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La Dispute – No One Was Driving the Car

16. September 20256 Min. gelesen

Poetisch, empathisch, filmreif: Mit ihrem fünften Album schafft die Post-Hardcore-Band ein musikalisch wie emotional schlagkräftiges Werk.

Die Musik von La Dispute war schon immer filmisch. Mit ihren Texten taucht die Band tief in die Psyche ihrer Charaktere ein, schafft komplexe Welten, mal mythologisch und symbolhaft, mal ganz konkret an der eigenen Lebenswelt orientiert. Jedes Album der US-amerikanischen Post-Hardcore-Band fühlt sich wie eine eigene Erzählung an, die Frontmann Jordan Dreyer wie ein Schauspieler in Szene setzt.

Doch noch nie waren La Disputes filmische Ansprüche so ausdrücklich wie auf ihrem neuen Album „No One Was Driving the Car“. Die Absicht der Band war es, ein kinotaugliches Werk zu schaffen, ganz ohne Kamera. Und so transportieren uns La Dispute in ausgedachte Vergangenheiten und futuristische Traumwelten, die viel von dem Unbehagen, den Kontrollzwängen und dem Ohnmachtsgefühl unserer eigenen Gegenwart reflektieren. Das legt schon der Albumtitel nahe, „No One Was Driving the Car“: Dieser stammt aus einem Zeitungsartikel über einen Unfall, den ein selbstfahrendes Auto verursacht hat.

Politische und existenzielle Botschaften

Die sozialen und politischen Botschaften des Albums werden gelegentlich ausbuchstabiert. So endet der letzte Song „End Times Sermon“ mit einem nachdenklichen Monolog über den menschlichen Egoismus und seine Rolle in den heutigen USA. Doch meist – und eben das macht das Songwriting so beeindruckend – weben La Dispute ihre Gesellschaftskritik in das Erleben ihrer Charaktere ein. Auf „Environmental Catastrophe Film“ etwa sind es die Erfahrungen des Protagonisten mit Scham und verspürter Ausweglosigkeit, die im Mittleren Westen der USA als Erbe evangelikaler Ideologie erscheinen.

Songs wie „Man with Hands and Ankles Bound“ und „Top-Sellers Banquet“ sind gerahmt, als folgten wir den Protagonist:innen durch eine Kameralinse: was nicht bloß eine Anspielung auf eine Kultur digitaler Überwachung darstellt, sondern auch eine Metapher für Selbstbeobachtung und Identitätssuche. Oder nehmen wir die akustische Spoken-Word-Ballade „Self-Portrait Backwards“. Darin verfolgt der Erzähler die Spuren dessen zurück, was ihn zu seinem heutigen Ich gemacht hat – und vergleicht dies mit dem erneuten Ansehen einer Fernsehserie, die sich über Staffeln hinweg so subtil verändert, dass es einem beim ersten Sehen gar nicht auffällt.

La Dispute verfeinern ihren bekannten Sound

Die wortgewandte Lyrik der Band trägt Jordan Dreyer mit seiner üblichen schauspielerischen Verletzlichkeit vor. Dreyer singt nicht; er spricht und schreit die Texte ins Mikro, und zwar in einem rhythmischen Fluss, der sich entfaltet, als erlebe Dreyer die geschilderten Ereignisse in ebendiesem Moment. Rau und geplagt klingt seine Stimme, wenn sich hinter ihm dreckige Grunge-Bässe auftun; doch wenn sich die Instrumentierung zurückzieht und bloß eine einsame Akustikgitarre bleibt, tritt die Resignation von Dreyers Vortrag in den Mittelpunkt.

Klanglich bewegt sich die Post-Hardcore-Band auf weitgehend bekanntem Territorium. Nach vier selbstproduzierten Alben haben La Dispute einen charakteristischen Sound entwickelt, der auch hier seine Wirkung erfüllt. Der 8-minütige „Environmental Catastrophe Film“ ist ein erstklassiges Beispiel: Eine flinke E-Gitarre mäandert vorwärts, begleitet von groovigem Bass und sich vorwärts tastendem Schlagzeug, später kommt eine weitere Gitarre mit bluesigen Akkorden dazu. Es entsteht eine melancholische Spannung. Diese baut sich zu einem Crescendo auf und entlädt sich in einem rohen Breakdown. Doch der Song ist nicht zu Ende; denn die Instrumentation baut sich noch einmal langsam auf, begleitet Jordan Dreyer in seinem Stream-of-Consciousness, türmt sich auf und bricht schließlich unter all ihrem existenziellen Gewicht zusammen.

In jedem Detail steckt Leben

Die Texte der Band sind von einer beeindruckenden Empathie. Diese erschöpft sich nicht nur darin, dass La Dispute die Innenwelt der beschriebenen Charaktere nachvollziehen und verkörpern; es ist auch die Art und Weise, wie sie die Umwelt dieser Charaktere zum Leben erwecken. Orte und Objekte führen in La Disputes Musik ihr seltsames Eigenleben. Einem Treppengeländer wohnt die Erinnerung an einen ersten Kuss inne („Environmental Catastrophe Film“), ein Bankett-Saal wird zur Bühne einer göttlichen Erleuchtung („Top-Sellers Banquet“).

So gewährt „No One Was Driving the Car” Einblick in die scheinbar unbedeutenden Momente des Lebens. Momente, bei denen man sich unbeobachtet wähnt. Momente, die im Nachhinein eine ganz andere Bedeutung entfalten als ursprünglich gedacht. Auf „The Field“ markiert die Jagd nach einem Reh die traumatische Erkenntnis, dass der Erzähler womöglich immer im Schatten seines Bruders leben wird. Dieser Konflikt entlädt sich im darauffolgenden „Siblings Fistfight am Mom’s Fiftieth / The Un-Sound“, welches womöglich als direkte Antwort auf den vorherigen Song zu lesen ist. Es ist mitreißend, wie La Dispute die beschriebenen Ereignisse dabei dramatisieren, ins Absurde ziehen oder auch nüchtern dokumentieren. Wie in einem Film eben. Und es ist keine Frage: Es lohnt sich, diesen Film ein zweites und auch ein drittes Mal abzuspielen. Wer weiß, welche Details einem dabei alle auffallen.

Bild: Martin / FKP Scorpio

Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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