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Fallen und sich wieder fangen 

2. November 20236 Min. gelesen

Nach fast 40 Jahren kam Jonathan Demmes „Stop Making Sense“ dieses Jahr wieder in die Kino: ein grandioser Konzertfilm, der die Energie der Talking Heads dokumentiert.

Auf der Bühne des Pantages Theatre in Hollywood steht anfangs ein einzelner Mann. Adrett gekleidet in grauem Jackett, Stoffhose und weißen Sneakern, beginnt er, auf einer akustischen Gitarre zu spielen. Es ist David Byrne, Frontmann der Talking Heads, und er allein trägt den Hit „Psycho Killer“ vor. Aus jeder Note und Melodie holt er die gleiche Energie heraus wie üblicherweise seine gesamte Band. Die Kamera dokumentiert jede leidenschaftliche Regung und jeden scheinbar unkontrollierten Anfall von Ekstase, der ihn in diesen vier Minuten überkommt.

Was die Kamera auf „Stop Making Sense“ erstmal nicht einfängt, ist das Publikum. So schafft es Regisseur Jonathan Demme auf diesem Konzertfilm von 1984, die Unmittelbarkeit des musikalischen Erlebnisses aufzugreifen: Wenn Bassistin Tina Weymouth die Bühne betritt, dann das Schlagzeug für Chris Frantz eingefahren wird, Gitarrist Jerry Harrison und all die fantastischen Hintergrundsänger:innen und Tänzer:innen dazustoßen, folgt das nicht nur einer klaren Dramaturgie – man selbst fühlt sich, als werde man im Konzertsaal Zeuge dieser Ereignisse. Nach fast 40 Jahren hat das US-amerikanische Filmunternehmen A24 „Stop Making Sense“ wieder in die Kinos gebracht. Die Neuveröffentlichung ist das Echo einer der innovativsten Rock-Bands des letzten Jahrhunderts.

Kontrolliertes Chaos

„Stop Making Sense“ ist von der ersten Sekunde an mitreißend. Es ist nicht zuletzt Kameramann Jordan Cranenwerth, der die Dringlichkeit und Gemeinschaftlichkeit dieses Live-Auftritts wiedergibt. Er nimmt auf, wie jedes einzelne Bandmitglied voller Leidenschaft und Energie spielt. Wie die Gruppe miteinander interagiert, sich Blicke zuwirft und lacht. Meist ist die Kameraführung auf den Punkt. Sie spiegelt das wider, was die Band ausstrahlt. Doch dann zeigt eine Aufnahme plötzlich David Byrne von unten oder zoomt mehrere Sekunden in das Gesicht von Gastgitarrist Alex Weir. In diesen Szenen steckt ein Überraschungselement, durch das sich eine enorme Dramatik aufbaut.

Es sind natürlich auch die Talking Heads selbst, die „Stop Making Sense“ so bereichern – nicht nur dank ihrer facettenreichen Grooves und ihrer schlagkräftigen Refrains, sondern auch weil sie diese hervorragend performen. Allen voran David Byrne versteht die Kunst zu schauspielern. Er geht in der Rolle des glamourösen und wahnsinnigen Protagonisten auf, der mit den Erwartungen des Publikums spielt. Wenn er erratisch schreit, epileptisch zu zittern beginnt, in einen überdimensionierten Anzug schlüpft oder scheinbar grundlos mehrere Runden um die Bühne rennt, tut er das sicher, weil es ihm Spaß macht. Aber er tut es auch, um den Anschein des Kontrollverlusts zu erwecken. Während des romantisch glitzernden Stücks „This Must Be the Place“ greift er sich eine Stehlampe, die Teil des Bühnen-Designs ist. Er tanzt mit der Lampe, wirft sie von einer Seite um und läuft, um sie auf der anderen Seite wieder zu aufzufangen. Er schwingt mit der Lampe mit, lässt sich fallen und fängt sich vor dem Sturz. Immer wieder. Kontrolliertes Chaos.

Die Talking Heads auf ihrem Zenit

Die Talking Heads und ihre Kollaborateur:innen treten hier als Einheit auf. Ihre üppigen und vielschichtigen Kompositionen leben vom Zusammenspiel zwischen den Instrumenten und Sänger:innen. In der Musik der Talking Heads verschmelzen New Wave, Funk, afrikanische Polyrhythmen, experimenteller Rock und Pop.

Doch so viel Chemie und Wertschätzung für die eigene Vielfalt Byrne und seinen Bandkamerad:innen ausstrahlen, so tief waren in Wirklichkeit die Gräben. Der Frontmann galt als eigensinnig und unverbindlich. Die Band setzte 1988 ihre Tätigkeit aus. Drei Jahre später erklärte Byrne in einem Interview, die Talking Heads hätten sich aufgelöst. Es folgten verschiedene Statements und Enthüllungen, ein Rechtsstreit, ein gemeinsamer Auftritt 2002. Doch ihren künstlerischen Zenit hatten die Talking Heads schon erreicht, vor heute 40 Jahren – und er ist in „Stop Making Sense“ in all seiner Pracht dokumentiert.

https://youtube.com/playlist?list=PLPK1GFpZWzR6fkclP7iDUS55hWFeSizun&si=xEC6fqLyTDyMH_uu

Das Publikum erscheint dann doch noch im Film. Während des letzten Stücks „Crosseyed and Painless“ sieht man es tanzen, singen, jubeln. Hinter ihm liegen 90 Minuten unermüdlicher Ekstase. Diese Ekstase muss man nicht immer verstehen. Der Filmtitel „Stop Making Sense“, eine Textzeile der Talking Heads, bringt es auf den Punkt: Kunst, Leidenschaft und Lebensfreude müssen nicht immer Sinn ergeben. Warum nicht mal mit einer Stehlampe tanzen? Ihrem Rhythmus folgen, mit ihr mitschwingen und für einen kurzen Moment fallen, fallen, fallen…

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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