Das ganze Jahr über hat sich unser Was hört München?!-Autor Balthasar durch neue Musik aus der Stadt gehört. Von Jazz bis HipHop, von Experimental bis Punk – das sind für ihn die zehn besten Alben des Jahres 2025 aus der Münchner Musikszene.
Jazz: Masako Ohta & Matthias Lindermayr – Nozomi

Zart, meditativ, offen treten Masako Ohta am Klavier und Matthias Lindermayr an der Trompete in den Dialog. Langsam und nachdenklich fließen die Kompositionen dahin und die zwei Musiker:innen verflechten organisch ihre Klangästhetik. Die sensibel gleitenden Klavierlinien aus den Händen Ohtas und Lindermayr der die Töne so lyrisch, weich und langgezogen mit viel Luft bläst. Auch wenn die Instrumente, an mancher Stelle leicht spannungsreicher anheben, lebt das Album von poetischer Ruhe und Eleganz. Es lädt dazu ein, bewusst innezuhalten, einen Moment der Stille zu genießen und nachzudenken. Damit bildet „Nozomi“ einen Gegenpol zu diesen lauten, hektischen Zeiten, der an keiner Stelle nur gefällig klingen will, sondern voll minimalistischer Improvisationskunst und warmer, hoffnungsvoller Töne steckt.
Hier das Interview mit Matthias Lindermayr zum Album lesen
Liedermacher:innen: Miriam Hanika – *innenleben

Auch das neue Album von Miriam Hanika passte wie gegossen in dieses stürmische Jahr. Denn die Musik der Lyrikerin und Oboistin gibt Halt und Mut bei der Suche nach Identität und wirkt wie eine warme Umarmung des liebsten Menschen. Die Texte blicken hinein ins Innere, legen Gefühle offen und lassen mit viel poetischen Feingefühl für die Worte verarbeiten. Die Stücke auf „*innenleben” verbinden Pop mit Kammermusik und Bläserensemble. Die Refrains und Kompositionen sind eingängig, aber nicht aufdringlich. Hier zeigt sich die viele Erfahrung und das Gespür sowohl Hanikas als auch ihrer Musiker:innen. Und nicht zuletzt ist es vor allem die Stimme der Liedermacherin, die so schön die Ohren schmeichelt und das Herz gleich viel ruhiger schlagen lässt. Egal wie viel da draußen auch los ist.
Im Gespräch mit Miriam Hanika über ihr neues Album „*innenleben”
Pop: Twiceasmad – Stranieri

Mit eine der besten Entdeckungen dieses Jahr in München war twiceasmad, die im Oktober ihr Debütalbum „Stranieri” zündeten. Poppig springt die Band zwischen den Genres umher und findet einen genial ansteckenden, sehr eigenen Sound, der alles von Reggaeton, Rap, Indie oder auch Ska vereint. Auf den Songs warten viele Überraschungen – Trompetenfanfahren, intensive Solos von Gitarren und Synthesizern. Die Texte handeln vom turbulenten Leben in den 20ern. Das klingt mal witzig, mal emotional, mit vielen Anspielungen und Anglizismen, aber das überzeugende ist über die kurze Länge von nur 22 Minuten hier die klangliche Vielfalt. Gerade darüber kommt die Message dieser jungen Band so gut und einzigartig frisch zum Tragen.
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Ambient/Electronica: Brnjsmin – Büro of Music

Krautrock-Ultras, Jazz-Fans, Ambient-Liebhaber: In der Musik, oder besser gesagt, Klangkunst von Giovanni Raabe alias Brnjsmin auf seinem zweiten Album „Büro of Music” werden sie sich alle wiederfinden. Der Beleg für diese These? Gleich das zweite Stück „Boredom of Music”. Zu sphärischen Sounds bauen sich hier sanfte Polyrhythmen auf. Mit vollen Texturen, feinen Details und einem guten Gespür für Dynamik, damit bringt Brnjsmin seine Klangräume zum Atmen und spielt mit Resonanzen. So schwebt es mal mehr suchend und blubbernd dahin, wie auf „Conputer”, mal treibt es stringenter voran, wie auf „Lucid Flute”. Der Sound von Brnjsmin ballert uns so nicht stumpf mit Beats voll oder verliert sich in unendlichen Ambient-Sphären, sondern findet eine sehr eigenständige, klar umrissene Ausprägung. Artsy, performativ und zugleich mit viel Raum für Deutung und Nachdenken beim Hören.
HipHop/Rap: Gündalein – Always Crazy

Pulsierend, leicht übersteuert soul-rapt sich Gündalein auf „Dear Isabel” drauf los und setzt damit den Ton für ihr Album „Always Crazy”. Es wird melodisch, impulsiv und emotional. Die Beats sind klar und kommen oft mit einem jazzy Touch daher, sind aber genauso unberechenbar, brausen immer wieder expressiv auf und supporten so die Themen von Gündalein. Denn so schonungslos (ach ja und ganz ohne die neumoderne Pest von wummernden Techno- oder House-Beats) wie der HipHop ursprünglich anfing, geht es der Rapperin auf ihrem Album viel um Verlust, Schmerz und Identität. Mit der Musik befreit sie sich vom inneren Gefühls- und Gedanken-Chaos und kommt zu neuer Klarheit. Besonders mit ihrer einzigartigen Stimme zwischen Soul und (Hardcore-)Rap klingt das so intim, verletzlich wie wütend und kämpferisch.
Experimental: Cosmica Bandida – Fieras

Energie, Rausch, Explosion der Rhythmen und Grooves. Auf ihrem Debütalbum wüten Manuela Illera und David Blitz, die zwei Genies hinter Cosmica Bandida, wie zwei „Fieras”, wie zwei wilde Bestien an den Synthesizern, Percussion und Keyboards. Ganz sanft und nüchtern beschrieben betreiben die zwei Musiker:innen elektronische Klangforschung zwischen Psychedelica und Cumbia mit hier mal mehr Trap, dort mehr Italo Disco-Vibes. Es geht auf und ab und immer ist der Rhythmus die peitschende Kraft. Dabei schafft das Duo ein Gleichgewicht zwischen roher Energie und kontrollierter Struktur und gerade das ist die Stärke von Cosmica Bandida. Ihre Tracks bleiben zugänglich und tanzbar, aber sind genauso eigenwillig, überraschend und vor allem explosiv gut.
Punk: Spinnen – Warmes Licht

„Den ewigen Moment genießen, der Stillstand berührt uns”, dies lässt Veronica Burnuthian zwischen hypnotischen Rauschen und Dröhnen erklingen. Die Gesellschaft verharrt in Normen und patriachalen Strukturen und das Duo Spinnen kracht mit noisiger Wucht und instrumentaler Begeisterung auf seinem Debütalbum „Warmes Licht” dagegen an. Doch diese Musik ist weit mehr als nur laut, sie überrascht und lässt viel entdecken. Der Gesang geht von flüsternd, ganz verwunschen auf „Träume”, bis wütend schreiend für mehr Selbstbestimmung, wie auf „Geister”. Die Texte spielen oft mit der assoziativen Macht des einzelnen Worts. Und zwischendrin, da bestimmen immer wieder kraftvolle und lebendige Instrumentalpassagen das Geschehen oder ganze Songs. Diese sind so dynamisch wie experimentell herausgearbeitet, loten verschiedene Klänge aus und lassen das Album so auf viel mehr Dimensionen als nur der des punkigen Protests gegen das System erfahren.
Folk/Blues: ZerbO – Mit schönem Gruß der Direktion

„Hier war mal wirklich was los“ singt Other mit etwas Wehmut dem „Arabellapark” hinterher und wünscht sich insgeheim die berühmten Musicland Studios zurück. Damals der Fortschritt, glänzend schön, und heute…der manische Bluesrock von ZerbO auf ihrem neuen Album „Mit schönem Gruß der Direktion”, der nach der alten Welt sucht und in der neuen nach Luft ringt. Die Gitarren von Zerbastian treffen hart und satt auf die Realität, die Harp von Other flieht sich in hypnotische Soli – ganz wunderbar auf „Nie zu spät” –, an den Drums ist Vieti Vieten kompromisslos. Das klingt mal nach Hard Rock, mal nach Boogie ganz à la Canned Heat oder so funkig süß, wie auf „Nur für Geld”, wo Giorgio Moroder gleich wieder sein Studio aufsperren würde. Handgemacht, rau und rasend schön, das ist die Musik von ZerbO. Vielleicht ist die Lösung am Ende ganz einfach ein paar Kilometer weiter: „Komm in den Perlacher Forst”, wo uns das Leben gehört. Komm in die Arme von ZerbO.
Indie: Erleuchtung und Rufo – Best of Greatest Hits

„Ich hasse Männer, sie sind alle Schweine.” Ganz wollüstig und unverblümt preschen Spüli und Dodo ihren „Männerhass“ heraus. Dass man(n) hier auf dem Debütalbum – oder besser der Debütcompilation – von Erleuchtung und Rufo nicht alles so ernst nehmen sollte, das sagt schon der Titel: „Best of Greatest Hits“. Hier hat eine Band einfach viel Spaß gemeinsam Musik zu machen und mit den Worten zu spielen. Und will einfach Kind sein, ganz im Sinne von „Peter Pan”, oder in „Bella Italia” den Roadtrip, Aperol Spritz und die Strandbar herbeisehnen. (Ohne Roy Bianco-Schmalz) Die Songs sind knackig, die Vocals stechend klar, prägnant, der Bass von Liv und die Gitarre von Nico leicht, warm, wie an einem späten Sommerabend und der Witz fließt geschmeidig prickelnd hinunter. Ganz wie auf einer „Speziparty”. „Komm vorbei, aber verpiss dich mit deinem Bier”. Richtig!
Post Rock: Digital Carbs – Oh Hedonism

Traum und Dystopie, Nähe und Kontrollverlust – das alles liegt ganz nah beieinander auf dem zweiten Album „Oh Hedonism” von Digital Carbs. Der Sound ist eine Zerreißprobe zwischen Psychedelica, Indie-Rock und apokalyptischer Düsternis – genauso wie unsere Existenz zwischen eskalierenden gesellschaftlichen Krisen und dem Wunsch nach bloßem Überleben. Vor diesem Hintergrund baut sich die Musik zu einem surrealen wie klaren Kommentar auf unsere Zeit aus. Während sich „Head in the Clouds” in Träumen verliert, wirkt „Win Some, Lose Some” hypnotisch und introspektiv. Mit hallenden Gitarren und hypnotischen Rhythmen, die ins Leere treiben, entstehen starke Stimmungen. Furchteinflößend und im nächsten Moment doch wieder ganz leicht, verspielt fast schon.




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