Wird geladen
svg
Offen

Kid Kapichi – Fearless Nature

4. Februar 20268 Min. gelesen

Weder Easy-Listening noch Sing-along: Mit „Fearless Nature“ schlagen Kid Kapichi ein neues Kapitel auf und fühlen den Sorgen unserer Zeit auf den Zahn.

Bereits das Albumcover signalisiert in seiner schlichten Schwarz-Weiß-Ästhetik, dass sich Kid Kapichi („It’s Kapee-chee“) seit dem grellgelben There Goes The Neighbourhood spürbar verändert haben. Politische Seitenhiebe mit Augenzwinkern weichen einer größeren Konkretheit und einer klar ausgearbeiteten Dualität der Dinge. Fearless Nature bewegt sich klanglich wie inhaltlich zwischen Persönlichem und Politischem, zwischen Lichtblicken und Dunkelheit, zwischen Ende und Neuanfang.

Neue Bandbesetzung, neue Dynamik

Als sich im letzten Jahr Gitarrist Ben Beetham (Bandmitglied seit Tag eins) und Drummer George Macdonald im Guten von der Band trennten, um ihre eigenen Projekte zu verfolgen, war die Zukunft der Band offen; für Jack Wilson (Vocals) und Eddie Lewis (Bass) war jedoch klar, dass es in irgendeiner Weise weitergehen würde. Schließlich spielen die Bandmitglieder schon mehr als die Hälfte ihres Lebens zusammen.

Eine neue Bandbesetzung deutete sich an, als Wilson an einem Abend in Hastings unterwegs ist und auf Lee Martin trifft: „Ich hatte ihn seit Monaten, vielleicht sogar Jahren, nicht gesehen, aber er ist ansteckend, einer der lustigsten Typen, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Und er ist ein großartiger Musiker“ (Kerrang 2026; Übers. d. Red.). Mit dem endgültigen Austritt von Ben Beetham aus der Band zögerte Martin nicht, erstmal für eine Probezeit beizutreten. Kurze Zeit später kam Miles Gill als Drummer dazu, ein Schlagzeugtechniker und Freund der Band.

Im neuen Lineup spielten sie dann zum ersten Mal im vergangenen August in Bristol, ohne große Mühe, und hielten damit ihr Versprechen nach der Neukonstellation: „More on this coming soon“. 

Wut mit Weitblick

Das mittlerweile vierte Studioalbum samt Rebranding zeigt, dass Kid Kapichi sich klar weiterentwickelt haben, ohne dabei ihren charakteristischen, rohen Charme zu verlieren. Vielleicht liegt das auch daran, dass sich die Welt weiterdreht – und die Band mit ihr.

Während sie sich in früheren Veröffentlichungen, wie „New England“ stärker auf das Leben im von Brexit und Rassismus gezeichneten Großbritannien konzentrierten, richtet sich ihr Fokus auf „Fearless Nature“ mit mehr Weitblick auf die globalen Krisen. Themen wie der Völkermord in Palästina oder der fortschreitende Nationalismus und Rassismus in Europa, zu denen sich die Band immer wieder offen positioniert, haben spürbaren Einfluss auf die politische Schlagrichtung des Songwritings und die Stimmung des Albums.

Wilsons anklagende Vocals lenken den Fokus immer wieder auf eine Unausweichlichkeit der düster gezeichneten Realität und beschreiben eine Ohnmacht, der man sich ausgesetzt sieht: „Dark days are coming, or so they say, and if you ain’t started running, well, it’s too late“. 

Abwechselnd mit dem Politischen sind die Texte schwer geprägt von einem nach innen gerichteten Blick und geben jene Gedanken wieder, die den Leadsänger Jack Wilson vor allem in der Zeit des Sommers 2024 beschäftigten. Gemeint ist damit das Ende einer stabilen Beziehung als Auslöser für eine Reihe von psychischen Problemen: „Es gibt dir ein ganz neues Verständnis vom Leben und davon, was Menschen meinen, wenn sie sagen, dass sie wirklich zu kämpfen haben.“ (Übers. d. Red.)

Zwischen Wahnsinn und Wirklichkeit

Die im Album angelegte Dualität aus politischem Außen und persönlichem Innen zeigt sich bereits im Opener Leader Of The Free World. Der Song verbindet eine unverhohlene Kritik an der erneuten Präsidentschaft Donald Trumps und seiner selbstinszenierten Rolle als globaler „Peacemaker“ mit Reflexionen über Jack Wilsons eigener Unausgeglichenheit. Er selbst beschreibt den Track als „Ode an den Wahnsinn“ (Übers. d. Red.). Musikalisch bleiben Kid Kapichi ihrem Beat-Punk-Grundgerüst treu, öffnen sich jedoch deutlich der aktuellen Postpunk-Ästhetik: dystopisch gefärbte Klangbilder, träge Drums und eine Gitarre aus dem Off, die Wilsons verzerrte Stimme trägt: „Is it all too late?“.

Mit „Worst Kept Secret“ schlagen Kid Kapichi eine hymnenartige und melancholische Richtung ein. Es ist der letzte entstandene Song des Albums und deutet an, dass sich die Band von Richard Ashcroft hat inspirieren lassen, wie sie auch in einem Interview beschreiben. Es geht um eine Freundschaft, die das Potential hat mehr zu sein, in der jedoch keiner den Mut hat, das Offensichtliche anzusprechen. Die offenen Fragen zwischen zwei Menschen werden zum „Worst Kept Secret“ und fallen der Angst zum Opfer, sich vollständig auf eine Person einzulassen, von der man nicht weiß, ob sie das Gleiche fühlt oder ob man selbst gut genug ist.

„Patience“ hingegen gibt dem Album mit lockerer Liam Gallagher-Coolness (siehe seine  Beady Eyes-Zeiten) und Wilsons zuckersüßer Stimme eine positive Wendung und lässt erkennen, dass das Britpop-Revival auch an Kid Kapichi nicht spurlos vorbeigegangen ist. Geschrieben wurde der Song noch in altem Band-Lineup. Vielleicht waren sich Kid Kapichi einer notwendigen Veränderung schon bewusst, bevor sie sie aussprachen: „Same old people, same old situations, the constant repetition […] I’ve got this feeling in my bones, something that says it’s time to go.“

Bestandsaufnahme unserer Zeit

Mit „Down The Rabbit Hole“ schließt das Album in bittersüßer Nostalgie. Schnappschüsse aus der Vergangenheit „There’s a picture outside a pub long closed / Underage drinking with the family that we chose / We were laughing, trying to strike a pose / Skinny as a rake, in your brother’s old clothes / And I’m sorry if I seem upset“ treffen auf die Angst, dass sich alles viel zu schnell verändert und wir die Kontrolle verlieren über das was war und das was ist: „It seems to pass me by, and it’s quite scary, at night, it’s always on my mind, we’re temporary.“

Sich kreisende Fragen nach der eigenen Identität und der Beziehung zur Welt ziehen sich durch jedes Kapitel von „Fearless Nature“. Es sind Fragen, die wohl kaum jemandem fremd sein dürften, sofern man sich den Entwicklungen der letzten Jahre nicht vollständig entzogen hat. Kid Kapichi nutzen ihr viertes Studioalbum nicht nur als persönliches Ventil, sondern auch als Spiegel einer Gegenwart, die von Krisen, Ohnmacht und Orientierungslosigkeit geprägt ist. Mit der neuen Schlagrichtung in Songwriting und Sound positioniert sich die Band klarer denn je und liefert eine schonungslose Bestandsaufnahme unserer Zeit. Am Ende bleibt eine Frage, die über das Album hinausweist: „Are you scared of your fearless nature?“

Lucia Schmidt

Aufgewachsen zwischen Britpop-, Indierock- und HipHop-CDs war die Musikleidenschaft vorprogrammiert. Seitdem stöbere ich auf Flohmärkten nach CD-Schätzen, entdecke Vorbands als neue Lieblingsacts und zähle die Tage bis zum Release-Friday. So manches, was sich dabei an Eindrücken, Fundstücken und Gedanken ansammelt, landet hier.

svg

Was denkst du?

Kommentare anzeigen / Kommentar hinterlassen

Sag uns, was du denkst

Auch ein guter Beitrag!
Wird geladen
svg