Der Musiker Betterov verleiht ostdeutschen Lebensrealitäten eine Stimme. In der Münchner Muffathalle bringt er seine Erzählungen mit zusätzlicher Dringlichkeit auf die Bühne.
Als nach dem Auftritt in der Muffathalle ein Oasis-Song aus den Lautsprechern tönt, singt das Publikum von ganz alleine mit. Manuel Bittorf alias Betterov und seine Bandkameraden verneigen sich schon, als die Zuschauer:innen den hymnenhaften Refrain von „Don‘t Look Back in Anger“ mitsingen und die Arme von links nach rechts schwenken. Es ist eine Würdigung der vier Musiker auf der Bühne. Und gleichzeitig geht von diesem Moment das Signal aus, auch über den Auftritt der Band hinaus verbunden zu sein, hier und jetzt.
Betterov ist derzeit für sein letztjähriges Album „Große Kunst“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs und an diesem Samstagabend in der Münchner Muffathalle. Dem gebührenden Abschied durch das Publikum ist ein leidenschaftlicher Auftritt vorausgegangen. Einer mit viel Bombast und Brustgesang, aber auch mit ein paar intimen Momenten.
Und eben das ist wohl der Markenkern von Betterovs Musik: nicht nur die Filmreife der 80er-inspirierten Post-Punk-Hommagen, nicht nur das Melodrama der Klavierballaden und die Eingängigkeit seiner Refrains – es sind auch seine Liebe zum Detail und seine scharfen, witzigen Alltagsbeobachtungen, die das Gegengewicht zu all der Grandiosität bilden.
Betterov hält familiäre Erinnerungen aus DDR-Zeiten wach
Manuel Bittorf, 1994 in einem thüringischen Kurort geboren, macht als einer der wenigen im deutschen Pop das Leben in Ostdeutschland sichtbar. Er habe auf „Große Kunst“ nicht nur seine eigene Geschichte erzählen wollen, sondern auch jene der Menschen vor ihm. Zum Beispiel die seines Vaters, der vor über 35 Jahren aus der DDR floh. „Meine Mutter hat ihm 800 Ostmark eingesteckt, die er später in 58 Westmark umtauschte“, erzählt Bittorf in der Muffathalle. „Davon hat er sich dann eine Jeans gekauft und einen Kasten Veltins.“
Aus Bittorf spricht eine tiefe Wertschätzung für die Erfahrungen seiner ostdeutschen Weggefährt:innen. Mit der Anekdote von seinen Eltern leitet er auf die Bühne die Songs „17. Juli 1989“ und „18. Juli 1989“ ein, die von ebendieser Fluchtgeschichte handeln. Betterov schafft mit seiner Musik etwas, das in der deutschen Öffentlichkeit oft nicht einmal versucht wird: ostdeutsche Lebensrealitäten auf plastische und empathische Weise darzustellen; die Probleme nicht zu verschweigen, doch auch von den Hoffnungen und Errungenschaften zu sprechen.

Bittorf geht es wohl darum, Erinnerungen wachzuhalten. Denn wenn man sich die Menschheitsgeschichte auf einem Zeitstrahl anschaue, sagt er, dann seien das SED-Regime und der Widerstand dagegen „gefühlt fünf Sekunden her“. Aus der Erinnerung zieht er eine Lehre für die Gegenwart: „Man kann Menschen ihre Freiheit nehmen, aber nicht ihren Freiheitswillen.“
Live-Energie trifft persönliches Storytelling
Diese Intimität ist aber nur eine Seite von Betterovs Musik. Sie füllt die andere Seite mit Leben, jene Seite, die auf der Bühne im Mittelpunkt steht: die mitreißenden Refrains, die bretternden Gitarrenriffs, die NDW-inspirierten Synthie-Melodien. Ja, Betterov und seine Band können auch einfach gut abrocken. Das zeigt sich gerade auf den älteren Songs des noch jungen Musikers. Diese sind tendenziell etwas geradliniger und bringen live umso mehr Headbang-Potenzial mit. Und auch manch neuer Song wird der unmittelbaren Energie des Live-Auftritts angepasst: So singt Bittorf den Refrain von „Sag nicht deinen Namen“ zwei Oktaven höher und verleiht ihm dadurch zusätzliche Dringlichkeit.
Seine beiden Seiten, die Intimität und den Bombast, lässt Bittorf auf „Papa fuhr immer einen großen LKW“ verschmelzen: ein Lied, in dem er eine prägende Kindheitserinnerung verarbeitet. Er sitzt allein am Klavier und singt aus tiefer Brust, starkes Reverb lässt seine Stimme im Raum widerhallen. Nach dem zweiten Refrain setzen Schlagzeug und Gitarre zu einem explosiven Finale ein. Eine Power-Ballade nach Maß.
Vor Beginn des Liedes erzählt Bittorf, dass er den Text eines Nachts vor dem Einschlafen schrieb, als er irgendwo auf Tour unterwegs war. Er habe an seinen Vater denken müssen, den er als Kind öfter am Wochenende bei seiner Arbeit als LKW-Fahrer begleitet hatte. Da habe er nun gelegen, der Sänger, im Bus auf irgendeiner namenlosen Autobahn. Genau wie damals sein Vater, der doch einen ganz anderen, wesentlich unbequemeren Job gemacht hatte. Und dann habe Bittorf gedacht: „Egal, wohin das Leben einen führt, am Ende kehrt man dorthin zurück, wo man gestartet ist.“
Bilder: Felix Meinert




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