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Aus Offenbach über die Gesellschaft: Warum die „Babo“-Doku Haftbefehl nicht gerecht wird

21. November 20258 Min. gelesen

Kaum jemand hat Rap in Deutschland so radikal verändert wie Haftbefehl aka Aykut Anhan – darüber sind sich HipHop-Journalist:innen, Szene-Insider und Kulturkritiker:innen einig. Die viel beachtete Netflix-Doku über den Rapper ergötzt sich aber lieber an der Tragödie seines Drogenkonsums als sich ernsthaft mit seiner Lebensrealität auseinanderzusetzen.

Als Sohn kurdischer Gastarbeitereltern, aufgewachsen zwischen Offenbacher Hochhäusern hat er mit seiner Sprache in der HipHop-Landschaft ganze Realitäten geöffnet und ihr nachhaltig eine neue Grammatik verpasst – eine Sprache, die zur Lage in Deutschland kein Blatt vor den Mund nimmt, die die Widersprüche, Wut und Ohnmacht aufzeigt und damit Kids von Offenbach bis in deutsche Kleinstädte erreicht.

Ohne die Lage in Deutschland zu beschönigen oder sich einer Hörerschicht, die Erfolg verspricht, anzubiedern, hat er in Deutschlands beliebtesten Streaming-Genre Rap kompromisslos beschrieben, wie Armut, Drogen, Rassismus und psychischer Druck nicht als Randphänomene, sondern im Zentrum einer von Ungleichheit geprägten Gesellschaft stattfinden. Seine Texte sind Zeugnisse, die Widersprüche und mehrsprachige Bilder veranschaulichen, die alle Teil von Deutschland sind.

Wer also über ihn spricht, spricht immer auch über die Gesellschaft und über Deutschland. Vielleicht ist deshalb die Netflix-Dokumentation „Babo – Die Haftbefehl Story“ so symptomatisch für diesen Moment – nicht, weil sie so viel über Haftbefehl erzählt, sondern weil sie so wenig über die Gesellschaft und die Musikindustrie zu sagen weiß, die ihn hervorgebracht hat.

Rap als Gesellschaftskritik und Jugendkultur

Was „Babo“ zeigt, ist das Einzelschicksals eines Künstlers, der an seinem eigenen Trauma, seinem Erfolg und an Kokain zugrunde geht. Man sieht Drogen, den Leistungsdruck von innen und die Abstürze – aber was man nicht sieht, ist ein ganzes System, das Kunstschaffende, unter starkem Leistungsdruck bis zum Äußersten herausfordert und auszehrt. Man sieht Haftbefehl, wie er ganz in „Rockstar-Manier“ zu spät zum eigenen Label-Signing kommt, aber nicht, was es bedeutet, dass ein ganzer Industriezweig, der Musikindustrie, davon lebt, dass Künstler wie er funktionieren müssen – egal in welchem Zustand.

Haftbefehls Erzählungen und seine Texte drücken eine Realität aus, die in Deutschland längst Alltag ist – Gesellschaftskritik über Armut, Depression und Drogen als Symptome eines gespaltenen Systems, das auf Verwertung, Konkurrenz und Ausgrenzung baut. Während Stadtteile wie Offenbach oder Berlin-Neukölln kaputtgespart werden, Schulen immer maroder werden, Jugendzentren oder soziale Infrastruktur wegen Kürzungen im Kultursektor verschwinden, hat HipHop seit den 2010ern und der Erschaffung einer Gegenöffentlichkeit durch Rapper wie Haftbefehl oder Xatar längst verstanden, dass diese Probleme keine sogenannten Rand- oder Parallelgesellschaften, sondern die gesamte Gesellschaft betreffen.

HipHop in Deutschland zeigt eine Klassengesellschaft, in der sozialer Aufstieg trotz großer Anstrengungen oft kaum möglich ist – und wie die Verlierer der Gesellschaft moralisch bewertet werden, statt die strukturellen Ungleichheiten in den Blick zu nehmen. Wenn Haftbefehl rappt: „Bei dir stehen zwei Porsche in der Einfahrt / Ich schau’ vom Balkon in den Hochhauseingang“ dann entlarvt er sowohl Klassenunterschiede als auch Aufstiegs- und Chanceversprechen, die ins Leere gehen und sich in der tief verwurzelten gesellschaftlichen Ungleichheit verlaufen.

Ausgehend von Impulsen der US-amerikanischen Hip-Hop-Kultur, die durch die in Frankfurt am Main stationierten US-Soldaten seit den Nachkriegs- und Kalten-Kriegs-Jahren in Deutschland sichtbar wurde, entwickelte sich HipHop dort als eigenständige Interpretation der Jugendkultur – in einer Sprache, die so plural ist wie die Gesellschaft selbst. Neben Artists wie Kurdo, Azad oder Celo & Abdi hat vor allem Haftbefehl dazu beigetragen, einen Multilingo in der deutschen Popkulturlandschaft zu etablieren. Mit französischen und amerikanischen Inszenierungen sowie Ästhetiken und sprachlichen Einflüssen aus dem Arabischen, Türkischen, Kurdischen und Offenbacher Slang. Der Rapper aus Offenbach am Main sprengte damit das enge Korsett des Hochdeutschen, das jahrzehntelang definierte, wer zu diesem Land gehört und wer nicht. Damit veränderte er nicht nur die Sprache im Rap, sondern auch die Alltagssprache der Jugend in den Städten.

Deutschland hat kein Integrations-, sondern ein Klassenproblem

Eröffnet wird mit Haftbfehls unverkennbarer Sprache ein Möglichkeitsraum, in dem Jugendliche aus der Abgrenzung ihre Stimme wiederfinden. Sie halten der Gesellschaft mit Rap-Versen einen Spiegel vor und sprechen selbstbewusst erlebte Alltagsrealitäten an, die tief von Rassismus, Armut und Ausschluss geprägt sind. Sie zeigen: Deutschland hat kein Integrationsproblem, sondern ein Klassenproblem. Und während sich Abgeordnete im Bundestag noch immer über den Verlust der traditionellen Werte und den drohenden Verlust einer „Leitkultur“ echauffieren, macht HipHop schon lange deutlich, dass das, was als „Parallelgesellschaft“ und „die Anderen“ stigmatisiert wird, bereits lange Teil der deutschen Gesellschaft ist. Jugendliche mit transnationalen Biografien, aus Hochhausblocks und Vorstädten, mit kurdischen, arabischen und bosnischen Einflüssen prägen längst die kulturelle Landschaft in diesem Land. Haftbefehl war nur einer derjenigen, die es unüberhörbar gemacht haben.

Mit seinen Texten erreicht er damit nicht nur die Kids aus der Offenbacher Nachbarschaft, sondern auch jene, die fernab von Hochhausblocks aufgewachsen sind und baut damit Brücken zwischen marginalisierten Lebensrealitäten und der sogenannten Mehrheitsgesellschaft.

Ob Haftbefehl die gesellschaftlichen Missstände dabei vor seiner Zeit vorhersagte? Eher nicht – Rassismus und institutionelle Gewalt und Armut sind keine Probleme, die erst seit 10 Jahren bestehen, sie wurden nur gekonnt ignoriert. Haftbefehl aber brachte sie im Mainstream-Rap auf die Landkarte, benannte sie und machte deutlich, dass Schicksale in diesem System alles andere als Einzelschicksale sind. Dabei bietet er immerhin jenen, die selbst den Ausschluss erfahren, über den er in seiner Musik spricht, eine starke Identifikationsfigur.

Wer sich also wirklich mit ihm auseinandersetzt, wird spätestens bei „Das Schwarze Album“ merken, dass es um mehr geht als um Drogen und den Verfall eines Rap-Idols. Es geht um schonungslose Gesellschaftskritik und ein System der Musikindustrie, das seinen Künstlern Immenses abverlangt, um Erfolge zu erringen.

Wenn es eine Rap-Doku braucht, dann eine, die sich tiefgehend mit der Gesellschaft in Deutschland und ihren Kulturschaffenden auseinandersetzt, statt sich an ihrer Tragödie zu bedienen. Und wer sich ernsthaft mit Haftbefehl und seinem Lebenswerk beschäftigen will, kommt nicht daran vorbei, seine Alben als Protokolle seines Lebenswegs und der Widersprüche der spätkapitalistischen Gesellschaft noch einmal genau zu hören.

Titelbild: @Sven Mandel/Wikimedia

Lucia Schmidt

Aufgewachsen zwischen Britpop-, Indierock- und HipHop-CDs war die Musikleidenschaft vorprogrammiert. Seitdem stöbere ich auf Flohmärkten nach CD-Schätzen, entdecke Vorbands als neue Lieblingsacts und zähle die Tage bis zum Release-Friday. So manches, was sich dabei an Eindrücken, Fundstücken und Gedanken ansammelt, landet hier.

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