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Die hundert Fassaden eines Popstars

11. April 20267 Min. gelesen

Jazz-Hommagen, Blockbuster-Bombast und eine Prise Vivaldi: Die britische Musikerin Raye will das alles und noch viel mehr. Ist das bloß leerer Glamour oder steckt mehr dahinter?

Eines macht Raye unmissverständlich klar: Sie spielt nicht um ein paar Erdnüsse – ihr geht es ums Ganze. Während ihre Landsfrau Olivia Dean wieder die Leichtigkeit in den R&B bringt, lässt Raye die Muskeln spielen und die Fanfaren ertönen. Sie will Amy Winehouse Broadway-reif machen, den Big-Band-Jazz fürs Social-Media-Zeitalter rüsten und die Hoffnung in eine düstere Welt zurückbringen. „THIS MUSIC MAY CONTAIN HOPE.“, so heißt ihr zweites Album. Es ist 73 Minuten lang, gliedert sich in vier nach den Jahreszeiten benannte Akte (klingelt da nicht was?), beinhaltet zahlreiche Spoken-Word-Passagen und Lieder namens „I Will Overcome.“, „Beware. The South London Lover Boy.“ oder „Click Clack Symphony.“. Man kann das alles extrem ambitioniert finden – oder mehr als ein bisschen vermessen. Vor allem kann man sich fragen: Was steckt hinter Rayes großer Aufmachung?

Fakt ist jedenfalls: Die 28-jährige Sängerin und Songwriterin konnte für dieses Album viel musikalische Prominenz hinter sich versammeln. Das London Symphony Orchestra, die R&B-Ikone Al Green und auch den berühmten Filmkomponisten Hans Zimmer hat sie für sich gewonnen. Kaum ein Pop-Album dürfte 2026 so aufwendig kuratiert und bombastisch in Szene gesetzt sein wie dieses. Bedeutungsschwangere Monologe, pompöser Showgirl-Gesang, Genre-Spagate zwischen Jazz, Electropop und Classic Rock: Im Hause Raye regiert der Maximalismus. Ach ja, und auf dem Abschiedsstück „Fin.“ dankt Raye sechs Minuten lang all ihren Kollobaroteur:innen zu Disney-reifer Orchestermusik.

Nun ist Raye ohne Zweifel eine starke Performerin. Sie meistert schnelle Tonfolgen auf kunstvolle Weise und transportiert mit ihrem Mezzo-Sopran eine Menge jazziger Energie. Sie wechselt gekonnt zwischen Brustgesang und plauderhaften Passagen, zwischendrin rappt sie sogar. Momente wie die Queen-inspirierten Power-Ballade „I Know You‘re Hurting.“ zeigen, dass sie all das Melodrama mit stadionreifer Leidenschaft auf die Bühne bringen kann. Was aber oftmals fehlt, ist die Nuance. Momente wie „Happier Times Ahead“, in denen sie ihren kraftvollen Vibrato gemäßigt und zielgerichtet einsetzt, sind eher selten. Raye vermittelt ständige Dramatik, sie ist konstant am Über-Performen und wird dabei ununterbrochen von Hochglanz-Produktion begleitet. Und zwar egal, ob sie gerade eine Empowerment-Hymne vorträgt, Dating-Geschichten erzählt oder einer alten Liebe hinterhertrauert.

„La La Land“ auf Crack oder: eine TikTok-Symphonie

Tatsächlich wechselt Raye ihr Kostüm so oft, dass sich gelegentlich die Frage aufdrängt: Wer will diese Künstlerin eigentlich sein? „Some people say I remind them of Amy”, singt sie früh auf dem Album und man weiß nicht recht, ob sie diese Assoziation zurückweist oder darauf stolz ist. Anderswo hallen eher die Jazz-Hommagen aus „La La Land“ oder auch die Retro-Ästhetik der isländischen Musikerin Laufey nach. Dann fühlt man sich wieder an Beyoncés „Single Ladies“ erinnert. Diese Bezüge wechseln einander mitunter schneller ab als die Clips in einem TikTok-Feed.

Den Refrain von „Click Clack Symphony“ beginnt Raye mit einem Lorde-Zitat, kurz bevor die Streicher von Hans Zimmer einsetzen. Dazu Blockbuster-Perkussion, ein Fingerschnipsen und das „click clack“ der marschierenden High-Heels, die verkörperte Frauenpower. Auch dem Song „The Whatsapp Shakespeare.“ mangelt es nicht an existenziellem Gewicht. Raye bläst die Geschichte eines Online-Aufreißers zu einem Romeo-und-Julia-Drama auf, vergleicht sich dabei mit Lazarus und mit Eva im Garten Eden. Nun ja, im Wald der Metaphern sieht man vor lauter Äpfeln schon mal die Birnen nicht mehr (oder wie sagt man doch?).

Raye versteckt ihre Verwundbarkeiten hinter Kunstgriffen

Aber ist Rayes ganze Künstlerinnenpersönlichkeit wirklich nur Fassade? Oder verbergen sich hinter den hunderten Rollen, die sie einnimmt, hinter dem Broadway-Glamour und der Überproduktion, vielleicht tiefe Emotionen und echte Wunden? Spricht aus der hysterisch vorgetragenen Verlustanzeige der Hit-Single „WHERE IS MY HUSBAND!“ nicht so etwas wie Panik? Verzweiflung? Tatsächlich drückt Raye hier die Frustration aus, trotz aller Bemühungen und Verrenkungen, unter dem Zeitdruck und den gesellschaftlichen Erwartungen, mit denen vor allem Frauen konfrontiert sind, keinen Partner zu finden.

Schon das Spoken-Word-Intro „Girl Under the Grey Cloud.” leitet diese Erzählung ein. In schwerwiegendem Tonfall stellt Raye ihre Protagonistin vor, eine Spätzwanzigerin in Paris, die sieben Negronis intus hat, und trotz ihres roten Kleides und ihres makellosen Make-Ups von niemandem an der Bar beachtet wird. Ja, klingt das denn nicht nach der Frau auf der verzweifelten Suche nach Bestätigung und Zuneigung? Doch Raye gibt diese emotionale Leere eben nicht ernüchtert und verletzlich wieder, sondern ästhetisiert sie bis ins letzte Detail. Raye versteckt die Kunstgriffe ihrer Protagonistin bewusst unter ihren eigenen Kunstgriffen. Sogar ein Donnergrollen ertönt auf ihr Stichwort: „Cue the thunder.“ Sie durchbricht die vierte Wand und signalisiert: Das ist alles nicht echt.

Den bewegendsten Moment des Albums schafft Raye hingegen auf dem Song „Fields“, als sie ihre Verletzlichkeiten eben nicht kostümiert. Darin wendet sie sich direkt an ihren Großvater. Sie beschwört alte Kindheitserinnerungen herauf und kontrastiert sie mit dem Druck des Erwachsenenlebens. Getragen von einer akustischen Gitarre, bluesigem Klavier, Gospel-Chor und Orgel, strahlt dieser geradlinige Song eine Wärme und Intimität aus, die sonst häufig unter all den Verkleidungen untergeht.

Dabei muss Rayes Theatralik gar nicht gegen sie sprechen. Sie ist eine hemmungslose Performerin, die sich auch vor dem großen konzeptuellen Wurf offensichtlich nicht scheut. Doch ihre vielen unterschiedlichen musikalischen und erzählerischen Bezüge stehen einem ganzheitlichen Ansatz im Weg und lenken vom emotionalen Kern ihrer Musik ab. Rayes Kunst ist gleichzeitig deutlich größer als sie selbst – und deutlich weniger, als sie sein könnte.  

Bild: Boardmasters

Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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