In seinem sechsten Album zeigt Danny Brown erneut sein Talent, auf den wohl ungewöhnlichsten Beats der Hip-Hop-Szene zu rappen. Und versammelt dabei ein Produktionsteam, das sich gewaschen hat.
Es ist ein besonderer Moment in der Karriere des Detroiter Rappers: Denn zum ersten Mal hat er nach seinem Entzug ein Album komplett nüchtern aufgenommen. Das ist eine Zäsur für einen Künstler wie Brown, der sich in seinem Frühwerk und auf Songs wie „Generation Rx“ immer wieder mit seinem fortwährenden Kampf, aber auch seiner Faszination mit Drogen auseinandersetzt: „Looking at this pill in the middle of my palm / Pop it, sip some cola, 30 minutes, it be on … Got a nigga focused, feeling alright / With this type of feeling, I can write all night“.
Auf „Stardust“ stellt sich Danny Brown damit einer zentralen Angst vieler Künstler:innen, die mit dem Drogenkonsum kämpfen: Kann ich auch ohne Drogen kreativ und erfüllt sein? Browns sechstes Solo-Album ist ein klares JA auf diese Frage, auch wenn der Rapper in Stücken etwas von seinem früheren Esprit einbüßt.
Rehabilitation im Hyperpop-Universum
Produktionstechnisch schlittert „Stardust“ zwischen gnadenloser Überwältigung und zarten Momenten in eine neue Richtung für den Detroiter Rapper. Hyperpop und Digicore treffen hier auf Industrial und Club-Beats. Es ist ein Markenzeichen für Brown: der Wandel von Sound zu Sound und ein Zusammenspiel mit den verschiedensten Produzenten. Viele seiner Gäste stammen dieses mal aus dem Internet-Unterground, etwa Underscores, Jane Remover, Quadeca, Frost Children oder 8485. Insbesondere die Musik von Underscores und Jane Remover dienten Brown laut eigener Aussage während seinem Entzug zur Ablenkung. Damit kann „Stardust“ auch als Liebeserklärung an diese Musik verstanden werden.
Manche Fans könnten dabei feste Größen wie Produzent Paul White vermissen, der Brown ansonsten seit Langem begleitet. Diese fehlende führende Hand mag zu der kreativen Uneinheitlichkeit des Albums führen, kaum ein Song ähnelt dem anderen. Von schrillen Synth-Leads, verzerrten Hornsignalen und Beat-Wechseln über glitchige Effekte, elektronische Drums bis zu Metal-ähnlichen Schreieinlagen und Drum’n’Bass-Sounds ist hier vieles geboten. Die ruhige und intime Instrumentation von „What You See“ trifft kurz danach auf den implosiven Rhythmus von „Whatever the Case“ und einem Feature von IssBrokie, das in seiner Intensität an Nicki Minajs „Monster“-Feature (Kanye West) erinnert. Diese Brüche sind nicht nur soundtechnisch schrill, die beiläufige und unkommentierte Erwähnung des „F-Slurs“ durch IssBrokie erinnert auch daran, dass trotz Nüchternheit nicht alle Probleme vergessen sind.
In der Vielfalt dieses Albums liegt auch eine Herausforderung: Einige Tracks haben so viele Stilwechsel, Feature-Momente und Produktionsexperimente, dass gelegentlich der Eindruck entsteht, Brown stehe eher als Gast auf seinen eigenen Songs, statt der Fokuspunkt zu sein. Auch beim Mixing hätte man sich teilweise etwas mehr Stärke für ihn gewünscht. Trotzdem wagt sich der mittlerweile 40-jährige Rapper an Beats, vor denen andere Künstler:innen erschrecken würden. Selbst wenn „1999“ mit seiner piepsenden, glitchende Untermalung nicht in jede Party-Playlist passt, allein der (in diesem Fall gelungene) Versuch, über einen solchen Beat zu rappen, verdient Applaus.
Neuaufbau anstatt Exzess
Auf lyrischer Ebene reflektiert das Album Browns eigenen Zustand: die Überwindung von Abhängigkeit, das Aufräumen mit der Vergangenheit, aber auch der Aufbau einer neuen Identität. Dieser ehrlich-verletzliche Stil ist nichts Neues für ihn. In dem Intro „The Book of Daniel“ benutzt Brown die biblische Fabel des Jungen im Löwenkäfig, um über seinen eigenen Ausbruch aus dem Drogenkonsum zu sprechen. Lange bekannt als Connoisseur guter Intros, enttäuscht auch dieser Beginn von „Stardust“ nicht: Die Dreier-Folge von „The Book of Daniel“, „Starburst“ und „Copycats“ bildet eines der stärksten Albenanfänge des Jahres.
Dabei kombiniert Brown das oft hektische Produktionsdesign mit nüchterner Selbstreflektion. So schlachtet er in „The End“ in vollen acht Minuten seine Sucht- und Selbstzweifelerfahrungen aus. „Lookin’ in my eyes, you see no light, was off the meds / Wait until the music only express what’s depressed / Over time, I was losin’, was so stressed, I couldn’t accept it / A junkie, alcoholic, whatever you call it, I was all that“. Danny Brown verzichtet auf reine Erfolgsgeschichten oder Moralisierungen. Dabei verliert er sich aber keineswegs in der Dunkelheit, Songs wie „Baby“ oder „Flower“ versprühen mit ihren poppigen Choruses Leichtigkeit und Aufbruchsstimmung. Es entsteht ein Spannungsbogen, der überzeugend mit „All4U“, einer Hymne, einem Dankeschön auf seine Fans, endet.
Die kratzige Stimme, der Flow und das charakteristische Timbre: Danny Brown bleibt auf diesem Album prägnant er selbst, selbst auf den ungewöhnlichsten Beats. Auf den ersten Blick fehlt lyrisch manchmal der Punch oder die Cleverness, die man von früheren Projekten kennt. Brown greift etwas öfter in die typische Haus-Maus-Reimschema-Kiste und wiederholt teilweise altbackene Metaphern. Er scheint aber überhaupt mehr daran interessiert zu sein, seine Geschichte zu teilen als sich clever hervorzuspielen.
„Stardust“ ist – mit gewissen Abstrichen – eine erneute Metamorphose für Danny Brown: Hier steht nicht mehr der Exzess im Vordergrund, sondern das Überleben, das Neuaufbauen, das Gestalten – und das erneut mit einem neuen Sound. Dabei geht es thematisch immer wieder um Liebe. Die Liebe zu seinen Fans, zu sich selbst, zur Kunst. Diese Liebe trägt ihn durch das Leben, mehr als es die Drogen jemals getan haben.




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