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Intelligente Kunst?

16. Januar 20225 Min. gelesen

Hochintelligente Chatbots können in Sekundenschnelle Musikkritiken und Liedtexte verfassen – eine enorme Produktivitätssteigerung. Doch Kunst sollte sich nicht nach Produktivität richten.

„Wie lange braucht es uns noch?“ Diesen Titel trägt der Artikel, dem 2022 der Deutsche Reporter:innen-Preis in der Kategorie Beste Wissenschaftsreportage verliehen wurde. Er wurde mit Hilfe künstlicher Intelligenz (KI) verfasst – und stellt eine brandaktuelle Frage. Denn hochintelligente Dialogsysteme wie ChatGPT generieren innerhalb von Sekunden journalistische und wissenschaftliche Artikel, erzählen Witze und schreiben ganze Liedtexte. Alles automatisch.

ChatGPT ist der Prototyp eines Chatbots und wurde vom US-amerikanischen Unternehmen Open AI im November 2022 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: ein unvergleichlicher Durchbruch im Zeitalter der KI, der die Wissensproduktion auf Dauer verändern wird. Beim aktuellen Prototyp wird es schließlich nicht bleiben: Man wird sich bemühen, die Effizienz solcher Chatbots zu steigern und für die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu nutzen.

Diese Produktivitätssteigerung ist jedoch keineswegs unbedenklich. Denn nicht jeder Teilbereich unserer Gesellschaft sollte sich der Logik der Produktivität unterordnen – erst recht nicht die Kunst. Sind nicht der Reiz von Musik oder Literatur die neuen, schöpferischen Zusammenhänge menschlicher Erfahrung, deren kreative Verfremdung? Eine Kunst, die nach einem Schema der größten Wahrscheinlichkeit diese Erfahrungen allein simuliert, repliziert bloß, kreiert nie.

Und doch zeigt Peter Gerjets vom Leibniz-Institut für Wissensmedien in einem Experiment: Bereits heute können etwa 50% der Menschen nicht zwischen einem Originalwerk und einem per Textgenerator geschaffenen Imitat unterscheiden. Dies stellte der Lernforscher fest, als er Versuchspersonen zwei Gedichte vorlegte: ein Original von Rilke und eine KI-Version in dessen Stil.

Und wie sieht es bei der Musik aus? Auf die Aufforderung, einen Liedtext nach Art von Kendrick Lamar zu schreiben, spuckt ChatGPT folgendes aus: „I am a warrior, I am a soldier / I won’t back down, I’ll always hold my ground / I know that I’m not perfect, but I’ll keep on trying.” Die lyrische Qualität dieser Verse bewegt sich eher auf dem Niveau einer schlechten Nu-Metal-Band als dem des gefeierten Rappers. Aber wer sagt, dass es die KI mit einem verbesserten Algorithmus nicht wirklich einmal mit einem talentierten Texter aufnehmen könnte?

Ob sich die KI vollständig bei der Kunst- und Wissensproduktion durchsetzen wird, bleibt zweifelhaft. Den Beruf des Journalisten und der Musikerin könnte sie dennoch, wenn nicht überflüssig machen, so doch grundlegend verändern. Denn es steht zu befürchten, dass die Verbreitung intelligenter Systeme eine gefährliche Eigendynamik entwickeln wird, die eine Nutzung von solchen aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit erzwingt – und sich ohne bedeutende Reglementierung demokratischen Verhandlungsformen entziehen könnte.

Nun kann man einwenden, die freie Zugänglichkeit intelligenter Systeme demokratisiere doch gerade das Wissen und das kreative Schaffen. Jede:r kann Künstler:in oder Autor:in werden oder hat zumindest Zugriff auf das Wissen, das ihn oder sie dazu befähigt. Doch eine demokratische Öffentlichkeit – zu der Kunst und Kultur erheblich beitragen – bedarf des eigenständigen Denkens, der Selbstreflexion, des Perspektivwechsels und der ständigen Neubewertung.

Wenn man nun die Kunst und die Kunstkritik an einen Algorithmus delegiert, höhlt man hingegen die hart erkämpfte Kunst- und Meinungsfreiheit aus. Mit dem freiwilligen Kniefall vor jedem noch so intelligenten Programm würden wir uns selbst die Fesseln der Unmündigkeit anlegen – und damit die Bedeutung der freien und selbstbestimmten Kunst für unsere Gesellschaft missachten.

Und das Fazit? Kendrick Lamar muss vorerst wohl nicht um seinen Job fürchten. Doch wir stehen erst am Anfang einer Debatte um den gesellschaftlichen Nutzen und Schaden der KI, die uns mit dem Wert der Wissens- und Kunstproduktion für unsere Demokratie konfrontieren wird. Es bleibt zu hoffen, dass wir diesen nicht nur im Sinne der Effizienz, sondern im Sinne der Freiheit definieren. Wie lange es uns noch braucht, hängt auch von uns selbst ab.

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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