrüche: Punk war alles und gegen alles. In einem Jahrzehnt, in dem insbesondere in England die Wirtschaftskrise florierte und die Arbeitslosenzahlen stiegen, fühlten sich junge Menschen frustriert: Sie hatten kein Vertrauen mehr in staatliche Institutionen, lehnten sich auf gegen ein rigides Klassensystem. Die Illusion des perfekten, bürgerlichen Mittelstands mit Reihenhaus und Kindern schien gescheitert. „There is no future in England’s dreaming“ singen die Sex Pistols auf „God Save The Queen“. „No future for you“ ist dabei kein bloßer Nihilismus, sondern eine gezielte Provokation und ein Angriff. Punks pöbeln und schreien.
„Do it yourself or no one else will“
Als Subkultur zeigte Punk einen Ausweg aus dem Alltag und hielt der zersplitterten Gesellschaft den Spiegel vor. Punks setzten auf kurze, raue Lieder – sexy, leicht und einfach: wenige Akkorde, ganz viel Energie. Eine Abgrenzung gegenüber Mainstream Rock-Bands wie Pink Floyd oder Led Zeppelin. Der gewollte, kulturelle Bruch. Punk war Handwerk und eine DIY-Ästhetik, die sich in selbst produzierten Platten und Underground-Shows ergoss. Eine Ästhetik, verkörpert durch die ikonografische Sicherheitsnadel, die die selbst genähten Battle Jackets zusammenhielt. Daneben gab es selbst gedruckte Fanzines, Kunstwerke aus ausgeschnittenen Zeitungsartikeln und Rasierklingen-Halsketten. Für diese Kultur brauchte es keine hohen Ausgaben, man machte einfach mit.
Dass diese Kampfjacken Nachfolger echter Soldatenklamotten des zweiten Weltkriegs sind, verrät nicht nur der Name – es zeigt auch die sozialpolitische Natur des Genres auf. Punk ging gegen die frühere Hippie-Kultur, welche die Schrecken des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs angeblich nur verdrängte. Wobei sich auch hier die Geister spalten. Man denke nur an die Überschneidungen der Hippie-Kultur mit der politisch motivierten 68er-Bewegung. Viele verstanden den Punk der 1970er als eine Antihaltung, dessen explizit politischen Elemente erst ein Jahrzehnt später dazustießen: „Nazi Punks Fuck off“ sangen die Dead Kennedys 1981. Bands wie Cock Sparrer kombinierten in England Punkrock mit Themen der Arbeiterklasse und Pub Rock. Auch in Deutschland stach die Szene durch einen härteren Polit-Punk-Stil hervor. Punkbands wie Slime wurden zu Begleiter:innen der Friedens- und Atomkraftbewegung. Dennoch näherten sich bereits deutsche Punk-Vorläufer wie Ton Steine Scherben um 1970 an die Hausbesetzer- und Autonomenszene an. Und wer von fehlenden Wirtschafts- und Zukunftsperspektiven à la Sex Pistols singt, dem kann wohl kaum eine apolitische Haltung vorgeworfen werden.
Punk zwischen Politik und Kitsch
Punks sind hardcore, aber herzlich: Sie passen aufeinander auf – wie es Außenseiter und Subkulturen eben tun. Sie stehen für soziale Bewegungen ein und engagieren sich gerne. So das idealisierte Bild und vielleicht wird das Genre daher in den Köpfen vieler in die linke Szene eingeordnet. Doch dabei darf nicht vergessen werden, dass zwei Mitglieder von The Clash zunächst in einer Band namens London SS spielten. Sie trugen Hakenkreuze. Da war sie wieder: Diese strikte Provokation, britische Jugendliche, die sich mit den Bildern des früheren Feindes schmückten. Vermutlich ohne großes politisches Nachdenken. Und The Clash ließ sich dann auch schon 1979 von einer großen Plattenfirma, nämlich Sony, vermarkten. War das auch Punk?
„Es ist eine Schar befremdlich kostümierter Jungen und Mädchen, immer gut für einen handfesten Zoff“, schrieb Der Spiegel 1980 über die Ankunft der Punkszene im deutschen Mainstream. Gleichzeitig ist von modischen Nachahmern als „Schickeria-Punks“ die Rede. Es zeichnet sich bereits ein Diskurs ab, der Punk bis in die Gegenwart zeichnet: Hat die Szene ihre frühere Selbstironie verloren? Nähert sie sich zu sehr der politischen Mitte an und wird massentauglich? Heute scheint das noch stärker hervor: Der kritische Umgang mit der Nazi-Vergangenheit läuft als Doku-Dreiteiler auch in der ARD und die Feindfigur des Spießbürgers der 1970er (Reihenhaus, Alleinverdiener, lebenslange Ehe) ist weitgehend ausgestorben. Die Klamotten der Punks finden sich heute im drittbeliebigen Bekleidungsgeschäft.
Doch in Folge dieses Punks bildeten sich die verschiedensten, produktiven Subgenres und Nachfolger: Skatepunk, Hardcore-Punk, Art-Punk, Oi!-Punk, Deutsch-Punk. Der Einfluss breitet sich auf andere Kunstformen aus – vom grobkörnigen Realismus einer Autorin wie Kathy Acker über Künstler:innen wie Damien Hirst oder Filmemacher Jim Jarmusch. Letzterer sagte 2016 noch: „The spirit of punk is even more valuable now than ever“. Nicht zu vergessen natürlich die Unmenge an Punkfilmen wie „Jubilee“ (1978) oder „Sid and Nancy“ (1986) , die seit den 70er und 80er-Jahren mit minimalen Budgets und maximaler Laustärke den Zeitgeist dieser Bewegung einfangen wollen.
(K)eine Zukunft?
Es ist schwierig so einen revolutionären Gedanken wie den des Punks erneut aufzuwärmen. Bereits große Nachfolger wie Green Day in den 90ern sahen sich immer wieder der Kritik ausgesetzt, dass die früheren Punker einfach „echter“ waren. Und heutiger Punkrock auf TikTok mag für manchen Kritiker eher lauaufgewärmt als genuin schmecken.
„Eigentlich ist Punk ja nichts Neues“, urteilte das Musikmagazin Sounds im Februar 1977. Schon die Ramones wollten zurückkehren zu einem Sound des Rock’n’Rolls, den sie als verloren ansehen. Es wäre einfach darüber zu schreiben, wie diese nostalgische Veranlagung gerade in heutigen Zeiten der Contentproduktion profitabel ist. Und dennoch überdauert der Punk, neben seinen eigenen Genreausrichtungen auch in seinen Grundsätzen in anderen Genres:
Im Hip-Hop der 80er und 90er Jahre mit seiner sozialbewussten Inszenierung, seiner Anti-Establishment Haltung. Nicht umsonst entstanden die Beastie Boys aus der Post-Punk-Band The Young Aboriginies. Und man könnte auch die These wagen, dass der Hyperpop unserer 2020er vielleicht auch Punk ist. Puristen schreien auf. Musikalisch liegen hier teilweise Welten, aber wo früher die Punks in verruchten Kellershows spielten, lassen Hyperpop-Artists heute im selben DIY-Stil ihren Frustrationen in Garageband freien Lauf. Dieser Do-It-Yourself-Aspekt von Punk ermöglichte einst einen größeren Frauenanteil als in manch anderem Genre: Blondie, Lene Lovich, Siouxsie Sioux, Patti Smith. Auch wenn es falsch wäre zu behaupten, dass dies nicht auch von Sexismus geprägt war. Und Subbewegungen wie Queercore stellten queere Identiäten und Körper in den Vordergrund. Diese Queerness spielt heute auch eine wichtige Rolle für den Hyperpop. Scene Kids, Emos, Punks: Viele finden hier ein neues Zuhause – ob durch die propagierte Niedrigschwelligkeit des Genres, die Offenheit der dargestellten Identitäten oder einfach die schrillen Beats und Stimmverzerrungen, die Andersartigkeit selbstbewusst herausstellen; für Menschen, die im Alltag allzuoft anders behandelt werden.
Es sind verlockende Gedanken, gerade in Zeiten, in denen die Anschuldigung „Industry Plant“ immer häufiger auftritt und die Musikszene von Algorithmen a la Spotify beherrscht wird. Und so ambivalent das politische Vermächtnis von Punk unter Expert:innen gehandhabt werden mag: Gerade ihre linkspolitischen Bezüge sind heute immer noch relevant – in einer Zeit, in der das Internet eher Zersplitterung als Gemeinschaft fördert und Grassroots-Bewegungen immer wichtiger im Kampf gegen den drohenden Neofaschismus werden. Vielleicht sollte man dafür aber zuerst aufhören, darüber zu streiten, wer wirklich „Punk“ ist und dieses Wort einfach in all seinen Facetten leben.
Titelbild: Steve Barker auf Unsplash




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