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Haley Heynderickx & Max García Conover – What of Our Nature

2. Dezember 20256 Min. gelesen

Wo sind Bob Dylan und Woodie Guthrie, wenn man sie braucht? Wer sich Musik wünscht, die gegen die Ungerechtigkeiten der Gegenwart aufbegehrt, findet diese bei Haley Heynderickx und Max García Conover.

Gibt es heute noch Protestlieder? Diese Frage stellte sich unser Autor Moritz Remuta erst Anfang des Jahres. Er beklagte: So viel politische Musik gegenwärtig auch öffentlich kursiert, den kollektiven Protestcharakter der 60er-Folkmusik vermag heute niemand so recht zu beschwören – und das trotz Kriegen, Klimawandel und neuen Autoritarismen. Der Geist von 68 habe sich nicht nur in politischer, sondern auch in ästhetischer Hinsicht verflüchtigt.

Und es stimmt: Es gibt keinen Songwriter und keine Sängerin, die durch ihre Texte und ihre schiere musikalische Präsenz die Menschen von ihren Handybildschirmen auf die Straße bewegen könnte. Die gesellschaftliche Realität ist 2025 schlicht eine andere. Aber Moment! Das heißt nicht, dass die Sehnsucht nach einer traditionellen Pop-Figur mit politischer Integrationskraft auf taube Ohren stößt: Der US-amerikanische Singer-Songwriter Jesse Welles etwa macht sicher derzeit einen Namen als „neuer Bob Dylan“. Und seine Landsleute Haley Heynderickx und Max García Conover hauchen auf ihrem aktuellen Album dem Erbe von Woodie Guthrie neues Leben ein.

García Conovers entschiedener Aktivismus ergänzt Heynderickx‘ Naturverbundenheit

Die bekanntere Hälfte dieses Duos bildet Haley Heynderickx. Bisher machte sich die 32-Jährige vor allem als Gitarrenvirtuosin einen Namen und eroberte mit ihrem Debüt „I Need to Start a Garden“ eine besonders traditionsbewusste Blase im Indie-Folk für sich. Sehr politisch war Heynderickx‘ Musik bisher nicht – doch das ändert sich durch ihre Zusammenarbeit mit Max García Conover, der ihrer hypnotischen Naturverbundenheit etwas revolutionäre Chuzpe mitgibt. Die gemeinsame EP der beiden von 2018 wirkte vor allem spirituell begründet, „What of Our Nature“ klingt in erster Linie aktivistisch.

Das ist bereits auf dem Eröffnungsstück „Song for Alicia“ unmissverständlich. Es handelt sich um eine Hommage an Alicia Rodríguez, eine Puerto-Ricanerin, die 1981 aufgrund ihrer Tätigkeit in einer separatistischen Organisation in den USA zu 55 Jahren Haft verurteilt wurde. Wenn García Conover mit heiserer Stimme in einen wütenden Schwall ausbricht und die gewalttätige Willkür beschreibt, mit der Rodríguez vor Gericht behandelt wurde, dann ist es schier unmöglich, nicht auch die heutigen Razzien der ICE vor Augen zu haben. Diese Wut auf ein rassistisches System löst sich in einem triumphal aufbegehrenden Refrain auf, der die Worte eines puerto-ricanischen Dichters zitiert: „I would be Boricua even if I was born on the moon.“ Boricua ist die Selbstbezeichnung des puerto-ricanischen Volkes.

In diesen Momenten der Katharsis hakt sich Heynderickx‘ melancholischer Hintergrundgesang bei Garcia Conover unter. Während sie spielerisch und nuanciert die Tonleiter auf- und ab klettert, entfaltet sein Vortrag seine Wirkung vor allem durch unmittelbare Unverfrorenheit. Ihre beiden Gitarren geben sich der treibenden Schlagtechnik des strumming hin, wiegeln einander auf. Es ist ein Kontrast zur delikaten Fingerstyle-Gitarre auf eher in sich gekehrten Momenten wie „Mr. Marketer“ und „In Bulosan’s Words“. Auf beiden übernimmt Heynderickx die Führung; auf zweiterem bedient sie sich dabei eines Gedichts des Filipino-Amerikaners Carlos Bulosan. Darin kommt die migrantische Erfahrung von Armut, Einsamkeit und Unsichtbarkeit in den USA der 1930er zum Ausdruck.

In der Musik des Duos hallt der Protest-Folk der 60er nach

Es gelingt dem Duo wunderbar, diese Erzählungen aus der Vergangenheit auf heute zu übertragen. Wenn „Buffalo, 1981“ an die massenhaften Kündigungen streikender Angestellter unter Ronald Reagan erinnert, liegt darin auch ein Plädoyer für Arbeitersolidarität heute. So verdeutlichen Haley Heynderickx und Max García Conover die aktuelle Relevanz dieser historischen Ereignisse. Und schaffen es ein Stück weit, Einzelschicksale zu universalisieren.

Genau darin dürfte das Protestpotenzial ihrer Musik liegen. Sie zeigt uns, was das Schicksal des entlassenen Arbeiters oder der inhaftierten Aktivistin von 1981 mit unserer heutigen Realität zu tun hat. So verbindet sie die Erfahrungen der Vergangenheit mit den Erlebnissen der Gegenwart – und ruft zum Handeln für die Zukunft auf. Und nicht nur das: Sie verlangt Empathie und fördert das Gefühl einer geteilten Realität – was in Zeiten individualisierter Newsfeeds eben nicht zu unterschätzen ist. Mit „What of Our Nature” beschwören Haley Heynderickx und Max García Conover den solidarischen Geist der 60er aufs Neue. Vielleicht geht das eben nur mit einer Gitarre in der Hand.

Bild: Fat Possum

Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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