Vom Arbeitsplatz ins Weltall und zurück in den Orchestergraben: Bruno Pernadas und seine Band führen eine musikalische Odyssee an, die es in sich hat.
Man müsste Bruno Pernadas Arbeitsplatz vielleicht mal aufräumen. Lose Blätter und Schnellhefter stapeln sich auf dem Keyboard. Daneben leuchten ein Desktop-Bildschirm und ein aufgeklappter Laptop auf, ein weiterer Monitor ist aus. Zwei Lautsprecher, ein Plattenspieler, mehrere Kopfhörer, Mikro, Maus und Tastatur, Büromaterial und überall Kabel, Kabel, Kabel. Von der Wand schauen Schwarz-Weiß-Porträts auf den Schreibtischstuhl, der gerade unbesetzt zu sein scheint, nur eine Jacke ist drüber geworfen.
Das Cover von Bruno Pernadas‘ neuem Album „unlikely, maybe“ ist nicht nur Abbild eines ziemlich stressig wirkenden Arbeitsprozesses – es gibt auch Einblick in das, was so alles im Kopf eines Musikers herumzuschwirren scheint, die unvollendeten Projekte, die Ideen, die sich auftürmen, das farbenfrohe Chaos. Die elektrisierenden Klanglandschaften auf dem fünften Album des portugiesischen Musikers und Produzenten: sie sind in diesem Chaos entstanden und, ja, sie sind Produkt handfester Arbeit.
Pernadas versammelt ein halbes Orchester hinter sich
Aber nochmal von vorn. Bruno Pernadas ist 34 Jahre alt, in Lissabon geboren und gelernter Multi-Instrumentalist. Als Bandleader eines breiten Ensembles verbindet er seit 2014 Jazzmusik mit einer Reihe von Genres, von Lounge-tauglichem Pop bis zu psychedelischem Space Rock. Sowohl die breite Besetzung als auch seinen experimentierfreudigen Ansatz nimmt Pernadas auf sein fünftes Album „unlikely, maybe“ mit.
Die Kompositionen der neun Songs sind üppig, fluktuierend, ausufernd. Pernadas versammelt hier ein halbes Orchester hinter sich und setzt seine elektrische Gitarre, Synthesizer und E-Piano oben drauf. Wie ein roter Faden ziehen sich dabei verspielte Gesangseinlagen und hypnotische Chorgesänge durchs Album. Der Chor auf dem Eröffnungsstück „Untitled (raindrops)“ verschmilzt förmlich mit Pernadas‘ sphärischen Synth-Melodien, während sich im Hintergrund allerlei manipulierte Gesangsfragmente auftürmen. „Juro que vi túlipas“ verwendet eine Auto-Tune-Passage als Solo, bevor Maya Blandy mit einer eleganten Rap-Strophe einsetzt. Auf „Já não tem mais encanto“ klettert Gastsängerin Lívia Nestrovski im Zusammenspiel mit Big-Band-Bläsern die Tonleiter hoch. Dazu ein paar Disco-Keyboards, ein tanzbarer Beat, das exquisite Flötenspiel von Teresa Costa und fertig ist der musikalische Cocktail – betrunken wird man davon in Rekordtempo.
Traditionsbewusster Futurismus
Formelhaft ist dieses Album ganz sicher nicht. Dafür ist nicht nur die Instrumentierung zu abwechslungsreich; auch die Songstrukturen sind niemals ganz vorhersehbar. Während sich „Song in MT-65“ rund um ein leitendes Saxofon-Motiv und einen warmen Bassgroove strukturiert, nimmt „His World“ komplett unerwartete Wendungen: Was als folkiger Psychedelic-Retro beginnt, gipfelt in einem stürmischen Crescendo – ein flippiges E-Piano-Solo, filmische Synthesizer, dann kaskadiert das Schlagzeug und die Gitarre erklingt immer stärker verzerrt, wie ein viszeraler Schrei.
Selten klingt dieser Maximalismus dabei unzusammenhängend. Das liegt nicht zuletzt an stilistischen Konstanten wie der Weltraum-Ästhetik, die auf diesem Album immer wieder eine konkrete Gestalt findet. Der Titel von „Spiritual Spaceman“ etwa ist Programm: José Soares‘ Alt-Saxofon und auch Leonor Arnauts Stimme und Chor-Arrangements erheben sich, als würden sie gen Mars streben. Dieser spirituelle Futurismus lässt sich in eine Jazz-Traditionslinie einordnen, die sich von der Avantgarde-Ikone Sun Ra bis zu Pernadas‘ Zeitgenossin Nala Sinephro erstreckt.
Tatsächlich sind es die Momente, in denen Bruno Pernadas selbst ans Mikro herantritt, die am wenigsten Eindruck hinterlassen. Sein Vortrag bleibt im Vergleich zu den kaleidoskopischen Arrangements eher farblos, vor allem dann, wenn er in Reverb getränkt oder durch Gesangsfilter manipuliert ist. Am stärksten ist Pernadas an den Instrumenten, als Komponist und Produzent ist er mit allen Wassern gewaschen. Er vereint auf „unlikely, maybe“ wieder einmal ein versiertes Ensemble, das seine kreative Vision auf beeindruckend pointierte Weise umsetzt. Das Ergebnis ist ein lebendiges, poetisches, stylisches Album. Ein Werk, das flimmert und pulsiert und einen immer wieder überrascht.
Bild: Fabiana Tavares




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