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Enji – Ulaan

5. September 20234 Min. gelesen

Die mongolische Sängerin und Wahlmünchnerin interpretiert mit einem großartigen Ensemble den Jazz neu.

Es sind kleine Dinge, die Enji inspirieren. Die Bilder, die ihr in einem Traum erschienen sind, der Besuch eines einsamen Dorfs oder der Blick auf eine Herbstlandschaft. Diese Eindrücke verwertet die mongolische Sängerin, mit bürgerlichem Namen Enkhjargal Erkhembayar, zu oft ähnlich impressionistischer Musik.

Verträumte Leichtigkeit

Enji absolvierte am Staatlichen Konservatorium in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator die Ausbildung für Jazz. Heute lebt sie in München, hat ihre eigene Band und erst vor Kurzem beim lokalen Plattenlabel Squama Recordings ihr drittes Album „Ulaan“ veröffentlicht. Acht der zehn Stücke des Projekts hat sie selbst komponiert, gemeinsam mit Paul Brändle, der als Gitarrist der Münchner Jazz-Fusion-Band Fazer bekannt ist. Und auch sonst vereint Enji ein Ensemble hinter sich, das sie passend ergänzt.

Joana Quieroz‘ Klarinette und Matthias Lindermayers Trompete harmonieren auf „Taivshral“ auf verträumte Weise mit Enjis luftiger Stimme. Die Band spielt mit großer Leichtigkeit und spiegelt den verspielten, fast kindlichen Gesang wider. Auf „Dulnaa“ streckt Enji ihre Stimme, klettert die Tonleiter herauf und wirkt dabei dennoch leichtfüßig. Dazu trägt ihr zarter Vortrag bei, aber auch das ätherische Instrumental: Paul Brändles Gitarre fließt meditativ dahin, Mariá Portugals Perkussion pocht stetig im Hintergrund. In der Beständigkeit liegt etwas Spirituelles.

„Ich finde, meine Muttersprache Mongolisch ist so eine rhythmische Sprache“, erklärt Enji. Ob es nun ihr Vortrag ist oder die Sprache, in der sie singt: Sie verleiht ihren Worten eine Melodie, die wie ein Bach dahintreibt und nach ihrem Rhythmus sucht, nach ihrer Ruhe.

„Ich muss mich daran erinnern, wer ich bin“

Bei dieser Suche orientiert sie sich manchmal nach außen: Das perkussionslose „Temeen Deerees Naran Oirhon“ erinnert in seiner Melodie und seinem Minimalismus an die Musik der Guatemaltekin Mabe Fratti. Dagegen ist „Libelle“ ein Stück, das Björk zu ihren a-cappella-Zeiten hätte aufnehmen können: Enji brummt und schwirrt wie ein Insekt, nur das Schlagzeug begleitet sie im Hintergrund. Auch wenn sie hier ihren impressionistischen Impulsen etwas zu stark nachgeht und dieses Stück nicht mehr ist als eine vage Skizze, ist ihre Experimentierfreudigkeit zu bewundern.

Doch Enji sucht keineswegs nur in der Ferne nach Inspiration – sie trägt ihre Wurzeln mit sich. „Ich bin Ulaan“, singt sie auf dem Titelsong in mongolischer Sprache. „Ulaan“: Das bedeutet Rot, und es ist ein Spitzname, den Enji von ihrer Familie hat. „Ich muss mich daran erinnern, wer ich bin“, erklärt sie den Text dieses Lieds. Während der Bass und die Klarinette dröhnen, beschwört sie in einem Monolog ihre eigene Willenskraft, ruft sie sich ins Gedächtnis. Sie spricht bestimmt, ohne laut zu werden. Beinahe flüstert sie. Manchmal klingt es, als flüsterten die Instrumente etwas zurück. 

Foto: Lara Fritz & Hanne Kaunicnik

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

Markiert in:#Enji, #Jazz, #Mongolei, #München,
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