Beyoncé gibt sich gerne unantastbar. Vor 10 Jahren zeigte sie sich auf „Lemonade“ so verwundbar wie nie zuvor – das Album bleibt eine grandiose Ausnahme in ihrer Karriere.
Die unumstrittene Königin des Pop sitzt in einem leeren Haus auf dem nackten Boden und singt mit Tränen in den Augen in die Leere. Man hört ihr verletzliches Vibrato über spärlichem Klavier, an einem Punkt bricht ihre Stimme. Die Blumen in der Vase sind verwelkt, Kinderzeichnungen liegen auf dem Boden zerstreut, wie Andenken an ein verlorenes Familienleben. Es ist die Darstellung des Songs „Sandcastles“ in Beyoncés Film zu ihrem Album „Lemonade“. Zehn Jahre ist es her, seitdem die US-Amerikanerin ihr Image als unanfechtbare Powerfrau ablegte und sich in all ihrer Verwundbarkeit entblößte. Bis heute bleibt „Lemonade“ eine Ausnahme in ihrer Karriere.
Beyoncé inszeniert sich als Vorbild für Schwarze Frauen
Man könnte wohl folgende Faustregel aufstellen: Popstars bewegen sich in ihrem Image auf einem Spektrum zwischen Durchschnittlichkeit und Außergewöhnlichkeit – und für Frauen ist der Druck besonders hoch, sich darauf zu positionieren. Taylor Swift neigt schon immer besonders stark zum ersten Pol, Beyoncé dagegen zum zweiten. Während sich Swift bis heute fast ausnahmslos als Mädchen von nebenan inszeniert, pflegt Beyoncé das Image des erfolgreichen Vorbilds: von den Männern begehrt, von den Frauen bewundert. „Who run the world? Girls!“
Die queen bee geht voran und zeigt, wie man sich in einer männerdominierten Welt behauptet. Ich bin aufgestanden und bin „Flawless“. Kein Mann ist „Irreplaceable“, denn der nächste Verehrer wartet schon um die Ecke. Auf ihrem eponymen Album von 2013 spitzte Beyoncé dieses Selbstbewusstsein zu jener Sorte sexpositiven Feminismus zu, die seitdem so einflussreich (und teilweise kontrovers) geworden ist: sexuelle Selbstermächtigung als Befreiung der Frau. Dabei geht es Beyoncé speziell um die Schwarze Frau, die nicht nur immer dem begehrenden Blick anderer Männer, sondern neben der weißen Frau entmündigt gewesen ist. Dieser Unsichtbarkeit stellt Beyoncé gezielt den Stolz entgegen.
Selbstverständlich fußt dieses Image auch auf dem finanziellen Erfolg, den Beyoncé und ihr Ehemann Jay-Z erlangt haben. Die beiden inszenieren sich bis heute oft als Oberhäupter eines Schwarzen Imperiums, in dem Beyoncé nicht bloß Nutznießerin ist, sondern als tragende Säule agiert.
Im Imperium von Beyoncé und Jay-Z tun sich Gräben auf
Doch dann kommt 2016 – und das Duo Beyoncé/Jay-Z steht plötzlich nicht mehr für Black excellence, sondern für eine gescheiterte Ehe. Denn Jay-Z sei fremdgegangen: So geht es aus Beyoncés Musik selbst hervor. Und diese Musik bildet Beyoncé mit einem Mal nicht mehr als unantastbares Vorbild ab, sondern als verletzlichen Menschen mit Gefühlen des Neids, der Wut und der Einsamkeit.
„I’m praying to catch you whispering / I pray you catch me listening”, singt Beyoncé im Refrain des ersten Lieds von „Lemonade“. Sie will ihren Ehemann entlarven und selbst beim Lauschen erwischt werden. Sie will die Konfrontation erzwingen, aus Schmerz, aus verletztem Stolz. Denn wenn sie untergeht, dann geht er mit ihr unter. „When you hurt me, you hurt yourself“, poltert Gastsänger Jack White neben Beyoncé zwei Songs später ins Mikro. Was man als Drohung an Jay-Z verstehen kann, ruft zugleich den Gleichschritt der beiden Liebhabenden in Erinnerung und die unzertrennliche Verbundenheit ihrer Seelen.
Denn es geht auf diesem Album zwar um Beyoncé, aber wie immer geht es auch um mehr. Wenn Jay-Z bei „Becky with the good hair“ angekrochen kommt – so heißt es auf dem Lied „Sorry“ – dann betrügt er seine Schwarze Ehefrau mit einer stereotypischen Weißen samt ihren normschönen Merkmalen. Er wiederholt damit zugleich eine familiäre Geschichte und tritt in die Fußstapfen von Beyoncés untreuem Vater – der in ihrer Kindheit im religiösen Texas das Second Amendment hochhält, um seine Tochter vor Männern wie ihm selbst zu bewahren. All diese Details enthüllt der Country-Song „Daddy Lessons“ mit seinem tanzbaren Gitarrengroove und seiner rustikalen Bläser-Einlage.
Kein Beyoncé-Album ist so roh und vielschichtig wie „Lemonade“
Es sind Details, die man auf keinem anderen Beyoncé-Album in dieser Form hört. Beyoncé verbindet hier ihren persönlichen Schmerz und Stolz mit der politischen Geschichte des Schwarzen Amerika – wie besonders auf der Black-Empowerment-Hymne „Freedom“ mit Kendrick Lamar deutlich wird. Doch es wird eben auch deutlich, dass nicht jede:r Beyoncé sein kann. Auf „Don’t Hurt Yourself“ wirft sie ihrem Ehemann entgegen, sie brauche sein Geld nicht, schließlich habe sie genug eigenes.
Tatsächlich wurde sogar lange gemutmaßt, ob sich das Ehepaar nicht Jay-Zs Untreue einfach als Werbetrick einfallen ließ. Die Vermutungen lassen sich heute als unwahrscheinlich bewerten – doch sollte die Geschichte wirklich ein Stunt gewesen sein, ist dieser großartig gelungen. Die Erzählung des Ehebruchs führt Beyoncé von der Verleugnung über die Wut bis zur Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und schließlich zur Vergebung. Sie besteht eine emotionale Reifeprüfung, aus der sie nicht bloß als Unternehmerin oder als Sexsymbol hervorgeht, sondern als größerer Mensch.
Und am Ende, nachdem die Tränen vergossen und die Schuld vergeben ist, kommt mit „Formation“ dann doch noch Beyoncés Slay-Moment. Ihr Triumph. Der finale Song, der beweist, dass sie trotz aller Wunden und Imperfektionen halt immer noch fucking Beyoncé ist. Und wir sollten wissen, was das bedeutet.
Bild: Wikimedia Commons / CreativeCommons




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