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Faber – Addio

11. Juni 20245 Min. gelesen

Der Schweizer und seine achtköpfige Band schaffen ein musikalisch vielschichtiges Werk. Doch wo bleibt die emotionale Tiefe seines Songwritings?

Faber nimmt gerne Rollen an. Im Internet gibt er sich als „Leon“ aus: „Wie der Löwe, wegen stark.“ Der Schweizer, der mit bürgerlichem Namen Julian Pollina heißt, verkörpert in seiner Musik das Macho-Getue einer Generation verunsicherter Männer. Er protzt und posiert und lässt wissen, wie viel er vögelt. Auch auf seinem dritten Album „Addio“. Doch je ausdrücklicher er wird, desto mehr bröckelt die Fassade und desto entblößter zeichnet sich der Umriss eines gekränkten Mannes ab.

Diese Masche hat Faber seit seinem Debütalbum von 2017 perfektioniert. Das Beeindruckende daran ist, dass er nicht nur ein gewitzter Texter und scharfer Beobachter ist. Sondern dass er die destruktiven Charaktere, die er imitiert, auch mit seiner gesanglichen Virtuosität zu inszenieren versteht. Opernhaftes Vibrato, verwundbare Gravität und überspitzt notgeiles Balzen wechseln einander ab. Er manövriert dabei zwischen der Theatralik eines Tom Waits und der Melancholie von Element-of-Crime-Sänger Sven Regener.

Mehr Prunk als Groove 

Nur scheint Faber auf „Addio“ ein bisschen zu sehr auf Inszenierung zu setzen und zu wenig auf Selbstenthüllung. Vielleicht sind seine Rollen inzwischen ausgespielt, die Geschichten auserzählt. Zeilen wie „Bin kein Mathematiker, aber ich kläre Nummern wie ein Mathematiker“ wirken irgendwie vorhersehbar. Den Porträts von moderner Mittelschichtsliebe samt Tinder, Waxing und Bioladen fehlt bei aller textlichen Schärfe oft die Tiefe.

Das Verschmitzte und Dreckige in Fabers Vortrag ist auf diesem Album fast vollständig seinem Pathos gewichen. Dass sich die Instrumentation diesmal weniger an tanzbaren Balkan-Grooves als an orchestralem Prunk orientiert, verschärft den Kontrast zwischen gewichtigem Vortrag und lächerlichen Texten. Dadurch wirkt Fabers Spiel umso absurder. Aber eben weniger spielerisch.

Dennoch ist die Musikalität dieses Albums beachtlich. Faber wird von einer achtköpfigen Band begleitet, die zwischen Operette und Singer-Songwriter changiert und immer wieder auch von elektronischen Arrangements begleitet wird. Besonders prominent ist dabei ein Chor, der durch das Album geleitet und auch der anfänglichen „Ouvertüre“ ihre Epik verleiht. Diese wirkt wie die passende Soundpalette zur Heldenszene eines Westerns. Die aufgebaute Spannung löst sich auf dem darauffolgenden „Du kriegst mich nicht zurück“ auf, als filmischer Hintergrundgesang, kaskadierende Klavierakkorde und galoppierende Drum Machines Fabers Eifersuchtserzählung begleiten.

Die letzten drei Songs des Albums sind eine Würdigung von Fabers italienischen Wurzeln. Er dichtet auf Italienisch in der Manier eines cantautore, begleitet von einer sinnlichen Gitarre. Mit seinen Streicher:innen und der wabernden Club-Produktion lässt er sich dann in hypnotischen Refrains Richtung Tanzmusik treiben. Auf dem Abschlussstück „Pirdutu cori“ singt Faber mit seinem Vater im Duett. Eine leichte Bossa-Nova-Gitarre wird mehr und mehr vom dringlichen Gesang übertönt, bis die Musik zunehmend an Dissonanz gewinnt und schließlich verstummt.

Mut zum Minimalismus?

Als dissonantes Album wird „Addio“ womöglich in Erinnerung bleiben. Denn bei allem Talent und aller musikalischen Ambition, die Faber hier vereint: Es scheint, als habe er sich mit seinem Pathos und seiner Inszenierungsfreudigkeit etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. Zumal der Schweizer zu selten die Lautstärke herunterdreht, um die verborgenen Gefühle hinter seiner Rolle zum Ausdruck zu bringen. 

Es ist das Titelstück „Addio“, auf dem Faber Mut zum Minimalismus zeigt und sich selbst ganz herausnimmt. Wieder tritt der Chor auf, hier kommt er in all seiner himmlischen Anmut zur Geltung. Nur Violine, Violoncello und Klavier erklingen sanft im Hintergrund. Es gibt ein paar Momente während des Stücks, in denen alles still wird. Sie hinterlassen auf „Addio“ das lauteste Echo.

Bild: Justus von Karger

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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