Der Rapper DIKKA macht HipHop- Musik für Kinder. Mit frechen Texten, Humor auf Kindergarten-Niveau und pädagogischem Augenzwinkern füllt Simon Müller Lerch, die Person hinter dem Namen und der Rhinozeros-Maske, regelmäßig Kinder-Konzertsäle. Aktuell tourt DIKKA mit seinem 4. Album “Boah ist das krass” wieder durch Deutschland. Auch bei den Kindern unserer Gastautorin ist DIKKA der absolute Star und läuft beim Zähneputzen, Pendeln, Aufräumen oder Spielen. Die drei Rabaukis (5, 6 und 7 Jahre alt) erlebten im Juni mit DIKKA im Circus Krone ihre Konzert-Premiere. Lohnen sich Kinder-Konzerte? Noch wichtiger: Revolutioniert DIKKA Kindermusik?
Ein Gastbeitrag von Katherine Haase
„WOW woher wusste Osterhase, dass wir hier bei den Wasserfällen sind?“
Ja, so ist das. Irgendwie, wie an Weihnachten landen oft genau die richtigen Geschenke im Osterkörbchen. Drei Rabaukis wurden mit DIKKA Konzertkarten für die zweite Boah ist das krass Tour beschenkt. Teurer Spaß, schließlich schmerzt der Geldbeutel einmal kurz beim Online Check-out. Es reicht die neueste Mail aus der Kita und 170 € für drei Kinder und mich sind vergessen. Heute: keine Läuse, dafür Madenwürmer in Gruppe Orange. (An alle Nicht-Eltern: Mails aus der Kita lassen den Puls Alptraum-gemäß in die Höhe schellen. Schließlich weißt du nie, wann es dich treffen wird und du bei deinen Kindern und natürlich auch schön bei dir selbst die Läuse auskämmen darfst.)
Was ich später werden will, das
Fällt mir doch heut nicht ein
Ich will einfach auf mein Herz hör′n
Ich will einfach glücklich sein
Was willst du werden, wenn du groß bist? (Glücklich, glücklich)
Was wollen wir werden, wenn wir groß sind? (Glücklich, glücklich)
Glücklich
DIKKA & LUNA, 2022

Der Rapper DIKKA tritt im Rhinozeros-Kostüm auf. ©Universal
Genauso alltagsprägend: Seit April ersetzen die wummernden Hip-Hop Tracks á la DIKKA unseren 6:00-AM-Wecker. Während des Frühstücks, beim Anziehen, im Bad, beim Aufräumen, fürs „Chillen“, hinter verschlossener Kinderzimmertür und besonders toll, bei offener Wohnungstür in Kombi mit morgendlichem Jammern zwischen 06.50- und 07.06 Uhr. Neben textsicheren Rabaukis bin ich es doch genauso. Klar, da stellt sich die Frage: Wie schafft es das rappende Rhinozeros aka DIKKA, seit 2021 volle Kinderzimmer und noch vollere Konzerthallen zu begeistern? Allein dieses Jahr bietet DIKKA rund 40 Kinder-Konzerte an.
Kurzer Einschub entgegen ein paar hartnäckiger Vermutungen: DIKKA ist nicht Sido. Unter dem grauen Trainingsanzug inklusive grauer Handschuhe, dicker goldener „DIKKA“ Buchstaben-Klunker-Kette mit weißen Nike Air Force 1 und überdimensioniert großer Nashorn-Maske schwitzt: Simon Müller-Lerch. Prä-DIKKA als Sera Finale (sein 1. Pseudonym) staubte er in Songwriter-Funktion für Culcha Candela, Helene Fischer und Sido ordentlich Erfolg ab. In einem SZ-Interview berichtet Müller-Lerch, wie er 2020 nicht verwendete Hip-Hop-Beats (ursprünglich für ein Sido-Album) mit lustigen empowernden kindernahen Lyrics für seine Tochter recycelte. Zack: Das Album „Oh Yeah“ wagte mit zwölf Tracks die ersten Schritte. Gleichwohl hat Sido in dem Track „SUPERPAPA“ (2021) als Faultier Siggi einen Gastauftritt.
Dank DIKKA dröhnt seit ein paar Jahren endlich textlich progressivere, freche Kindermusik aus Fahrradanhängern. Wenngleich auf den Songs oft ein pädagogischer Aktionismus mitschwingt (beispielsweise die Animation zum Zähneputzen) beharrt DIKKA auf Kinder-Augenhöhe. Mit „Ihr kriegt uns nie mehr klein“ (2021) schrieb DIKKA eine Hymne der UN-Kinderrechtskonvention, „Ich bin Ich“ , bestärkt die Selbstbestimmung und „Zusammen“ schenkt lyrische Solidarität. Im selben Atemzug widersetzt sich DIKKA kitschigen, grellen Simone-Sommerland-Melodien und ist weniger christlich geprägt als Rolf Zuckowski.
Bis jetzt lieferte DIKKA vier Alben: „Oh Yeah“ (2021), „Boom Schakkalakka“ (2022), „Die tollsten Tage mit DIKKA“ (2024) und namens gebend für die diesjährige Tour das 4.Album: „BOAH ist das krass“.
Ich feier’ meine Kratzer, die Kanten und Knicke
Im Kopf, da sind Flausen, im Mund ist ‘ne Lücke
Eyo, ich bin ‘ne Super-Glitzer-Wundertüte auf zwei Bein’n
Es ist schön, ich selbst zu sein
Ich bin ich
Kann heller als die Sonne schein’n
Und liebe mich von ganz allein
Denn mich gibt’s nur einmal
Ich bin ich
Ich bin Ich
DIKKA & LEA, 2025
Genauso „krass“ die Schlange, die sich am 13.Juni 2026 ab 15.15 Uhr um den Cirus Krone in München rein in die Wredestraße windet. Hüpfende zappelnde Kinder mit selbst gebastelten Fan-Schildern, Tour-Shirts vergangener DIKKA-Konzerte, Glitzer in den Haaren umschwirren, aufgekratzte Eltern. Für viele, wie für meine Rasselbande, ist es das erste Kinderkonzert. Dieses ist ausverkauft. In München tischt DIKKA direkt mit zwei Konzertterminen musikalisch auf.
Zur zeitlichen Einordnung: Das Konzert beginnt um 17 Uhr. Der Einlass ist um 15.30 Uhr. Freie Sitzplätze,- da ist es wenig verwunderlich, wenn Eltern wie ich – noch viel früher antanzen, um für die Rasselbande 1A-Sitze zu ergattern. Zwar ist der Konzertbesuch ohne mindestens eine erwachsene Person unmöglich, jedoch dürfen Kinder ab 4 Jahren das Konzert auf der extra Kinder-Tanzfläche, dem Nashorn-Gehege, verbringen. Diese elternfreie Zone wurde amphitheatergleich von Sitzplätzen der Erwachsenen mit / – ohne Kinder eingerahmt. Wie ein Zirkusdirektor teilte sich DIKKA das Rampenlicht mit dem Nashorn-Gehege ohne Gitterstäbe.
Nochmal kurz zur Warteschlange vor dem Konzert: Die Kinder-Party-Meute wächst. Superfreundliche Ordner:innen in neongelben Westen mit DIKKA-Emblem verteilen gelbe oder rote Bändchen an alle Kinder. Routiniert warten sie bis jedes Kind mit einem Bändchen am Handgelenk wackelt und auf jedem Bändchen die Notfall-Handynummer notiert ist. Völlig entspannt wiederholt das Ordner:innen-Team die Notfall-Treffpunkte (Bild rechts) Giraffe und Biene. Wer ein gelbes Band mit Bienenaufdruck erhält, weiß somit im Falle des Verlusts, dass die Eltern beim Bienen-Treffpunkt warten würden. In die Zirkusmanege sind zwei riesige Banner platziert. Auf dem gelben Banner flattert groß die Biene. Um das rote Banner versammeln sich alle Kinder mit roten Giraffen-Bändchen.
Irgendwann sind wir drinnen, trotz Edelstahlflasche – erlaubt sind ja nur Plastikflaschen, das hatte ich vergessen. Jedes Kind darf einen A4-großen Rucksack oder eine Tasche inklusive Konzertverpflegung mitnehmen. Jetzt gilt es 1,5 Stunden bis zur 17:00 Uhr das Bühnenbild zu bestaunen.
F spekuliert: „Vielleicht wird Konfetti geschmissen?“
L „Ich finde die dicke Hummel lustig!“
E „Und die Skaterbahn – da an der Rampe hoch und dann runter.“
F „Und da gibt’s noch so eine Schaukel, find ich auch cool!“
E „Und da ist die Disko-Bar!“
Ich „Was ist das?“
E „Das sind die Disko-Menschen, die machen die Lichter an und so.“
Welche Lieder sich die Rasselbande wünscht?
F und E sind sich einig: „Eis Eis Baby!“, während L zum Banger: „Nein heißt Nein“ tendiert.
F fragt: „Wann geht es los?“

DIKKA und DJ Löwe auf der Bühne. Foto: K.Haase
Als ich die Rabaukis frage, ob die drei lieber im Nashorn-Gehege wären, antworten sie
L „Wo ist das Nashorn-Gehege?“
Ich „Da, wo die Kinder allein sind.“ (Retrospektiv ist meine Erklärung dramatisch.)
L „Äh ja, weil da kann man rumtoben“
Ich „Würdest du dich das alleine trauen?“
L „Nein“
F „Nein!“
E „Nur ein bisschen.“
Nach einem Toilettenbesuch, nochmal einem „Nein, wir kaufen keine 5-€-Popcorn“, nähert sich die 17:00 Uhr. Plötzlich wird eine Veränderung auf der Bühne bemerkt:
L „Nebel! Warum wird da eigentlich Nebel hingemacht? Soll das spannend aussehen?
E „Wann geht’s endlich los?“
Dann geht es mit DJ Löwe los. Unermüdlich ruft die Kinder-Party-Meute: „DIKKA! DIKKA ! DIKKA!“ Lässig tritt DJ Löwe ans Mischpult, dann schlendert DIKKA herein:
„Was geht denn jetzt ab? Boah, ist das krass
Was geht denn hier ab? Boah, ist das krass
DIKKA ist zurück, ey, da habt ihr was verpasst
Was geht denn jetzt ab? Boah, ist das krass
Seid ihr da? Yo! Hau’n wir rein? Wooow!
Zeigen wir der Welt, wie das geht? Let’s go“
DIKKA spielt beinahe zwei Stunden: pausenlos – ohne Vorband mit ganz vielen Bewegungsspielen. Er übt Choreografien mit den Kindern ein, animiert zu Ratespielen, übersetzt seine englischen Titel und erklärt kindgerecht warum ihm der Song „PEACE“ (2025) so am Herzen liegt, wie das Peace-Zeichen aussieht. DIKKA positioniert sich gegen jede Form von Gewalt.
Zwischendurch bedankt sich DIKKA immer wieder bei allen Kindern für ihr Antanzen. Widmet ihnen richtig viel Zeit, winkt in alle Winkel des Zirkuszeltes, wirft viele Herzchen-Gesten zu, versucht jedes Plakat zu lesen, zeigt seine Freude, hier im Circus Krone in München performen zu dürfen. DIKKA baut Nähe auf – eine parasoziale Nähe, die seine Tracklist widerspiegelt. DIKKA erklärt die Stopp-Geste und lädt alle ein, sich mit einem lauten „Nein heißt Nein!“ zu wehren.
Egal ob Nashorn-Gehege oder Sitzplätze: Kinder tanzen, springen, kichern und singen mit.
Das Konzept des Kinderkonzertes geht auf. Die Kinder fühlen sich wohl, die Eltern bemerken auch innerhalb des Zirkuszelts sensible, kinderfreundliche Ordner:innen, die aufmerksam durch das Konzert begleiten. Ordner:innen verteilen kostenlose, mit Wasser befüllte Trinkbecher an durstige Kinder auf der Tanzfläche. Es gibt keinen Moment, indem nicht eine Ordner:innenperson ein Kind die Treppe hoch zu den Sitzplätzen hilft, wenn es ein Elternteil sucht.
Kurz bekommen Eltern ihre Time to shine: DIKKA trällert erst „SUPERMAMA“ (2023), danach „SUPERPAPA“ (2021). Natürlich grölen die Kinder mit, und DIKKA überlässt dem Kinderchor an manchen Stellen das Mikrofon. Doch im direkten nacheinander folgenden Vergleich lässt sich der bleierne Beigeschmack des Patriarchats nicht herunterschlucken.
Nein ist ein supertolles Wort mit vier Buchstaben (Oh)
Es fühlt sich cool an, man kann es richtig gut sagen
Wenn mich etwas tierisch nervt, geht das einfach so
Ich halt’ die flache Hand nach vorn und sag’ einfach: „No“
Bis jeder es versteht, ganz ohne Tralala
Denn das ist mein Spiel, meine Regeln, alles klar?
Vielleicht kriegt ihr das ja mal in den Kopf
Stopp heißt stopp und bleibt auch stopp, yeah
Dieses Wort, das wird immer auf mich aufpassen (Genau)
Auch wenn sie schubsen, stänkern oder auslachen
Denn es macht riesenstark, nie mehr einsam (Yeah)
Komm, wir rappen es gemeinsam
Nein heißt nein
Na-na, na, na-na (Yeah, yeah)
Nein heißt nein (Oh)
Na-na, na, na-na (Wie bitte? Nochmal)
Na-na-na, na-na, nein (Genau)
Na-na, na, na-na (Und alle zusamm’n?)
Nein heißt nein (Yeah, yeah)
Na-na, na, na-na (Kommt schon, jetzt ihr, yeah)
Nein heißt Nein
DIKKA, 2025
Während „SUPERPAPA“ (2021):
„Es gibt da so ‘nen Typ, der mich immer versteht
Der immer für mich da ist, wenn irgendwas nicht geht
Der einfach kurz mal schraubt, wenn irgendwo was klappert
Mein Papa, mein Papa, mein Papa (…)
Papa, der kann zaubern und alles reparier’n (…)
Im Winter hält er warm, im Wasser hält er dicht
Er ist so stark wie Hulk, er ist so schnell wie Licht (…)
Papa, der kriegt alle Marmeladengläser auf“,
wiederkehrend auf seine Fähigkeit als Heimwerker und physische Stärke reduziert wird, darf „SUPERMAMA“ das eigene Kind nicht genauso stark in die Luft werfen.
Nein, „SUPERMAMA“
(…) weiß, wo alles liegt, weiß, wo alles ist
Denkt für alle mit, Mama ist der Riesenhit
Ihr Herz ist so groß, dass man’s nicht umarmen kann (Ma-Mama)
Sie ist ‘ne Heldin, die alles zusammenhält (Mama)
Kummer macht sie bunt, Hunger kocht sie weg (oh, oh, Mama)
Und erinnert sich an jeden Feiertag (Ma-Mama)
Damit der Rest der Familie was zu feiern hat (Ma-Mama)
Sie hat immer Feuchttücher, Pflaster, Schraubenzieher, Reiswaffeln, Apfelstücke, Handcreme
Schlittschuhe, Fleckentferner, Kompass, Impfpass, Haarspangen, Skateboard
Regenschirm, Mut und Liebe mit dabei (Ma-Mama)
Diese „Lobeshymne“ reproduziert nicht egalitär verteilte unbezahlte Care-Arbeit. „SUPERMAMA“ ist ein phonetischer Blumenstrauß, so progressiv wie die zu Muttertag. Unter der reflektierten „en vogue” Nashornmaske steckt am Ende wieder nur ein weißer Mann. „Es sind nicht alle Männer, aber es ist immer ein Mann.“ („Nicht alle Männer“, Mariybu & Ebow, 2026). DIKKA verpasst hier seine Chance, wirklich konsequent Kindermusik frei von den Fesselndes Patriarchats zu produzieren. Schließlich gehören „SUPERPAPA“ und „SUPERMAMA“ zu seinen TOP 10 meistgestreamten Songs.

In diesem Sinne, ganz ironiefrei: Meiner Rasselbande gefiel ihre Konzertpremiere. Die Wangen gerötet, die Stimmen ganz
aufgeregt noch an die Zirkusmanegen-Lautstäke angepasst, und wild durcheinander brabbelnd treten wir hinaus in den Juniabend.
Was willst du werden, wenn du groß bist? (Glücklich, glücklich)
Was wollen wir werden, wenn wir groß sind? (Glücklich, glücklich)
Was wollt ihr werden, wenn ihr groß seid? (Glücklich, glücklich)
Was? (Glücklich, glücklich)“
Glücklich
DIKKA & LUNA, 2022
Naja: Glücklich wird eine Hälfte der Kinder im strukturellen System des Patriarchats nicht.
Titelfotos und Fotos von K.Haase.




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