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BIBIZA – „Wiener Schickeria“

19. Juni 20235 Min. gelesen

Mit der „Wiener Schickeria“ setzt BIBIZA seinem Heimatort Wien ein facettenreiches Denkmal: in gleichen Maßen dekadent, ironisch und emotional aufgeladen.

Von Christopher Bertusch

Der Titel dieses Albums, gekoppelt mit seinem ersten Lied, wirft bereits eine erste Perspektive auf BIBIZAS thematischen Schwerpunkt. In „Guten Morgen“ begrüßt der österreichische Schauspieler Nicholas Ofczarek das Publikum zu einer Reise in die Wiener Schickeria, an diesem „Tag zum Helden zeugen“. Ähnlich süffisant beginnt BIBIZA daraufhin über die „gleichen gestrigen Sorgen“ und seine verflossene Liebe zu singen. Was auf dem Papier schmalzig klingt, wird durch die lockere Wiener Art des Sängers ausgeglichen, welche zwischen einem anziehenden Dialekt, einer humoristischen Note und einer kompletten Lässigkeit schwingt.

Die Liebe ist ein Thema, das die „Wiener Schickeria“ durchgehend beschäftigt. Es ist ein Liebesalbum, nicht aber unbedingt an die Damen in BIBIZAS Leben, viel mehr an den Ort, der sie alle verbindet: Wien. Doch wie klingt diese Stadt?

Wiener Dekadenz

Das Cover zum Debütalbum „Wiener Schickeria“ von Bibiza ©Bibiza

Zunächst klingt sie wie das Klischee, das wohl viele von ihr haben. Fast schon exzessiv spricht BIBIZA vom „Spritzwein“, dem „Schnee“, dem „Koko“ und den anderen Drogen. Bereits im zweiten Lied konsumiert er Kokain am namhaften Opernring, redet über nächtliche Taxifahrten und das Anbändeln mit verschiedenen Damen. Zusammen mit weiteren Tracks wie „Schick mit Scheck“, „KiK“ oder „Ballern am Balkon“ zeichnet sich hier das klischeehafte Wiener Stadtbild voller Dekadenz und Feierlaune ab. Im Hintergrund tönen die E-Gitarren und Synths, die Refrains laden zum Mitschreien ein. BIBIZAS Manier läuft dabei auf einer Linie zwischen Falco und Yung Hurn, erinnert an die ironische Textlichkeit der Wiener Musik der 80er/90er Jahre oder der Deutschen Welle. Ein kleines bisschen Alligatoah steckt vielleicht auch noch darin.

Die „Wiener Schickeria“ ist jedoch genauso vielfältig wie ihre Stadt selbst, denn neben viel Wortwitz und dekadenter Aufmüpfigkeit präsentieren sich hier ebenso emotionale Momente tiefer Reflektion. Immer wieder wechseln BIBIZAS Lyrics zwischen Witz und Ernst sowie zwischen Banalität und Brillanz. All diese Ebenen sind hier nur zwei Seiten derselben Medaille: Während man zuerst über den Wiener Akzent und Sätze wie „Wer schwankt hat mehr vom Weg“ lacht, grölt man kurz darauf herzergreifend das nächste Lied mit. Der alltägliche Drogenkonsum ist scheinbar nur ein Deckblatt für die Gefühle von Nostalgie, Verlust und Weltschmerz, so beispielsweise auf „Wer leidet mit mir?“:

Sag wer auf dieser Welt hat Mitleid mit mir?

Wer leidet mit mir außer meine Lunge und meine Leber?

Sag wer auf dieser Welt is noch da, wenn ich mich nicht spür?

Bibiza – Wer leidet mit mir?

BIBIZAS Vortrag dieser unterschiedlichen Facetten seines Lebens und seiner Stadt wird dabei niemals einseitig. Sein Ton ist gleichermaßen Konversation und Poesie, Stand-Up und Gesang. Immer wieder schlagen die Lieder eine neue Richtung ein, erhalten die Hooks eine neue überraschende Melodie. Einmal schwingen nachdenklich die Synths mit, ein anderes Mal ertönen auf einmal Geigen und ein drittes Mal massiert eine E-Gitarre die Gehörmuskeln. Dabei macht BIBIZA kein Geheimnis um seine musikalischen Inspirationen: Samples wie Mozarts „Kleine Nachtmusik“, „Amore, Amore“, „Spiel mir das Lied vom Tod“ und andere Einflüsse zeichnen sich im Verlauf des Albums immer stärker ab.

Mit 20 Titeln und 48 Minuten ist die „Wiener Schickeria“ eine kleine Rundreise durch die namensgebende Stadt. Zu viel sei nicht über die Ausgänge dieser Reise verraten, aber es kann gesagt werden, dass sie wie eine wirkliche Stadtfahrt an erstaunlichen Orten enden kann, faszinierende Entdeckungen ermöglicht und Humor mit einer Wucht an Emotionen verpackt.

  1. Foto: Florian Moshammer
  2. Foto: Bibiza

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