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Dorian Electra – “Fanfare”

14. November 20237 Min. gelesen

Die Popkultur ist die neue Religion und Dorian Electra verkündet die frohe Botschaft. In „Fanfare“ präsentiert Electra einen genre- und geschlechtersprengenden Mix aus Konsumeuphorie, Kapitalismuskritik und Kitsch.

Von Christopher Bertusch

Bereits der Opener „Symphony“ startet instrumental bombastisch und leitet in die Motive des Albums ein. Electra verkündet an die Fans: „Give me everything / I’m gonna need a symphony / And I’m gonna need to hear you scream.“ Wie der Titel schon verrät, thematisiert „Fanfare“ die Beziehung zwischen Fans und ihren Idolen, die Popkultur im digitalen Zeitalter, die Sehnsucht nach Ruhm und die Kommerzialisierung queerer Diskurse. „Idolize“ zeigt den Wunsch Electras, von their Fans kontrolliert und dominiert zu werden und in „Puppet“ erklärt they: „I give you full control“.

„Sodom und Gomorrah“ erobert das Wort Sodomie zurück und kehrt es in seine queere, positive Alternative um, die mit viel Witz daherkommt: „Tell me that ancient story / Two cities got super horny“. Dennoch bleibt sich Electra der potenziellen Kommerzialisierung politischer Streitrufe bewusst und karikiert diese im dazugehörigen Musikvideo: Hier stolzieren die Tänzer*innen mit „I <3 Sodomy“-Merch herum. Die Revolution verkauft sich gut. Der Song „anon“ kritisiert die Verwendung queerer Symbole durch Firmen, die sich nur in einem bestimmten Monat des Jahres um diese Community scheren.

Eklektisch, elektrisch, exzentrisch

Bekannt wurde Dorian Electra durch their Kollaboration mit Charli XCX auf ihrem Mixtape „Pop 2“ (2017), einem Vorläufer der heutigen Hyperpop-Szene. Electra blieb diesen Wurzeln zunächst treu, produzierte mit dem ersten Album „Flamboyant“ (2019) Synth- und Bass-fokussierte Songs, die sich ausgiebig an Breakdowns und Glitches ergötzen. Queere Themen standen für die non-binäre Künstlerpersönlichkeit von Anfang an im Vordergrund; „Flamboyant“ zelebrierte das opulente, offensichtlich queere Leben. In Tracks wie „My Agenda“ (feat. The Village People und Pussy Riot) nahm Electra immer wieder queere Klischees auf die Schippe.

„Fanfare“ bleibt der maximalistisch queeren Devise Electras treu, wendet sich jedoch etwas von den anfänglichen Hyper(-Pop)-Inspirationen ab. Vielmehr erinnern einige Lieder an Rock oder (Nu-)Metal. Vereint werden sie alle durch die Bass-ähnlichen E-Gitarren, die mittlerweile zu einem Signature Sound Electras geworden sind. Ergänzt wird das Spektakel orchestral: Streicher, Bläser und Klavier stoßen auf elektronische Beats. Electras Stimme spielt dabei mit Charakter- sowie Geschlechterrollen und wandelt zwischen den Tonlagen, gerne durch Autotune unterstützt.

Genre-Mix zwischen Minions und Mao Zedong

Ganz lassen sich der Hyperpop und seine Cousins Trance, EDM und Dubstep nicht aus Electras Repertoire heraustreiben. Das würde Electra gar nicht wollen. „Idolize“ erinnert an den 2000er-Pop im Stile von „Kiss me Thru the Phone“. Ein Blick in die Credits des Albums enthüllt die Produzent*innen Clarence Clarity, umru und Casey MQ, die schon für Musiker*innen wie Charli XCX, Sophie oder 100 gecs produzierten. „Yes Man“ bietet an seinem Ende eine gehörige Portion EDM-Wahnsinn, wird schlussendlich aber durch ein ebenso fulminantes Metal-Intermezzo unterbrochen. Mit „Warning Signs“ zeigt Electra, dass they auch in weniger bombastischen Momenten den Themen des Albums mit Feingefühl und Tiefgang begegnen kann. Auf eine Genre-Schiene lässt sich „Fanfare“ nicht festnageln. 

Anspielungen an frühere Alben, kulturelle Momente, Netzjargon und Wortspiele verstecken sich in den Lyrics. Von Langeweile fehlt hier jede Spur, denn eine gehörige Portion Humor rundet die Mischung ab. In einem Schwung geht es um „minions with a strap on“, oder „a slutty Mao Zedong thong“. „Fanfare“ ist gehörig provokant und sexuell, es lässt sich mehr als ein Innuendo zu diversen geschlechtsunspezifischen Sexpraktiken finden. Dabei bewegt es sich zwischen Kritik und Zelebration der Popkultur, zwischen Heuchelei und Ernsthaftigkeit. Imposant wechselt Electra zwischen selbstbewusstem Pop-Gott, zweifelnder Künstlerin, queerer Ikone, toxischem Fan und eiskalter Chefetage hin und her.

Bauarbeiter*innen im Kerzenlicht

Dies geschieht auch visuell, fast jeder Song hat ein eigenes Musikvideo. „Wenn ich an Musik arbeite, habe ich vorher oft erst eine visuelle Version“, verrät Electra in einem Interview mit Tushmagazine (https://tushmagazine.com/dorian-electra-fanfare/). Die Ästhetik, die sich den Zuschauer*innen hier präsentiert, vereint  Einflüsse über die Jahrhunderte, vermischt Y2K, Barock, Renaissance und Gegenwart. Im Kerzenlicht schimmert Electra beim Gesang, dahinter türmen sich an goldverzierten Wänden Gemälde wie das bekannte „Girl with a Pearl Earring“. Dann wandelt sich das Szenenbild schlagartig und wir befinden uns in industriellen, verschmutzen Warenhäusern, betrachten Maschinerie und halb-bekleidete Bauarbeiter*innen. Erneut kippt das Bild und nun tanzen uns grau-gleiche Anzugträger*innen mit Papiertüten auf dem Kopf an. Immer wieder mit dabei: Marschkapellen mitsamt Bläsern und Kostümen, die auf ihren Hüten oder anderweitig versteckt „ff“ („fortissimo“) tragen, das musikalische Zeichen für ‚sehr laut‘. Electras ‚sehr lautes‘ Album ist eine Tour de Force durch alle Ebenen der Zeit und des guten (sprich hier: kitschigen) Geschmacks.

Diese Tour de Force verdient es, gehört und gesehen zu werden. Sie endet mit der Frage: „Tell me, why does everybody wanna be a star?“  und einer dissonanten, verklingenden Note, die wiederum auf dem ersten Track „Symphony“ verwendet wird. Die Frage wird damit im Loop beantwortet: Electra möchte ein Star sein, weil they die Fans liebt – im Guten wie im Schlechten.

Glücklicherweise können diese Fans Dorian Electra im Januar 2024 in Berlin und Köln auch in Deutschland erleben. Das sollte nicht verpasst werden!

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