Weiterentwicklungen, Rückbezüge und spannende Debüts: Diese neuen Alben aus Techno, Hip-Hop und Indie Rock gehören dringend auf euren Radar!
Dan English – Sky Record
Zwei Stücke auf Dan Englishs Debütalbum tragen den Namen „Puzzle“. Selbst wenn man die beiden symbolisch zusammentut, fehlen einem wohl weitere Stücke, um das Puzzle zu vervollständigen. Denn „Sky Record” ist ein Album, das einen vor ungelöste Rätsel stellt und sich nicht unbedingt nach dem ersten Hören erschließt. Stilsicher bewegt sich Dan English sich irgendwo zwischen Pink Floyd und The Flaming Lips, zwischen 60er-Folk und experimentellem Hypnagogic Pop. Weitläufige Synths treffen hier auf die zarten Klänge der Akustikgitarre, verspielte Streicher wechseln sich mit dicken, verzerrten Gitarren ab. Einige Songs auf diesem Album geraten eher skizzenhaft, manche Idee wirkt nicht ganz ausgereift. Doch Potenzial hat Dan English allemal: Immer wieder stellt er musikalische Dynamik und Songwriting-Talent unter Beweis. Ein sehr vielversprechendes Debüt.
Sofia Kourtesis – Volver
Nach ihrem hervorragenden ersten Album ist die Produzentin und DJane Sofia Kourtesis mit einer neuen EP zurück. Diese hat die gebürtige Peruanerin und Wahlberlinerin der LGBTQ+-Community gewidmet. Musikalisch besinnt sich Kourtesis vor allem auf das, was ihren Sound bisher ausgemacht hat: melodische Club-Beats mit feinen Anspielungen auf traditionelle und zeitgenössische lateinamerikanische Musik. Unter die pulsierenden Bässe von „Canela Pura” mischt sich eine spürbare Portion Reggaeton. Der musikalische Höhepunkt dieser EP, „Ballumbrosio“, verbindet frenetisch pochende Cajón-Perkussion mit Rasseln, Trillerpfeifen und einer Gesangseinlage des peruanischen Sängers Miguel Ballumbrosio. Der Song stellt eindrucksvoll unter Beweis, wozu Sofia Kourtesis in ihren genialsten Momenten fähig ist: nämlich die kulturellen Traditionen ihres Heimatlandes auf ekstatische Weise neu zu interpretieren.
Open Mike Eagle – Neighborhood Gods Unlimited
Es ist in der heutigen Zeit nicht immer leicht, sich als freischaffender Kreativer zu behaupten. Wie bezahle ich jeden Monat die teure Großstadtmiete? Wie gehe ich mit dem niemals endenden Internet-Diskurs um, zu dem ich mit meinen Inhalten selbst beitrage? Und was passiert, wenn das Handy, auf dem all meine Gedanken und Songideen gespeichert sind, auf den Asphalt fällt und von einem Auto überrollt wird? Diese Fragen stellt sich Underground-Rapper Open Mike Eagle auf seinem zehnten Album „Neighborhood Gods Unlimited“. Witzig, feinsinnig, dialoghaft und selbstreferenziell kommentiert er das komplizierte Künstlerdasein im 21. Jahrhundert. Doch zwischen Selbstzweifeln und digitalem Kapitalismus gibt es auch tröstliche Momente; zum Beispiel als Open Mike Eagle über einem jazzigen Gitarren-Loop an seine Grundschullehrerin erinnert, die ihm die Teilnahme an Buchstabierwettbewerben ermöglichte und ihm Fähigkeiten zeigte, die er selbst nicht in sich erkannte.
First Day Back – Forward
Eigentlich dürfte ein Album wie „Forward” in diesem Jahrhundert gar nicht erscheinen. Das Debüt von First Day Back klingt, als wünschte sich die kalifonische Emo-Band nichts sehnlicher zurück als die späten 90er. Das Quintett wagt eine ziemlich offensichtliche und ziemlich charmante Hommage an die Emo-Spielart, die vor etwa dreißig Jahren aus dem Mittleren Westen der USA heraus entstand. Die Klangfarbe der Gitarre, der verwundbare Gesang, die raue Produktion triefen vor einem Retro-Flair, der hier stilsicher interpretiert wird. First Day Back beherrscht die musikalischen Dynamiken des Genres und setzt mit einer Violine und einer Mundharmonika auch eigene Akzente. Besonders befreiend klingt dieses Album, wenn sich die Gitarrenwände auftürmen und der verletzliche Gesang explodiert; so etwa auf dem letzten Song „Twelve Mile Train Tracks”, der sich zu einem bittersüßen Crescendo aufbaut und in einem mitreißenden Violin-Solo gipfelt. „Forward” ist eine schamlose Hommage – wie schön, dass es sie gibt!




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