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ericdoa – DOA

23. Januar 20246 Min. gelesen

Mit „DOA“ probiert sich ericdoa – Tiktok-Sensation, Digicore-Künstler und Rapper – an neuen Sounds. Seine Themen bleiben aber dennoch vertraut.

Polizeisirenen, eine scheinbare Verfolgungsjagd. So beginnt der erste Song des Albums, „the cake is a lie”. Kurz darauf geht es um Beziehungsprobleme, unerfüllte Versprechen, Schmerzen: „If I’m the root of the problem, just pull me out of the ground / If you wanna get up, tell you to strike me down.“ Begleitet wird das von einer schwingenden E-Gitarre und rhythmischen Drums. Das wirkt eigentlich wie ein stimmiger Anfang für ein Pop-Rock-Album.

Ist das bloß Musik für Tiktok?

Wie kaum ein anderer steht ericdoa für einen Glitch-infizierten, jugendlichen Internet-Sound, der sich zwischen Auto-Tune und voller Basssättigung in Genres wie Hyperpop oder auch im experimentellen Trap abspielt. Und das erfolgreich: Seit seinem Debüt 2020 hat der mittlerweile 21-Jährige drei Alben und eine EP veröffentlicht, stand mit The Kid LAROI auf der Bühne und steuerte einen Song für die zweite Staffel der HBO-Serie „Euphoria“ bei. Digicore nennt sich das Mikrogenre, zu dem er zusammen mit Künstlern wie Glaive oder Brakence, am ehesten gezählt wird. Die kurzen Songs von ein bis zwei Minuten eignen sich perfekt für das Scrollen auf TikTok und Instagram. Weniger maximalistisch als sein Cousin, der Hyperpop, ist Digicore etwas nüchterner, etwas mehr LoFi. Seine Künstler:innen sind nicht selten Jugendliche, zeichnen die Tracks im Schlafzimmer auf, publizieren sie auf Soundcloud und beheben nicht immer alle Aufnahmefehler. Jung und frisch, gefüllt mit Hoffnung und Angst vor der Zukunft, auf jeden Fall relatable. In den Lyrics fühlen sich nicht nur die jetzige Generation, sondern ebenso ehemalige scene kids und Emo-Fans verstanden.

Auch die Songs in „DOA“ überschreiten nie die drei Minutenmarke. Thematisch entfernt sich ericdoa laut eigenen Aussagen aber von früheren Projekten, stellt „a decaying of immaturity“ dar [via https://www.nme.com/reviews/album/ericdoa-doa-mixtape-review-radar-3570788]. Lyrisch soll es um Gemeinschaft, Familie und Liebe gehen – das Cover porträtiert „the selfless maternal spirit“ [via Instagram Story: https://imgur.com/PobSq0A] einer lateinamerikanischen Straßenverkäuferin. So poetisch das klingt, so absent wirkt das in vielen der zehn Songs auf dem Album. Stattdessen scheinen die gleichen Themen wie zuvor zu dominieren. Der Herzschmerz ist ganz vorne mit dabei, dazu gesellen sich Selbstmitleid wie Schmerzen – und zuletzt darf eine kleine Prise Angeberei nicht fehlen: „Making predictions I would fall from the pop shit / There ain’t a force in the world that can stop this / I could buy a bag for every girl that said I’m not shit“. In typischer, digitaler Manier fehlt den Songtiteln jede Kapitalisierung, teilweise sogar die Leerzeichen, z.B. bei „bigassbearman“. Wer braucht schon Rechtschreibung im Internet?

Diese Vertrautheit rutscht allerdings nie zu tief in das Klischee hinab. Vielleicht aufgrund der Kürze der Songs, die wenig Raum für mehr Entfaltung bietet, aber auch aufgrund des lyrischen Fingerspitzengefühls, nicht jede ausgeleierte Metapher auf die Bühne zu bitten und immer wieder Fragen aufzuwerfen: „I remind her of a Sour Patch Kid, they don’t make ‚em like this/ Tell you something sweet, feel a pain in your rib.“

Herzschmerz mit Tanzstimmung

Vieles in „DOA“ fühlt sich neu an. „arm and a leg“ und „the cake is a lie“ reihen sich perfekt in die Pop-Rock-Schiene ein, „dancingwithsomebawdy“ verschwört sich erfolgreich mit dem Dance-Pop. Es ist nicht der letzte Song, der zum Tanzen einlädt. Das Album kann aber auch gemeinsam im Auto gehört werden – „crisis actor“ wirkt wie der perfekte Radiohit für den nächsten Roadtrip. Mit „lastjune“ evoziert ericdoa Bilder von Sommerträumen und Hotelnächten, die musikalisch an The Kid LAROI erinnern. Immer wieder schmeicheln Gitarrenriffs, subtile Synths und Drums die Ohren. Doch auch für Dissonanzen liebende Hyperpop-Fans ist etwas geboten: „paystub“ erschlägt die Zuhörer:innen mit seinem Bass und erinnert an die bekanntesten Hits des Sängers. Dabei wirkt ericdoas Gesang stets vertraut, wenn auch nicht immer ganz verständlich: irgendwo zwischen dem Ansatz eines Schreis und melancholischer Energie. Diese Gleichheit wirkt mehr wie ein Erkennungsmerkmal als ein Zeichen fehlender Kreativität und in Songs wie „kickstand“ ergibt sich ein subtil-faszinierendes Spiel der Tonlagen. Ab und an brechen robotische Stimmen in die Lieder ein, der Beat verzerrt sich, pausiert. Revolutionär sind diese Momente für ericdoa und Hyperpop-Fans jedoch nicht, spannend bleibt es musikalisch doch eher  durch den Genre-Mix.

Die behandelten Themen sind bekannt und erinnern die eine oder den anderen mehr an die Jugendzeit als an die von ericdoa gewünschte Reife. Dennoch gelingt es dem Sänger und Rapper, relevant und frisch zu bleiben. Die Produktion zwischen Pop, Dance, Rock und Trap ist verspielt und macht Lust, mehr als nur die jeweiligen zwei Minuten zu hören. Ein interessantes Album, das hoffentlich den Grundstein für weitere Experimente und Versuche legt.

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