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Die wundervollste Art der Selbstaufgabe

27. November 20256 Min. gelesen

Patti Smith gilt als „godmother of punk“. Vor 50 Jahren sprengte sie mit ihrem Debütalbum „Horses“ traditionelle Genregrenzen, Geschlechterrollen und religiöse Normen.

Die junge Patti Smith lehnt in lichtem weißem Kleid an der Wand, die Arme rechtwinklig nach oben gestreckt, Kopf und Oberkörper zur Seite geneigt. Ihre Augen sind geschlossen, es wirkt fast, als schlafe sie in ausgestreckter Pose. „I wanted a picture that showed the most beautiful aspect of surrender: surrender to love, surrender to God, surrender to oneself”, beschreibt die heute 78-jährige godmother of punk dieses Bild. Es ziert das Cover ihrer kürzlich veröffentlichten Autobiografie „Bread of Angels“. Aufgenommen wurde es 1979 vom Fotografen Robert Mapplethorpe, der Patti Smith auch auf dem Albumcover ihres inzwischen 50 Jahre alten Debütalbums „Horses“ verewigte.

Kapitulation ist keine schöne Übersetzung für die Haltung, die Smith mit dem Wort „surrender“ beschreibt. Selbstaufgabe trifft es eher. Hingabe. Sich selbst vollständig der Liebe überlassen, der Leidenschaft, Gott und der Kunst. Das ist es jedenfalls, was Patti Smith auf so vielen Momenten ihres Debütalbums von 1975 verkörpert.

Da ist zum Beispiel ihre legendäre Darbietung auf dem Song „Land“: Darin schildert sie die Gewalterfahrung eines Jugendlichen, der vor Machtlosigkeit plötzlich die titelgebenden Pferde auf sich zu rennen sieht. Smiths Vortrag ist manisch, hypnotisierend. Immer wieder bricht sie auf „Horses“ in solche improvisationsähnlichen Performances aus. Man nehme das 9-minütige Lied „Birdland“; dieses ist inspiriert von der realen Erfahrung eines Mannes, der sich bei der Beerdigung seines Vaters vorstellt, mit dessen Geist auf einem UFO gen Himmel aufzusteigen. Smiths Gesang wird nur von Klavier, subtilem Bass und verzerrten Gitarrensoli begleitet. Sie wechselt freifließend zwischen klassischem Brustgesang, Vibrato-Einlagen und immer intensiver werdendem Spoken Word, der sich zu einer minutenlangen Klimax aufbäumt, einer Art metaphysischer Orgasmus, der einen mit dem UFO emporsteigen lässt.

Die Christin provozierte viele Konservative

Umgekehrt gibt es Momente, die ganz und gar nicht nach „surrender“ klingen. Die Standhaftigkeit und Ungehorsam verkörpern. Schon das Eröffnungsstück „Gloria: In Excelsis Deo“ beginnt mit der ikonischen Proklamation: „Jesus died for somebody’s sins, but not mine.“ Smith faucht diese Zeile mit einer provokativen Geste der Abweisung, die ihr damals von konservativer Seite den Vorwurf der Ketzerei einbrachte. Wie die gläubige Christin aber später selbst klarstelle, ging es ihr mit der Zeile nicht darum, dem Glauben an Jesus abzuschwören – sondern dessen Instrumentalisierung in der Kirche.

Mit „Gloria“ interpretiert Patti Smith einen Song von Van Morrisions Band Them auf radikale Weise neu. Die titelgebende Gloria ist bereits im Originalsong ein Objekt der Begierde; für Patti Smith als Frau ist diese Begierde natürlich deutlich gewagter, zumal sie in ihrem Text sogar einige explizite Details drauflegt. Doch Gloria lässt sich nicht bloß als Frau verstehen, sondern auch als der wörtlich übersetzbare Ruhm, den es zu erobern gilt. Und von dieser Idee wirkt Patti Smith wie besessen. Ihr schmetternder Gesang klingt bissig, lüstern, am Ende jeder Zeile macht ihre Stimme einen Sprung hoch. Das anfangs zurückhaltende, später immer energischere Klavier und die draufgängerische Gitarre versprühen einen dreckigen Blues-Charakter, der mal um mal in einen skandierenden Refrain explodiert.

„Horses“ prägte und transzendierte den Punk

Was gerne vergessen wird: „Horses“ ist kein Punk-Album im engeren Sinne. Es antizipierte und beeinflusste zweifellos die sich bildende Punk-Szene und steht dieser in seinem umwälzenden Impetus in keiner Weise nach – ganz im Gegenteil. Doch die musikalischen Einflüsse, die Patti Smith hier verarbeitet, sind deutlich vielschichtiger als der rudimentäre Stil der Ramones und Sex Pistols: klassischer Reggae auf „Redondo Beach“, eine Orgel und synkopierte Gitarre auf „Kimberly“, der avantgardistische Spoken-Word-Blues auf „Birdland“, der sich jeder traditionellen Genrebeschreibung entzieht. Viele Songs sind in mehrere Phasen gegliedert und laufen auf unerwartete Wendungen hinaus. Patti Smith und ihre Band verstehen es, eine ungemeine Spannung aufzubauen – und sie immer wieder aufzulösen.

Die stilistische Spannweite und Smiths idiosynkratischer Vortrag machen „Horses“ zu einem bemerkenswerten Album. Es ist keine Übertreibung, es eines der besten Debüts aller Zeiten zu nennen. Smith schafft es mit ihrer Stimme und ihren Texten, einen völlig zu vereinnahmen. Wie schon mit ihrem Blick und ihrer Pose auf dem Cover: Dort steht sie in weißem Hemd und Hosenträgern, ein schwarzes Sakko über ihre Schulter geworfen. Smith haftet etwas Androgynes an, sie blickt mit distanziertem Selbstbewusstsein in die Kamera. Das Foto stammt von Robert Mapplethorpe, wie auch das Coverbild von Smiths Autobiografie. Doch von „surrender“ kann hier keine Rede sein.

Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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