Labubus und Papst Leo, Stagnation und „Stadtbild“: Woran werden wir in Zukunft denken, wenn wir uns an 2025 zurück erinnern? Wir blicken auf die Trends und Ereignisse aus der Musikwelt, die im Gedächtnis bleiben werden.
Das Künstliche in der Kunst
Es wäre ja nicht 2025, wenn wir Menschen noch alles selber machen müssten. Recherchieren, Texte lesen: Das macht heute die KI! Und die übernimmt auch immer mehr Aufgaben in der Kreativbranche, frisst Jobs und breitet sich rasant in unseren Playlists aus. Geschätzt 20 Prozent aller neuen Titel auf Spotify stammen inzwischen von einer generativen KI. Hinter dem atmosphärischen Retro-Rock von The Velvet Sundown und dem R&B von Xania Monet stecken keine Menschen aus Fleisch und Blut – sondern einfach ein paar gute Prompts. Künstler:in sein ist heute kinderleicht! Aber manche lästige Aufgaben kann uns selbst die KI (noch) nicht abnehmen: Zuhören müssen wir zum Beispiel immer noch selbst.
Rockmusik dekonstruiert
Alle paar Jahre kommt ein Album daher, das die sich ständig wandelnde Indie-Sphäre vollkommen vereinnahmt: von Neutral Milk Hotels „In the Aeroplane Over the Sea“ über Radioheads „Kid A“ bis zu Black Country, New Roads „Ants from Up There“. Und 2025 heißen die neuen Sterne am Indie-Himmel: Geese. Das neue Album der New Yorker Band, „Getting Killed“, wurde auf den nerdigsten Plattformen des Musikdiskurses rauf und runter besprochen. Darin verschmelzen bluesige Rock’n’Roll-Echos mit funkigen Krautrock-Grooves und der Paranoia in Frontmann Cameron Winters nasalem crooning.
Nun, was sagt uns die Beliebtheit dieses Albums? Sie ist ehrlicherweise nicht überraschend. Denn Geese erfüllen viele der gleichen Kriterien wie andere Musik, die in den vergangenen Jahren im Indie-Diskurs Beifall erhalten hat: eingängig, aber abgedreht; verletzlich, aber nicht ohne Ironie; sie berufen sich auf Traditionen, aber bauen diese auseinander. Klingt das nicht zeitgeistig genug? Geese sind die jüngste Verkörperung einer spannungsreichen, sich selbst schmerzlich bewussten, aber nie ganz offenen Öffentlichkeit. Ach ja, und gute Musik machen sie auch.
Trumps Tauziehen
Vom Brat Summer ist nicht viel geblieben. Die US-Demokratin Kamala Harris verlor ihre von Charli XCXs Pop-Trend inspirierte Präsidentschaftskampagne gegen… naja, ihr wisst schon. Und unter diesem Präsidenten kommt es zwar zu allerlei Brüchen mit Verfassung, Völkerrecht und internationaler Diplomatie – aber nicht mit der Popmusik! Die US-Regierung bedient sich neuer und alter Hits für ihre Social-Media-Auftritte und verpasst so ihrer autoritären Agenda einen frischen Anstrich (auch wenn dieser nicht mehr Brat-grün leuchtet). Doch dabei stößt sie auf Gegenwind: Olivia Rodrigo, Metallica, MGMT und viele andere haben sich bereits rechtlich dagegen gewehrt, dass das Weiße Haus ihre Musik ohne Einverständnis verwendet. Der Unmut in der Musikszene ist so groß, es gibt inzwischen sogar einen Wikipedia-Eintrag mit Künstler:innen, die ihre Musik nicht auf den Kanälen des US-Präsidenten hören wollen.
Ausladungen, Boykotte, Distanzierungen
Noch vor Jahresende steht bereits der Eurovision Song Contest 2026 im Fokus. Irland, Island, Spanien, Slowenien und die Niederlande haben angekündigt, beim ESC in Wien nicht anzutreten. Der letztjährige Gewinner Nemo gibt seine Trophäe ans Komitee zurück. Der Anlass: Die Europäische Rundfunkunion hat beschlossen, dass Israel am Wettbewerb teilnehmen darf. Der Österreicher Nemo argumentiert, der ESC sei wiederholt dazu benutzt worden, „das Image eines Staates aufzubessern, dem schweres Fehlverhalten vorgeworfen wird”.
Die Kontroverse, ausgelöst durch den Krieg im Nahen Osten, kam – nüchtern betrachtet – mit Ansage. Denn 2025 stand wieder einmal im Zeichen der Boykotte, Ausladungen und Distanzierungen. Immer wieder gerieten Künstler:innen in den Fokus einer mitunter erratisch und polarisierend geführten Debatte um den israelisch-palästinensischen Konflikt.
Besonders heiß diskutiert war in Deutschland Fall Chefket. Der Rapper sollte ausgerechnet am 7. Oktober bei Jan Böhmermann auftreten. Doch auf Druck von Kulturstaatsminister Weimer und jüdischen Gemeinden sagte der Satiriker den Auftritt ab: Denn Chefket hatte sich auf einem Video in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Palestine“ und den Umrissen des heutigen Staatsgebiets Israels (inklusive der palästinensischen Gebiete) gezeigt.
Umgekehrt lud das belgische Flanders Festival Ghent die Münchner Philharmoniker unter Leitung des israelischen Dirigenten Lahav Shani kurzfristig aus. Die Begründung: Weil Shani zugleich das Israel Philharmonic Orchestra leitet, könne man nämlich „nicht genügend Klarheit“ über dessen „Haltung zum genozidalen Regime in Tel Aviv bieten“. Die Veranstaltenden betonten weiter, man habe sich in Absprache politischen Entscheidungsträger:innen dazu entschieden, nicht mit Akteur:innen zusammenzuarbeiten, die sich nicht eindeutig von Israels Regierung distanzieren.
Es sind bezeichnende Fälle. In der öffentlichen Debatte um den Nahost-Krieg hat sich ein lähmendes Misstrauen gegenüber der (vermeintlichen) Gegenseite durchgesetzt. Der Akt der politischen Solidarisierung hat sich zu einer sozialen Erwartung aufgeschwungen, die jede öffentliche Person potenziell zum Verdachtsfall macht. Weil sie mal zu viel Kritik übte – oder zu wenig. Weil sie nicht genügend Solidarität zeigte – oder zu viel. Selbst auf der bewährten Taktik, einfach mal die Klappe zu halten, kann sich kaum eine:r noch ausruhen. Im Zweifel für den Angeklagten? Gilt nicht mehr. In Zeiten verschärfter Antagonismen und medialer Dauerempörung sind alle erstmal guilty until proven innocent.
Und so schweigen zwar offiziell die Waffen zwischen Israel und der Hamas. Doch der Krieg hat nicht nur einen Trümmerhaufen im Gazastreifen hinterlassen – er hat auch tiefe Gräben in westlichen Öffentlichkeiten aufgerissen. Das verbale Arsenal, mit dem man sich in der Kulturbranche gerüstet hat, wird so schnell niemand abbauen.
Zweifelsohne darf und muss der Umgang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt diskutiert werden, sachlich, hart und ohne Beschönigung unangenehmer Tatsachen. Dabei ist unvermeidlich, dass prominente Personen aufgrund ihrer Positionen und Involvierungen in den medialen Fokus geraten. Doch an die Stelle einer Debatte, die der geschichtlich komplexen Realität im Nahen Osten gerecht wird, treten zu häufig Stigmata, Skandalisierungen und moralische Übersprungshandlungen. Einzelpersonen, die an erster Stelle einmal Kunst machten, werden zur Projektionsfläche von Erwartungen, die sie niemals alle gleichzeitig erfüllen können. Im Zweifel sagen wir das Konzert also lieber mal ab.
Internet Killed the Video Star
Der große Knall blieb aus, richtig mitbekommen hat es niemand. Denn eigentlich stirbt MTV, dieser legendäre Musikvideo-Sender, der einst Musiker:innen aufs ganz große Podest hieven konnte, schon seit Jahren still und kümmerlich dahin. Wer im 21. Jahrhundert Musikvideos anschauen will, tut das schließlich auf YouTube. Und inzwischen stimmt auch das nicht mehr: 15 Sekunden auf TikTok reichen Künstler:innen schon aus, um die eigene Musik Marketing-reif zu machen. Es ist also folgerichtig, dass MTV am 31. Dezember 2025 fast alle Musikkanäle einstellt. Und so befördert das kurze Handyvideo nun das Musikvideo dorthin, wo dieses zuvor die Radioshow hin verbannt hatte: auf die Insel des technisch Obsoleten.
Rosalía sucht das Licht
Pop ist in vielen Fällen vor allem eines: Spektakel. Große Gesten, große Gefühle. Damit unterscheidet er sich nicht notwendigerweise von klassischer Musik, die allzu oft das Erhabene beschwört. Nun kann man empört einwenden: In der Klassik geht es um Virtuosität, Katharsis, Transzendenz – im Pop dagegen um Durchschnittlichkeit, sofortige Bedürfnisbefriedigung und Alltäglichkeit. Dass aber Klassik und Pop in ihrem geteilten Glauben an Größe vereint sind, das hat die spanische Musikerin Rosalía auf beeindruckende Weise unter Beweis gestellt. Auf „Berghain“, der mehrsprachigen Single zu ihrem gefeierten Album „Lux“, stellte sie ihre meisterhafte Koloratur neben einem klassischen Gesangschor und aufbrausenden Streichern zur Schau. Im metaphernreichen Musikvideo kniet die Sängerin in spiritueller Pose vor einem Bügeleisen, während sich das London Symphony Orchestra um sie herum versammelt. In Rosalías Suche nach Erlösung tritt die Isländerin Björk als Prophetin in Erscheinung, Yves Tumor verkörpert die zerstörerischen Gedanken tief in der eigenen Psyche. „Berghain“ ist ein spannungsgeladenes Manifest mit existenziellem Gewicht, es symbolisiert die Suche nach dem Metaphysischen im Irdischen: nach der Klassik im Pop. Im Jahr 2025 wagte es niemand, so groß zu sein wie Rosalía.
Eigene Collage; Bilder v. l. n. r. und o. n. u.: ; Secretaría de Cultura de la Ciudad de México; Cash Macanaya/unsplash; Viacom International Inc; Roman Goebel




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