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Adrianne Lenker – Bright Future

26. März 20247 Min. gelesen

Auf ihrem neuen Album arbeitet die amerikanische Folk-Sängerin Erinnerungen an ihre Kindheit und Beziehungen auf. Zwischen viel Emotionen und Poesie erklingt auf den Songs erstmals nicht nur die Gitarre. 

Die Gedanken, die Erinnerungen fließen dahin, während die Ohren von wohlig warmen Gitarrenmelodien und leiser Stimme umspielt werden. So beruhigend schön, poetisch und reduziert, heilt diese Musik Wunden, lässt nachdenken. Authentisch, unperfekt, ganz ohne Hochglanz saugen diese Songs ein. Das ist es, was Adrianne Lenker zu einer der besten Folk-Musikerinnen macht. Wenn die Amerikanerin weg will, vom Ruhm und dem Trubel um ihre Person, flüchtet sie in die Natur, ihr Refugium, und nimmt ein neues Solo-Album auf. Weg vom Stress, von ihrer Band Big Thief und dem Tourleben ganz für sich mitten im Wald und mit ein paar Lieblingsmenschen um sich herum kehrt Lenker auf „Bright Futures“ zu ihrem Herzen zurück. 

Doch diesmal erklingen auf den Songs nicht nur Gitarre, Gesang und hin und wieder versprengte Naturgeräusche, wie auf ihrem letzten Album  „songs”. Dies wird gleich bei den schwebend vernebelten Klaviertönen auf dem ersten Song „Real House“ klar. Lenker singt drauf los und erzählt ganz intim von Erinnerungen. An ihre Kindheit, an die naive Vorstellung von der Welt, an den Hund, der eingeschläfert wird und den ersten Horrorfilm. Es sind Gedanken, Geschichten voller Sehnsucht und Alltagsbeobachtungen, wie alte, krisselige VHS-Aufnahmen, die Lenker so verletzlich und zart, fast schon klagend vorträgt. Bei all dieser Schwere über sechs Minuten ist fast schon ein Aufatmen zu spüren, als auf „Sadness As A Gift” die Gitarre auflebt. Dazu ist eine seichte Violine zu hören. Dies verleiht dem Song, in dem es um die Kontinuität in Beziehungen geht, viel Farbe und Tiefe. 

The seasons go so fast

Thinking that this one was gonna last

Maybe the question was too much to ask.  

Sadness as a Gift

Hörbare Harmonie bei den Aufnahmen

Mit Nick Hakim am Klavier, Mat Davidson am Banjo und der Violonistin Josefin Runsteen brachte Lenker im Herbst 2022 an paar Tagen ein Quartett von vier Freunden im Analogstudio Double Infinity zusammen. Sie musizierten zusammen und brachten viel Licht und Magie auf die Achtspur-Tonbandaufnahme, ohne vorher wirklich zu wissen, was daraus wird. Nun wurde gleich ein Album daraus, das ohne größere technische Bearbeitung zu hören ist. Die Aufnahmen sind roh, manchmal ist ein Rauschen zu hören, manchmal das Anzählen oder kleine haptische Geräusche. Die Songs wirken dadurch wie eben eingespielt und sind genauso reduziert wie reich an feinen Nuancen im Klang. 

Es muss eine große Harmonie bei den Aufnahmen geherrscht haben, so unterbewusst gut, abgestimmt und passend erscheinen diese Details auf den Songs gesetzt. Ganz frei und ohne Zwang bringen die vier Musiker:innen jeweils ihre eigene Präsenz und Prägung an den Instrumenten mit. Das Klavier von Hakim klingt dabei oft sehr gefilzt, feinfühlig, das Banjo von Davidson versprüht hier und da leichten Country, die Violine von Runsteen kommt mit viel rustikalem Fingerspitzengefühl daher. Dabei fliegt nun auch nicht nur die Stimme Lenkers in ihrer schönen Akrobatik zwischen Höhen und Tiefen in den Songs, sondern manchmal erklingen die Texte mehrstimmig. 

Klassische Lenker Texte und Songs

Dabei gibt es Songs wie „Vampire Empire” oder „Already Lost”, die so instrumental vielschichtig sind, dass der Gesang und die Texte im Flow zur Nebensache werden. Gleichzeitig sind es klassische Lenker-Solo-Songs wie „Free Treasure” oder „Candleflame”, die fast ausschließlich mit akustischer Gitarre und poetischer Raffinesse verzaubern. Dabei schafft es die Folk-Musikerin wie kaum eine andere, alltägliche Beobachtungen aus dem Leben intuitiv in Songs und lyrische Landschaften zu verwandeln, welche beim Hören szenische Bilder im Kopf erzeugen. 

Do you wanna go to the river?

I know this spot so deep and green

With wild raspberries and apple trees

And rocks to climb between

Water like a washing machine

Free Treasure

Die 32-jährige Singer-Songwriterin schreibt so keine Songs, sondern vielmehr befasst sie sich mit den vielen Facetten zwischenmenschlicher Beziehungen und betreibt darauf bedrückende Erinnerungsarbeit. Dabei besitzt sie das genaue Gespür, ab wann ein Song zu kitschig oder groß aufgetragen wirkt, um dies schließlich in ihrem Gesang mit einem kleinen Wechsel in den Akkorden abzuwenden. 

Emotionale Tiefe der Songs

Auf „Evol” spielt Lenker mit den Worten, verdreht diese und bringt neue Bedeutungen hervor. „Love – evol/time – emit/god – dog/devil – lived”. Ein leerer Text, aber doch wirkt dieser Song so schwer und zentral auf diesem Album. Ein tief emotionaler Kontrapunkt zu den heimeligen Kindheitserinnerungen in „Real House” am Anfang wird schließlich auf „Ruined” gesetzt. Zu sphärischer Geige und gedämpften Klaviertupfern singt Lenker darüber, wie intensiv Beziehungen sein können und wie sehr diese ruinieren können. Doch so kompliziert und hart es manchmal ist, diese Songs geben Ruhe und Wärme. 

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Balthasar Zehetmair - Redaktion

Sucht den Sinn des Lebens in Bob Dylan Songtexten und findet ihn bei den Wildecker Herzbuben. Meistens in Schallplattenläden und immer mit Kopfhörern auf den Ohren zu sehen.

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