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Auf dem Radar – August/September

23. September 20256 Min. gelesen

Country aus der Arbeiterklasse, Spoken-Word von den nächtlichen Straßen Dublins und ein Indie-Pop-Comeback aus Berlin: Diese Neuerscheinungen gehören unbedingt angehört und diskutiert!

For Those I Love – Carving the Stone

David Balfe liebt seine Heimat. Die belebten Pubs von Dublin, die Straßen, die seine Kreativität entfachen, die Freunde und Familienangehörigen, die ihn schon sein ganzes Leben umgeben. Doch die Heimatstadt des irischen Songwriters und Produzenten hat auch ein unschönes Gesicht: Da sind die kaum bezahlbaren Preise, die Bedeutungslosigkeit des modernen Arbeitsalltags, der schwelende Nationalismus und Balfes eigene Erfahrungen mit Trauer. Unter dem Namen For Those I Love verarbeitet der Dubliner diese komplizierten Gefühle zu roher, verletzlicher, elektrisierender Spoken-Word-Electronica. Mit verbissener Stimme rappt und rezitiert Balfe seine Lyrik ins Mikro, begleitet von kalten Synthesizern, atmosphärischem Keyboard, treibender Perkussion und rockigen Gitarren-Parts. Doch „Carving the Stone“ ist kein Album für die Tanzfläche. Es ist eines für die trunkenen Momente im nächtlichen Chaos der Großstadt, wenn die Dunkelheit ihren Höhepunkt erreicht und die Dämmerung bevorsteht.

Flora Fishbach – Val Synth

Der Bass pulsiert, die elektronische Perkussion regt zum Tanzen an und dann kommen diese glitzernden, irgendwie aus der Zeit gefallenen Synthesizer. Zu diesem eleganten Synthpop-Instrumental gesellt sich Flora Fishbachs reifer, souliger Gesang: „Allez rends-moi ma vie!“ – „Komm, gib mir mein Leben zurück!“, ruft sie und gleitet mühelos in ihre höhere Stimmlage, während die Synthesizer in ein funkelndes Crescendo übergehen. „Val Synth“, das dritte Album der 34-jährigen Französin, ist ein kurzweiliger Ausflug in die merkwürdigeren und eher selten erkundeten Gefilde des Synthpop. Der Schauspieler Jean Reno balzt auf dem nach ihm benannten „Comme Jean Reno“ mit gespielter Dramatik ins Mikro, hinter ihm ein synthetischer Chor. Dieses Album ist theatralisch, erotisch und nicht besonders ernst zu nehmen – eben deshalb macht es Spaß.

Dylan Earl – Level-Headed Even Smile

Aus dem tiefroten Arkansas kommt mit Dylan Earl einer, der vor der autoritären US-Regierung kaum niederknien dürfte – höchstens um ihr auf die Schuhe zu spucken: „I‘d rather be an outlaw than in with the law / All this authority worship is the strangest thing I ever saw.“ Ja, in Trumps USA nimmt „Outlaw Country“ plötzlich eine ganz neue Bedeutung an. Und Dylan Earl interpretiert sie über dreckigem Gitarren-Twang, bluesigem Klavier und warmem Pedal Steel auf ganz wunderbare Weise. Solidarität statt Aggression, Dosenbier statt white privilege: Dylan Earl gibt der Arbeiterklasse wieder ein vertrautes und manchmal vermisstes Gesicht. Dabei ist die Nonchalance des Country-Musikers gerade in Zeiten politischer Feindseligkeiten von ungemeinem Wert. Währenddessen dienen sein Südstaaten-Groove, sein charmanter Humor und seine Oden an die ländliche Natur als Erinnerung, dass in „Little Rock Bottom“ vielleicht nicht alles verloren ist.

Die Höchste Eisenbahn – Wenn wir uns wiedersehen schreien wir uns wieder an

Nach sechs Jahren meldete sich Die Höchste Eisenbahn dieses Jahr bereits mit einigen Live-Auftritte zurück. Nun aber hat die Berliner Band auch ihr viertes Album im Gepäck. Besonders schön daran ist dessen Verspieltheit, die sonnigen Arrangements, die Retro-Gesangsharmonien. Da ist etwa das schweifende 70er-Rock-Instrumental auf „Morgens geht’s Dir gut“ mit seinem bluesigen Klavier oder der ekstatische Refrain von „Dieses Leben“. Ein bisschen Beach Boys da, ein bisschen Rolling Stones hier, und dazwischen dieser klassisch deutsche Indie-Pop-Charakter. Keine Frage: Dieses Album riecht schon mal nach Café Latte am Prenzlauer Berg. Und die Band tut gut daran, diesen neu-bürgerlichen Habitus nicht allzu sehr raushängen zu lassen – vor allem nicht, wenn sie mit ihrer ironischer Bequemlichkeit ernsthafte emotionale Konflikte übertüncht („Hotpants“). Denn Lebensfreude gibt es auf diesem Album genügend. Auch ohne sie sich vorzuheucheln.

Beharie – When the Silence Gets Too Loud

Ein Singer-Songwriter mit Hang zu geschmackvollem Soul und einem Ohr für eingängige Refrains: Dieses Bild konnte man von Beharie gewinnen, wenn man sich sein Debütalbum von 2023 anhörte. Zwei Jahre später, auf dem Nachfolgeralbum, baut der Norweger auf ebendiesen Stärken auf. Doch „When the Silence Gets Too Loud“ klingt feinsinniger, verletzlicher, stärker in sich gekehrt. Beharie fährt die Pop-Produktion weitgehend herunter, er stellt sich und seine Gitarre in den Mittelpunkt. Dieser bescheidene Ansatz verdeutlicht zwar manche Limitationen seiner Texte. Doch vor allem trägt er zu einem fokussierten Album bei, dessen größter Charme in seiner Aufrichtigkeit und Beharies warmen, einfühlsamen Vortrag liegt.

Bild: Justin Cook

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