Ist Punk scheiße? Ist Punk geil? Was ist eigentlich Punk und wie viele? Deutsche Laichen versuchen die brennenden Fragen der Zeit zu beantworten.
Vor drei Jahren stand ich in einem Club in Berlin und wartete. Ich wartete, weil die unfassbar coole, stabile, emotionalisierende und von Flinta*s angeführte Punkband Deutsche Laichen bei einem Benefizkonzert auftreten sollte, und ich rein zufällig an diesem einen Samstag im Oktober im Ort war. Ich wartete, weil sie zwar um neun spielen sollten, aber nicht mal die Band vor ihnen fertig war. Und ich wartete, weil ihr eponymes Debütalbum mich umgehauen hatte. Ich sah Deutsche Laichen an diesem Abend nicht auf der Bühne. Deutsche Laichen sind zurück mit ihrem nächsten Album. Leider warte ich noch immer.
Es war lange still um die Band aus Göttingen. 2016 gegründet, wurde ihre Platte “Deutsche Laichen“, die 2019 herauskam, von allen Seiten in höchsten Tönen gelobt. 2020 kam noch eine EP. Dann kam nichts mehr. Was die Band damals ausmachte, war Punkmusik, die gleichzeitig wie das klang, was man sich unter „richtigem Punk“ vorstellt, und Frische in ein eingestaubtes Genre brachte. Dazu behandelte sie Themen, die zwar punk sind, aber im Punk selbst oft keinen Platz finden: Intersektionaler Feminismus, queer sein, Macker hassen, auch Liebe und Verletzlichkeit.
Mit „Punk ist scheiße, Punk ist geil“, Anfang März beim Audiolith-Sublabel „Pretty on the Inside“ herausgekommen, bleiben Deutsche Laichen sich immerhin bei den Themen treu. Im neuen Album verhandeln sie Flinta*-, queere, linke Identitäten, individuell und als Gruppe – zwischen Solidarität und Frustration. Im Album-Aufmacher wird das schnell klar: “Ein Riss kommt selten allein, alles, was steht, reißen wir ein”, wird da angekündigt. “Beton”, so heißt der Song, macht Hoffnung auf mehr. Er entfaltet langsam – aber sicher – eine Wut auf die erstarrte und ergraute Gesellschaft, in der wir leben. Dann lässt er ihr freien Lauf.
Doch diese Hoffnung wird auf dem Album immer wieder enttäuscht. Vor allem kommen die Texte nicht mehr über das Level, das zu Beginn vorgestellt wird. Das ist schade, denn Deutsche Laichen hat früher super Texte geliefert. Texte, die immer leicht mitgeschrien werden konnten, und gleichzeitig Lust machten, sie mal in Ruhe nachzulesen, wie zum Beispiel in ihrem größten Hit “Von Mackern und Pumas”. Jetzt aber wirken sie teils verkopft, teils einfach unpassend zu der dahinter hämmernden Musik.
Musikalisch hat das Album viel zu bieten. Wo sich ihre älteren Songs noch sehr im engeren Korridor der klassischen Punkmusik befinden, verlassen Deutsche Laichen diesen Korridor in ihrem neuen Album immer wieder. Auf einen dahinhgerotzten, an Screamo erinnernden Song folgt hier ein schönes, klavierbegleitetes Liebeslied (das titelgebende “Punk ist scheiße, Punk ist geil”). Danach kehrt man zurück zum klassischen Punk. Schlagzeug, Gitarre und Bass arbeiten über das Album verteilt wunderbar zusammen. Alle haben Momente, in denen die Musiker:innen zeigen können, dass Punk mehr ist als drei falsch gespielte Noten.
Zwischendrin gibt es Dissonanzen, die sicher gewollt sind, aber nicht immer den richtigen Ton treffen. Sie sind ein Versuch, das Gefühl, dass in der Punk-Szene, oder im Land, oder in der Partnerschaft etwas nicht stimmt, zu vermitteln. Blöderweise resultiert es manchmal im Gefühl, dass hauptsächlich die Komposition nicht passt. Ähnlich gestaltet es sich mit dem Gesang, der im Debütalbum noch gekonnt zwischen melodischem Geschrei und schönen, emotionalen Sequenzen abwechselte. Nun fehlt zeitweise die emotionale Tiefe oder die Melodik des Geschreis. Die dazwischenliegenden Jahre haben der Stimme der Frontperson wahrscheinlich nicht geholfen.
Es wirkt stellenweise, als würde der:dem Sänger:in die Kraft ausgehen. Das ist schwer mit der Kraft zu vereinen, die ihre Botschaft wohl haben sollte. Dazu kommt, dass diese Botschaft nicht dieselbe Schärfe zeigt wie in der “Deutsche Laichen”-Platte. Hier und da schafft es die Band noch, aber nichts sticht mehr heraus. Aufmerksam macht das ein oder andere Lied, weil es Emotionen auslöst, weil die Melodien etwas mit den Hörenden machen. Doch das geschieht seltener als erhofft.
“Zelle”, “Frisur”, “Storno” oder “Schmutzig” bieten solche Gelegenheiten. Im Gegenzug haben “Sturm”, “Hotel Heartbeat” oder “Tough Love” nur geringen Playback-Wert. Es ist ein unstetes Album, mit vielen Auf und Abs und Qualitätsunterschieden. Ein Fakt, den man einem Album eigentlich verzeihen könnte, aber gerade diesem? Naja. Dieses Album leidet nun mal darunter, dass man so lange nichts von der Gruppe gehört hat. Der – vielleicht unfairen – Erwartungshaltung, die Deutsche Laichen sich mit ihrem Debüt aufgebaut haben, wird es nicht gerecht. Das lange Warten – genau wie an diesem Oktoberabend vor drei Jahren – hat sich nicht wirklich gelohnt. Das Bedürfnis nach mehr “Deutsche Laichen” wird mit “Punk ist scheiße, Punk ist geil” nur punktuell gestillt.
Trotzdem lohnt es sich, reinzuhören. Punk muss am Leben bleiben, Punk von Flinta*-Bands erst recht. Deutsche Laichen haben definitiv noch mehr zu sagen und zu zeigen. Die Hoffnung bleibt, dass sie sich erst einmal wieder an die Welt der Aufnahmen und Produktion gewöhnen müssen, und dass noch mehr kommen wird. Die Kopplung an das größereLabel Audiolith, genauer eine Tochter des Labels, die Flinta*-Gruppen unterstützt, hilft bei dieser Hoffnung. Ansonsten bleibt die Antwort auf die Frage “Ist Punk scheiße oder geil?” schlicht: Punk ist schon ok.




Was denkst du?
Kommentare anzeigen / Kommentar hinterlassen