Unser Autor findet München zahm und verschlafen. Auf dem Theatron Pfingstfestival bringen zwei norddeutsche Rap-Gruppen die rebellische Energie mit, die er von der Landeshauptstadt vermisst.
Ich bin vor über drei Jahren nach München gezogen – und ich muss zugeben, ich halte die Stadt in ein paar Hinsichten für etwas eintönig. Das soll nicht heißen, dass hier nichts Interessantes vor sich geht, aber vor dem Hintergrund der Gentrifizierung, des Verschwindens traditioneller lokaler Geschäfte und einer anhaltenden Stille, kann ich nicht anders, als etwas skeptisch zu sein. München ist keine provokante Stadt, sie hält die Dinge einfach und zugänglich: Oktoberfest, Tollwood, FC Bayern. Dementsprechend war ich sehr überrascht, als der Line-up für das Theatron Pfingstfestival zwei Hip-Hop-Gruppen aus Norddeutschland inkludierte, die mit der Münchner Zahmheit wenig zu tun haben. Sie brachten nicht nur sich selbst auf die Bühne des Theatron, sondern auch die Mentalitäten ihrer jeweiligen Städte: Berlin und Hamburg.
6euroneunzig feiern die Ketzerei

Das Berliner Rap-Duo 6euroneunzig brachte ein Stück Berlin nach München – komplett mit der unverblümten politischen Energie und dem unverfrorenen Stil, den man mit der Hauptstadt assoziiert. Sie machten keinerlei Hehl aus den Inhalten ihrer Musik und den Werten, für die sie damit eintreten. Man könnte sagen, sie seien zu „provokativ“, aber das wird dem Berliner Rap-Duo nicht gerecht: Dies wäre ein Wort, das die Botschaft, die sie durch ihre Musik vermitteln wollen, verschleiert. Sie sind kompromisslos sexpositiv, gegen Frauenfeindlichkeit und sprechen offen über Weiblichkeit, Feminismus und Antifaschismus – eine klare Message und Haltung.
In einem bestimmten Moment forderten sie das Publikum auf, ihr bestes Hexengekicher zum Besten zu geben, und während ich dabei kläglich versagte, schien das Publikum es perfekt hinzubekommen. Einen Aufruhr von Hexengekicher zu hören, fühlt sich ziemlich inspirierend an und überhaupt nicht bedrohlich, wie die religiösen Eiferer der Vergangenheit (und Gegenwart) einen glauben machen wollen. Angesichts der Tatsache, dass Hexen wegen angeblicher Ketzerei ohne ordentliches Verfahren verfolgt wurden, könnte das Hören dieses Hexenkicherns in der heutigen Zeit kein deutlicherer Vorwurf an die patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft sein.
6euroneunzig hat definitiv ein Faible für Show-Woman-Ship und davon war während des gesamten Sets reichlich zu sehen. Sie ließen gefälschte Euro-Scheine regnen mit der Zahl 69 zu sehen waren. Sie luden Fans ein, die Bühne mit ihnen zu teilen. Auch jenseits der Bühne war die Interaktion mit der Crowd großartig. Ich habe im urigen München eine Rave-Party im Berliner Stil erlebt und sogar ein bisschen was gelernt: Vor diesem Set wusste ich nichts vom „Fotzen“-Subgenre im Rap. Aber ich war weder von 6euroneunzig noch von ihrer Botschaft von Selbstermächtigung, Sexpositivität, selbstbewusster Weiblichkeit und natürlich einem großen Stinkefinger gegenüber dem immer noch unterdrückenden Patriarchat.

Bangerfabrique stehen für weibliche Selbstermächtigung ein

Diese Energie hörte mit 6euroneunzig nicht auf. Bangerfabrique, ein Rap-Kollektiv aus Hamburg, setzte diese gleiche Wildheit fort und verlieh ihren Songs dabei etwas mehr Nuance. Das Kollektiv besteht aus fünf Mitgliedern: drei Rapper und zwei DJs aus verschiedenen Ländern, innerhalb und außerhalb Deutschlands. Der internationale Charakter der Stadt Hamburg spiegelt sich auch in der bunten Zusammensetzung der Gruppe wider und in ihrem Sound. Es ist immer eine willkommene Bereicherung, wenn Künstler dies tun, und trug auch im Fall von Bangerfabrique zu einem einzigartigeren, vielfältigen Sound bei. Auch ihre crowd work war sehr gut. Ich glaube, ich kann für uns alle dort sprechen, wenn ich sage, dass uns die von karibischen Rhythmen inspiriert „Dance Break“ zwischen den Songs das Gefühl gab, in einem Club zu sein, ohne tatsächlich in einem zu sein
Gute Musik und Tanzen waren jedoch nicht alles, was das Hamburger Hip-Hop-Quintett zu bieten hatte. Zwar waren sie nicht so politisch provokativ wie 6euroneunzig, aber sie waren ganz sicher ebenso ausdrucksstark. Dieselbe selbstbewusste Energie, die feministische Message von Selbstermächtigung und grenzenloser Self-Expression war immer noch da und wurde von uns allen gespürt. Ein klassischer Fall von showing and not telling, wobei die Botschaft klar bleibt. Auch über zwei Wochen nach den Auftritten dieser Gruppen bin ich überzeugt: Diese Art von Hip-Hop ist eine dringend benötigte Aufrüttelung des stillen München.

Bilder: Wayne Chao




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