Letzten Sommer war alles „Brat“. Dieses Jahr gab es weder einen kollektiven Soundtrack noch eine Farbe noch ein Gesicht. Warum war dieser Sommer so blass?
Ein Essay von Ella Rendtorff
Die Mascara der letzten Nacht noch unter den Augen, zehn verpasste Anrufe, in der Morgendämmerung das Handy aus der verklebten Tasche ziehen, eine Nachricht an die Chefin tippen, dass man es leider nicht zum Meeting schafft, sie wieder löschen und doch hingehen, aber mit Sonnenbrille auf. So in etwa lässt sich das Lebensgefühl beschreiben, mit dem die britische Pop-Sängerin und Internet-Kultfigur Charli XCX im vergangenen Jahr einen popkulturellen Massenhype in die Welt setzte: den Brat Summer.
Der Wunsch, dem Sommer einen Namen zu geben, ist nicht neu: Schon 1967 feierte die Hippie-Bewegung in den Hügeln von San Francisco den Summer of Love. Mit „Peace, Love and Music“ wurde das Gemeinschaftsgefühl jenes Sommers zum Symbol freier Liebe und friedlichen Protests. 1996 waren es die Spice Girls: Ihr Debüt-Hit „Wannabe“ wurde zum Soundtrack, grell leuchtende Selbstbestimmung und Girl-Power zum Statement des Sommers.
In jüngerer Vergangenheit, 2019, setzte dann die US-Rapperin Megan Thee Stallion mit ihrem Hit „Hot Girl Summer“ den Startschuss für einen Sommertrend unter feministischem Motto: Empowerment, Sexpositivität und sisterhood sind die Schlagwörter, Poolpartys, knappe Outfits und die bewusste Inszenierung des eigenen Körpers ihre Umsetzung – vor allem für junge Frauen auf Social Media.
Messy-sein statt Matcha trinken
Vergangenes Jahr setzte Charli XCX dann einen neuen Sommertrend in die Welt: Brat. Das gleichnamige sechste Studioalbum der britischen Sängerin lieferte einen Gegenentwurf zur „Clean-Girl“-Ästhetik und zu glattgebügeltem Perfektionismus. Statt Matcha und Pilates: messy sein und Party machen. Statt Scham: Selbstbestimmung in all ihren Ambivalenzen – von Eifersucht über Eskapismus bis zur exzessiven Feier des Sommers: der Brat-Summer. Ein popkultureller Massenhype, der zum Selbstläufer wurde. Inflationär geteilte Memes auf Instagram, Motto-Partys und das „Brat“-Album auf Repeat in Spotify-Playlists entzündeten das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Der Titel „Brat“, was so viel bedeutet wie Göre. Der Farbcode: Pantone 3507 C, ein giftiges Neongrün. Das Gesicht: die Sängerin Charli XCX. Die simple Ikonografie ging viral, noch bevor das Album im Juni 2024 veröffentlicht wurde.
Wie so oft in der Popkultur, lag das nicht nur an einer herausragend energetischen Künstlerin und einem umso energetischeren Lebensgefühl, sondern an einer gewaltigen Marketingmaschinerie, die folgte. FlixBus warb Brat-grün, die Deutsche Bank suchte auf Social Media „a brat in finance“, sogar Kamala Harris’ Wahlkampfteam sprang auf den Trend auf. Brat war also nicht nur Attitüde, Ästhetik, Attribut, sondern wurde zum Code-Wort für kommerziellen Erfolg. Und darin lag schon das Ende begründet – denn gibt es etwas, das weniger Brat ist, als das Bankwesen?
Mehr als gutes Marketing
Die Mechanik ist bekannt: Je simpler und teilbarer ein Symbol, desto schneller verbreitet es sich. Und desto leichter lässt es sich monetarisieren. Denn während 1967 das Kollektivgefühl des Summer of Love an Zeit und Ort gebunden war, genügt heute ein Like, ein Repost, eine Playlist, um Zugehörigkeit zu demonstrieren. Und doch setzt sich nicht jeder Trend durch: „Jede Idee, jede Praxis, jede Nachricht steht in einem ständigen Kampf um Sichtbarkeit“, weiß der Musikwissenschaftler und Trend-Forscher Juan Bermúdez.
Dass sich ein Hype nicht endlos verlängern lässt, zeigt der Sommer 2025. Wo letztes Jahr kollektiv gefeiert wurde, zögert man heute, ob man überhaupt auf die Party geht. Die Songs über „mean girls“, „party girls“ und „confused girls“ – nur noch ein leises Echo. Charli XCX selbst erklärte den Brat-Summer auf dem Coachella-Festival offiziell für beendet und schlug eine Reihe von Alternativen vor: Lorde-Summer, Addison Rae-Summer, Pink Pantheress-Summer. Doch keiner dieser Vorschläge zündete. Das zeigt: Es braucht wohl doch mehr als gutes Marketing, um eine Stimmung zu transportieren, die echt ist und einen Funken überspringen lässt. Das bloße Versprechen eines anschlussfähigen Gefühls allein reicht nicht aus – und es lässt sich nicht berechnen. „Ein Patentrezept, das garantiert, dass etwas viral geht, gibt es nicht“, so Bermúdez. Addison Rae etwa, von der Industrie zur Pop-Ikone ausgerufen, steht mit ihrem glattgebügelten Image für genau das, was sich trotz TikTok-Hypes nicht automatisch durchsetzt: eine vorgefertigte Identität im Einwegkostüm.
Nach dem Brat-Sommer der Sad-Sommer?
Dass dieser Sommer auf Bildschirmen und Bühnen so blass erscheint, mag auch Symptom einer kulturellen Überproduktion sein, mit der wir aktuell konfrontiert sind. Während die einen zu einem Soundbyte-Ausschnitt der britischen Fluggesellschaft Jet2 ihre persönlichen Pannen posten, feiern die anderen den kürzlich zum offiziellen Sommerhit erklärten Song „Golden“ der fiktiven K-Pop-Band Demon Hunters. Gleichzeitig erzählt Lordes neues Album „Virgin“ von weiblicher Selbstwerdung und die deutsche Sängerin Kayla Shyx veröffentlichte zu Beginn des Sommers ein Album, das in seiner verträumten Schwermut an Lana Del Rey erinnert: „sad girl summer“. Vielleicht ist es also kein Summer of Love, kein Hot Girl Summer, kein Brat-Sommer, sondern ein Sad-Sommer?
Aber auch das wäre zu kurz gegriffen. Den einen Sommertrend herauszufiltern ist in diesem Jahr, wie Sandkörner am Strand zu zählen: sie verlieren sich in der Masse. Zu fragmentiert, zu zielgruppenspezifisch und kurzlebig sind die Mikro-Trends, die das Internet aktuell durchspülen, ohne nachhaltig hängen zu bleiben. „Multimediales Informationsrauschen“ nennt Pop-Forscher Juan Bermúdez dieses Phänomen. Auf TikTok heißt es: Brain Rot. Eine Reaktion auf Überstimulation. Das Prinzip: Anklicken, Weiterscrollen, Vergessen.
So zeigte sich der diesjährige Sommer gesichtslos. Wenn der Brat-Summer die exzessive Partynacht war, durchleben wir jetzt den Kater danach: Der Pegel ist leiser, die Grundstimmung melancholischer. „Demure“, also „zurückhaltend“ ist die Vokabel, die jetzt im Internet kursiert. Dazu passt auch die Farbe des diesjährigen Sommers: Buttergelb. Ein Farbton so unentschlossen wie dieser Sommer selbst. Es gab ihn also nicht, den einen Sommer 2025 – es gab viele. Und doch ist da das Bedürfnis, einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, ein kollektives Gefühl zu erzeugen, das über den eigenen Individualismus hinaus verbindet. Wenn auch nur einen Sommer lang. Vielleicht liegt genau darin das Hoffnungsvolle – dass wir jedes Jahr immer wieder danach suchen.
Foto: Ella Rendtorff




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