Der:Die Münchner non-binäre Sänger:in SEDA strahlt mit einer charakteristischen Stimme und them bewegt sich im Sound zwischen Soul, Indie und Pop. They spricht die Ängste und Kämpfe der jungen Generation an und war schon auf einer der renommiertesten Musikschulen. Bei einem Çay im versteckten Innenhof des türkischen Restaurant Anne’s trafen wir SEDA zum Gespräch.
SEDA: Der Çay ist tatsächlich hier sogar for free. Gibt’s sowas noch? In München? Muss man sich ernsthaft fragen. Das ist einfach türkische Gastfreundlichkeit.
Frequenz: Wie trinkst du deinen Çay am liebsten?
Das Schöne am Erwachsensein ist, man kann machen, was man will und ich trinke meinen Çay immer mit Zucker. Auch wenn viele (ältere Menschen) da die Augen verdrehen. [Rührt um, der Löffel klirrt leise am Glas] Außerdem, dieses Geräusch ist schon sehr nostalgisch für mich. [Wir nippen] Ah nicht genug Zucker, alle werden Hate machen, aber egal. Oh ja, jetzt ist es wunderbar.
Was ist hier dein liebstes Essen?
Die haben immer so leckere Hausmannskost. Es ist alles Essen, was ich auch von daheim kenne. Was meine Anne [Anne bedeutet auf Türkisch Mama, Anm. d. Red.] quasi kocht. Deswegen kann ich mich jetzt gar nicht so festlegen. Ich glaube, ich mag egal was mit Reis und wir essen eigentlich alles mit Joghurt in der Türkei, habe ich das Gefühl.
Wie oft bist du so hier bei Anne’s?
Gar nicht so oft, aber immer, wenn ich mich nach dem türkischen Lebensgefühl sehne. Dann komme ich hier auf einen Chai und gutes Essen vorbei.
Warst du schon immer in München?
Ich war immer in München. Nie groß weg. Klar, wenn du Musik machst, kommt immer der Gedanke, soll ich mal nach Berlin. Und ich hab mich das auch schon gefragt. Aber ich hab mein Studio in Bozen und da bin ich immer wieder. Daher macht München da voll Sinn. Außerdem, ein Zuhause ist halt nun mal ein Zuhause. Das kann dir selten eine andere Stadt von jetzt auf gleich bieten. Wenn man hier groß geworden ist und seine Bubble hat, dann ist München ultra schön. Es ist easy going, eine Großstadt und gleichzeitig ein Dorf. Genau diese Kombi ist es!

Die Musikszene untereinander ist nicht so kompetitiv, sondern die Leute freuen sich füreinander, die gegenseitige Unterstützung ist groß.
Wie fühlst du dich hier in der Münchner Musikszene?
Ich glaube, die Musikszene in München wird krass unterschätzt, um ehrlich zu sein. Es gibt natürlich jetzt schon größere Artists, wo Leute mittlerweile wissen, okay, die kommen aus München. Aber die Szene in München hat schon sehr viel mehr musikalisch zu bieten. Hier gibt es schon von allem etwas. Die Musikszene untereinander ist nicht so kompetitiv, sondern die Leute freuen sich füreinander, die gegenseitige Unterstützung ist groß. Es geht wenig darum, individuell zu wachsen, sondern gemeinsam die Münchner Musikszene zu stärken. Viele kennen sich untereinander und sind voll offen, das finde ich super.
Sag mal, du sprachst vorhin von deinem Studio in Bozen, wie kam es dazu?
Mein Produzent Fabi, mit dem ich schon lange zusammenarbeite und den ich von meiner Tontechnik-Ausbildung kenne, kommt aus Bozen. Seitdem bin ich dort immer wieder ganze Wochen und es ist der größte Luxus. Mittags zum Lieblingsitaliener und auch mal einen Espresso. Eigentlich hasse ich Kaffee, aber da macht es irgendwie Sinn [lacht.] Auch Fabi ist total wertvoll für mich, weil er mich kreativ versteht und weiß, was ich will und wie meine Musik klingen soll. Das ist manchmal superschwierig so jemanden zu finden.
Und wie sieht es gerade aus? Arbeitest du an Musik?
Ja. Wir haben gerade angefangen, mein zweites Album aufzunehmen. Das dauert noch. Aber da liegt gerade der Fokus für dieses Jahr und den Sommer darauf.
Wie läuft das so? Schreibst du zuerst die Songs und dann nehmt ihr auf oder entwickelt die Musik darum?
Tatsächlich von Song zu Song unterschiedlich, aber es ist schon so, dass es meistens mit einem Thema zumindest kommt, was irgendwie Verarbeitung braucht. Und dann schauen wir entweder zuerst musikalisch, was könnte jetzt passen oder wo stimmt der Vibe. Oder, dass ich vielleicht schon mit einer Melodie komme und dann bauen wir den Rest drumherum. Aber es ist eigentlich nur noch selten so, dass ich mit einem fertigen Song komme und dann nur ins Studio gehe. Es ist eher ein Austausch mit Fabi, dass wir gucken, was macht jetzt am meisten Sinn für welchen Song oder Thema.
Du verarbeitest dein Leben in den Songs?
Ich denke, viele fangen mit Musik an, um Sachen für sich loszuwerden. Bei mir fließt auf jeden Fall viel Mental Health, viel von meiner queeren Identität und meinem Aufwachsen in einer türkischen Familie in Deutschland in meine Musik.
Empfindest du deine Musik dahingehend als politischen Ausdruck?
Ich glaube, es wird automatisch politisch. Denn es ist meine Identität und es sind Themen, die einen Raum brauchen, der ihnen aber ganz oft genommen wird. Mental Health oder die Immigration, das sind Themen, die viele Menschen betreffen und wo ich mich nicht einfach herausnehmen kann oder will. Ich habe meinen Standpunkt dazu und so werden meine Songs automatisch politisch. Wer ich bin, mit meiner Person und Identität gibt das quasi nicht anders her.
Sind es nicht auch Themen unserer Generation, die mehr Raum in der Kunst generell und auch deiner Musik bekommen?
Es kommt auf die Musikrichtung an, HipHop war schon immer politisch, aber mittlerweile ist es voll im Mainstream angekommen. Vor allem auch im Pop, was vorher fast gar nicht der Fall war. Es gibt viel mehr Artists nun, die sich offen über ihre Themen aussprechen. Es ist nicht mehr so verboten, es wird weniger gecancelt. Da finde ich ist unsere Generation sehr viel reflektierter, auch was das Thema Mental Health angeht. Die Leute beschäftigen sich mehr mit sich selber und gerade dadurch kommt es öfter zu Generationenkonflikten. Mir fällt oft auf, dass die Probleme unserer Generation oft klein gemacht werden. Wo es dann heißt, ,die haben kein Bock auf dies und das´und ich mir denke, ,Nee, wir wissen einfach, was wir wert sind´. Das ist fair, denn wir haben mit so viel zu kämpfen und lernen dadurch mehr für uns als Generation einzustehen. Von diesen Gedanken fließt viel in meine Musik.
[Kurze Çay-Pause im Gespräch]
Ich trinke den ganzen Tag Çay.
Ich habe meinen Standpunkt dazu und so werden meine Songs automatisch politisch. Wer ich bin, mit meiner Person und Identität gibt das quasi nicht anders her.
Brauchst du Çay auch zum Musik machen?
Ha, tatsächlich nicht. Ich schaffe es gerade so ohne. Nur im Studio in Bozen wird der Çay dann – ausnahmsweise – durch einen Espresso abgelöst. Klingt voll nach dem Luxus Life!
Ist das dieses Luxus-Life von Full-Time-Musiker:innen?
Es kommt immer ein bisschen auf den Standard an, den man hat. Ich glaube, bei vielen Leuten ist es so, die denken, wenn du Musik machst, du machst unendlich viel Geld. So ist es auf jeden Fall nicht, vor allem nicht als kleiner Artist. Die Frage ist, wie viel Luxus bist du bereit aufzugeben, dass du sagst, ich kann nicht einfach irgendwo hin in Urlaub fahren, was ich will, sondern dass du schaust, wie es gerade passt. Aber der größte Luxus ist ja, wenn du was machst, was du liebst, dass du nicht 9 to 5 irgendwo drinsteckst, was dir gar keinen Spaß macht. Du steckst deine Arbeit in Alben oder sonst was rein und dann musst du halt gucken, ob das irgendwann Geld bringt oder nicht. Aber ich glaube, wenn man den Standard gering hält, kann man auf jeden Fall von der Musik leben, wenn man es richtig anstellt. Man muss halt auch Glück haben.
Und Geld?
Ja, das klar auch. Ich hatte da viel Glück, weil ich schon früh von der Schule gefördert wurde, was meine Familie mit ihren Mitteln nicht hätte stemmen können. Ich glaube, das ist das, wo viele struggeln, weil ganz oft sind die Leute, die Musik machen, diejenigen, die es sich leisten können, weil es von der Familie finanziell abgefangen wird. Ich habe schon das Gefühl, dass man manchmal eher die Minderheit darstellt, wenn es halt nicht so ist.

Deine Stimme ist sehr charakteristisch und zentral in deiner Musik. Wann war so dieser Aha-Moment, als du merktest, das könnte was werden mit dem Gesang und der Musik?
Ich saß im Wohnzimmer, am einzigen Computer den wir hatten und da war so ein Karaoke-Video an und ich habe das so mitgesungen und dann war es so, das klang gut. Ich wusste schon, dass ich irgendwie singen kann, aber ich glaube, wenn die Eltern es dann zu einem sagen, ist es nochmal was anderes. Das hat nochmal ein anderes Gewicht. Ich wurde dann schnell in der Schule gefördert und habe eine klassische Gesangsausbildung gemacht. Das war auf jeden Fall was, wo meine Stimme schon extrem viel gelernt hat auch in einem anderen Kontext zu funktionieren. Das ist die Grundlage seine Stimme überhaupt erstmal so vielseitig anwenden zu können, wie ich es in meiner Musik tue.
Und du warst dann für einen Sommerkurs auf dem berühmten Berkeley Colleg of Music in Boston. Erzähl mal, wie läuft es da auf so einer Eliteschule für Musik?
In Berkeley hast du so krasse Lehrkräfte, die dir einfach zeigen, wie es die Profis machen. Und du singst halt durchgängig. Also von morgens neun bis abends um fünf und das sechs Wochen am Stück, fünf Tage die Woche. Vieles davon war praktisch, also wirklich Gesang. Die Stimme ist halt auch ein Muskel, den musst du halt trainieren. Da bin ich auf jeden Fall auf einen Schlag wieder viel fitter und besser geworden, einfach auch weil ich musste.
Zum Schluss noch eine vielleicht etwas andere Frage, was hasst du am meisten an deinem Dasein als Musiker:in?
Wie viel Social Media Content eigentlich nötig ist. Es ist schon ein bisschen schade, weil irgendwie, glaube ich, die Illusion von du machst gute Musik und es reicht, die ist schon seit Jahren widerlegt. Social Media ist das, was mich am meisten stresst, mich persönlich. Wie viel du machen musst, damit es funktioniert. Aber wer soll meine Musik kennen, wenn sie mich noch nicht irgendwo gehört hat? Und der Weg, das zu schaffen, ist meistens über Social Media. Mittlerweile. Es reicht nicht nur gute Musik zu machen und geile Shows zu spielen. Die Menschen wollen halt etwas Nahbares. Alles soll spontan und self-made aussehen, aber ich bin kein Mensch, der gerne sein ganzes Leben auf Social Media teilt. Doch ich bin sehr überzeugt von meiner Musik und erst dann kannst du ja wirklich andere auch davon überzeugen.
Stimmt, ein guter Gedanke! Am liebsten aber einfach in der Sonne sitzen und Chai haben…
Ja! Genau. Und gute Musik, mehr brauchts im Leben manchmal nicht.
SEDA spielt am 7. August 2025 auf der Bühne des Theatron im Olympiapark. Der Eintritt ist frei. Mehr Informationen hier https://theatron.net/




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