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„Ich will fliegen wie bei Marvel“

13. März 20233 Min. gelesen

Nina Chubas Musik steht beispielhaft für den Pop der Generation Z: ein Spannungsfeld zwischen Vielfalt und Überfluss, Ekstase und innerer Leere.

Nina Chuba will viele Sachen. Geld, Immobilien, Schnittchen zum Frühstück, dazu einen Cocktail. Auf „Wildberry Lillet“, einem der deutschen Sommerhits des letzten Jahres, gibt sich die Musikerin aus Schleswig-Holstein vollständig der Gier hin. Unmittelbare Befriedigung ist das Stichwort: „Private-Spa auf vier Etagen / In Champagner-Becken baden / Will für immer alles gratis / Ich will haben, haben, haben.“ 

Die Grenzenlosigkeit, die Nina Chuba hier zelebriert und sich in diesem Song als enthemmter Luxus äußert, spiegelt sich auch in der Soundpalette ihres neuerschienenen Debütalbums „Glas“ wider: und zwar als bunter, geschmeidig produzierter Pop, der sich einer klareren Einordnung verweigert. Mal grüßt tanzbarer Dancehall à la Seeed, mal nächtlicher Großstadt-Trap wie von Paula Hartmann, mal sommerlicher Pop Rock.

Fuck genres, get money“: Ihre Spotify-Info macht Nina Chuba zum Programm. Diese Diversität passt ins Bild einer kosmopolitischen, digital sozialisierten Generation, die sich selbstsicher verschiedener Einflüsse bedient und daraus ein Erfolgsrezept zu basteln versteht – und der Nina Chuba angehört. Damit verkörpert die junge Musikerin das zeitgenössische Versprechen des Pop, alles sei möglich: rappen, singen, „fliegen wie bei Marvel“.

Ein gebrochenes Versprechen

Im ersten Moment scheint Chuba mit ihrem Hedonismus auf Wolke sieben zu schweben, so mühelos und überzeugend vermittelt sie das Gefühl der verschwenderischen Unbeschwertheit. Während ihre Berliner Kollegin Paula Hartmann im Rausch der unbegrenzten Möglichkeiten stets einen Unterton der inneren Leere findet, kauft sich Nina Chuba „den Himmel und streicht ihn [sich] blau“. Alles cool, alles „Mangos mit Chili“.

Doch im Laufe des Albums verdeutlicht Nina Chuba, wie schnell aus Vielfalt Überfluss werden kann. Wie die Ekstase, die sie in einem Moment verspürt, keine langfristige Zufriedenheit bringt. Dazu bemüht sie wirkmächtige Bilder: wie sie nun zwar das Geld für Givenchy-Klamotten hat, sich darin aber nicht besser fühlt; wie von einer lauten, wilden Partynacht am Ende nichts bleibt als der Tinnitus.

Alles ist möglich, alles kann man haben. Alkohol, Luxus, Erfolg. Doch sobald man vom Rausch herunterkommt: Ernüchterung. Alles ist möglich, doch was davon hat einen Wert? Die Generation Z, die den Zenit des westlichen Wohlstands erleben durfte, um dann durch Klimawandel, Pandemie und Krieg mit der Möglichkeit des freien Falls konfrontiert zu sein, stellt im Pop diese Frage in den Mittelpunkt.

Dabei geht es vermutlich um mehr als um jugendlichen Übermut und Zweifel. Es geht um die Orientierungslosigkeit einer krisengeschüttelten Generation, die mit dem Versprechen des Immer-Mehr und Immer-Besser aufgewachsen ist – und nun wahrnehmen muss, dass dies ein leeres Versprechen war. Nina Chuba will fliegen wie bei Marvel. Sie selbst scheint nur zu gut zu wissen, dass auf den Höhenflug in der Regel der Absturz folgt.

Foto: Amran Abdi

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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