Du liest: Invisible – El jardín de los presentes (1976)

Wird geladen
svg
Offen

Invisible – El jardín de los presentes (1976)

22. Juli 20265 Min. gelesen

Luis Alberto Spinetta war das Gesicht des argentinischen Rock. Vor 50 Jahren veröffentlichte er mit Invisible ein Meisterwerk voll Fantasie und Folklore.

Im Argentinien des 20. Jahrhunderts sind Omnibusse nicht bloß irgendein Transportmittel. Gerade in der Hauptstadt Buenos Aires geht von ihnen eine schier mystische Anziehungskraft aus. Die bunten „Kurzschnauzen“ von Mercedes-Benz durchqueren die Stadt als sogenannte Colectivos, ursprünglich Sammeltaxis, und sind häufig mit schwungvollen Malereien verziert. Mit einiger Fantasie könnte man meinen, diese farbenfrohen Gefährte transportierten einen in eine ferne Welt jenseits des gleichförmigen Stadtlebens. Das meinten auch Luis Alberto Spinetta und seine Band Invisible.

Die argentinische Rock-Band schuf den Charakter Beto, der in seinem irdischen Leben als Fahrer eines Colectivos durch die Großstadt reiste, in einem späteren aber einsam durchs All auf der Suche nach der verlorenen Heimat. Der imaginäre Busfahrer, verewigt auf dem Song „El anillo del Capitán Beto“, verkörpert ein Stück argentinischer Folklore. Sage und Realität, Transzendenz und Alltag vermischen sich auf wundersame Weise auf Invisibles drittem Album „El jardín de los presentes“. 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung gilt das Album als eines der Kronjuwelen des argentinischen Rock.

Dieses Genre hat Luis Alberto Spinetta geprägt wie kein zweiter. Der Sänger, Texter und Gitarrist machte sich Ende der 1960er als Frontmann der Band Almendra einen Namen, später gründete er Pescado Rabioso, Mitte der 1970er dann Invisible. In dieser so fruchtbaren Schaffensperiode ließen er und seine Bandkollegen psychedelischen Rock, argentinischen Folk, Jazz und Progressive Rock miteinander verschmelzen. Ein Stil, der auch „El jardín de los presentes“ prägt.

Busfahrer, Schwimmer und Schriftsteller inspirierten Spinetta

Die wenigsten Songs des Albums folgen einer linearen Struktur. Stattdessen wechseln sie mittendrin das Tempo, werden durch kurze Breaks aufgebrochen oder ufern in improvisationsähnliche Solo aus. Auf dem eher langsamen Stück „El anillo del Capitán Beto“ bildet eine schnellere Bridge inklusive funkigem Gitarrenriff die musikalische Pointe. Auch „Ruido de magia“ baut sich zu einem solchen Wendepunkt auf: Gitarre, Schlagzeug und Synthies ertönen hier in sphärischer Dissonanz und werden Jahre später den Rap-Legenden von A Tribe Called Quest als Sample dienen.

Die psychedelische Atmosphäre vieler Instrumentals stammt dabei überwiegend vom Gitarrenspiel. Auf „Alarma entre los angeles“ äußert sich dies auf harte, verzerrte Weise im 6-minütigen Solo von Tomás Gubitsch. Auf „Doscientos años“ hingegen harmonieren die Gitarren von Gubitsch und Spinetta mit verträumter Zärtlichkeit. Der Song, einem argentinischen Schwimmer gewidmet, beschwört die erwähnte folkloristische Qualität des Albums. Diese äußert sich auch auf „Los libros de la buena memoria”, welches dem Schriftsteller Jorge Luis Borges gewidmet ist. Hier erklingt Spinettas elegischer Gesang einstimmig mit dem langgezogenen Klang des Bandoneón, eines Akkordeon-ähnlichen Instruments.

Invisible steht westlichen Prog-Legenden in nichts nach

„El jardín de los presentes” spielt in Sachen Vielseitigkeit, Melodik und konzeptuelle Ambition zweifelsohne in der Liga von Prog-Rock-Größen wie King Crimson oder Pink Floyd. Davon zeugt insbesondere „Perdonado (Niño condenado)“. Hier wechseln sich melodische Akustikpassagen und düster schlummernde Grooves ab und bilden so eine Spannung, die sich im kathartischen Schrei Spinettas entlädt.

Einprägsame Refrains, instrumentale Komplexität und Songstrukturen, die immer aufs Neue überraschen können: Invisible vereinen auf diesem Song all die Eigenschaften, für die sie bis heute gefeiert werden. 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung hat dieses Album nichts von seiner Prägekraft verloren. Ganz ähnlich wie die Colectivos in Buenos Aires: Die wurden zwar in den 90er-Jahren von modernen Busflotten abgelöst. Heute aber sind viele Modelle in einem eigenen Museum zu besichtigen, andere dienen als geschichtsträchtige Wohnmobile.

Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

svg

Was denkst du?

Kommentare anzeigen / Kommentar hinterlassen

Sag uns, was du denkst

Wird geladen
svg