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Auf den schlechten Geschmack!

9. November 20235 Min. gelesen

Frauen stellen im Pop zunehmend ihre unschönen Seiten zur Schau. Was das mit Empowerment und Digitalisierung zu tun hat.

Der weibliche Popstar ist klassischerweise makellos. Das prägende Bild von „Like a Virgin“ ist Madonna im weißen Kleid mit glitzernden Ketten um den Hals. Im Video zu „All for You“ tanzt Janet Jackson eine schwungvolle Choreo, fährt sich durch die Haare und lacht in die Kamera. Von Brigitte Bardot bis Whitney Houston verkörperten Frauen als Musikidole stets das Hübsche, Glamouröse, Verführerische und Begehrenswerte. Das tun sie zum Teil auch heute noch. Aber immer mehr rückt eine Figur ins Rampenlicht, die ihrem Erscheinungsbild nach ganz und gar nicht mehr glatt und perfekt ist; sie ist vielmehr unsicher, notgeil, neurotisch, selbstverliebt, einsam, verletzlich.

Was Kurt Cobain durfte, darf heute auch Kesha

Billie Eilish in ihrer Inszenierung als „bad guy“ stellt nur eine Vorstufe dieses Trends dar. Dass sie deine Mutter zum Weinen bringt und vielleicht mit deinem Vater schläft, sagt sie vor allem als Spiel. Aber dass Frauen im Pop zunehmend die Details ihrer Fetische, Hysterien und Sinnkrisen in den Mittelpunkt stellen, spiegelt ein genuines Streben nach Selbstermächtigung wider. So präsentiert Olivia Rodrigo auf ihrem neuen Album die „perfect all-American bitch“, die sogar beim Weinen hübsch aussieht, als reine Karikatur. Dagegen kann Hässlichsein heute empowernd sein – zumindest wenn man sich diese Eigenschaft selbstbrwusst aneignet.

Nun kann man fragen: Hat nicht jedes Idol Ecken und Kanten? Vermutlich ja, denn sonst wäre es bloß der langweilige Prototyp einer Persönlichkeit. Indem Popstars provozieren, können sie zu einem Wandel von Normen beitragen, die gesellschaftlich ins Wanken geraten sind. Doch Kurt Cobain oder Udo Lindenberg verzieh man es immer leichter als Britney Spears, wenn sie sich von ihrer dreckigen, respektlosen und wankelmütigen Seite zeigten. Spätestens seit den 1960er-Jahren präsentieren sich zwar auch Musikerinnen entgegen der herrschenden Schönheits- und Sittlichkeitsideale. Jedoch sind Betty Davis oder Björk als Ikonen einer Subkultur noch lange keine Popstars. Kesha und Cardi B dagegen schon.

Mit dem Feminismus-Schub der letzten Jahre sind Frauen im Pop heute weniger gezwungen, ein bestimmtes Idealbild zu bedienen. Oft können sie all den schlechten Geschmack offenbaren, der Männern schon lange vergönnt ist. Zumindest scheinen viele Frauen im Pop gegen die Erwartung aufzubegehren, das Unberührte und Tadellose abzubilden. In der breiten Öffentlichkeit findet das mehr Anklang als noch vor gut zehn Jahren: Damals stilisierte sich Kesha als ungezügeltes Party-Girl und wurde dafür als billig und pervers abgetan. Heute applaudieren ihr die meisten Kritiker:innen für die Waghalsigkeit ihrer Ästhetik.

Wider die Selbstoptimierung?

Dieser Wandel in der Selbstdarstellung lässt sich auch vor dem Hintergrund der Digitalisierung deuten. Denn gesellschaftliche Erwartungen werden heute massiv ins Netz getragen – und sie richten sich wiederum vor allem an Frauen. Dem Druck, sich auf einem perfekten Social-Media-Profil stets selbstbewusst und erfolgreich zu zeigen, begegnen immer mehr Menschen, indem sie auch ihre hässlichen Seiten dokumentieren. „Pretty isn’t pretty enough“, singt Olivia Rodrigo und entlarvt die digitalen Beauty Contests als sinnloses Hamsterrad. Weil sie dem Anspruch, makellos zu sein, ohnehin niemals genügen können, bekennen sich viele It-Girls der heutigen Popmusik lieber ganz offensiv zu ihren Schwächen.

Teil der Pop-Logik ist es dann, diese Lüste, Unzulänglichkeiten und vermeintlichen Fehler in das individuelle Profil einer Persönlichkeit aufzunehmen. Kesha schlüpfte zu Beginn ihrer Karriere in die Rolle der wilden, unkontrollierten Clubgängerin. Miley Cyrus war lange Zeit die Femme Fatale, die erst verletzlich wirkte, wenn sie nackt auf einer Abrissbirne umherschwang. Diese Bilder bleiben einem Publikum im Kopf. In der aktuellen Abkehr vom Idealbild des weiblichen Popstars gehen Empowerment und Selbstvermarktung Hand in Hand. Denn der Pop folgt dem gleichen Prinzip wie die digitale Aufmerksamkeitsökonomie: Wer gewinnen will, muss sich effektiv inszenieren. Und sei es als narzisstische, eifersüchtige Einzelgängerin.

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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