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Lang lebe der Pop!

27. April 20233 Min. gelesen

Noch in den 2000er-Jahren wimmelte es in den Best-of-Listen renommierter Musikpublikationen vor Alben aufstrebender Indie-Rock-Bands und obskurer Singer-Songwriter. Alles ziemlich weiß, alles ziemlich männlich. Heute scheinen sich Magazine wie Rolling Stone oder Pitchfork gar damit zu schmücken, Projekte von Beyoncé, Olivia Rodrigo und Bad Bunny an die Spitze ihrer Jahreslisten zu setzen.

Lange Zeit herrschte im kritischen Musikdiskurs die Idee vor, Rockmusik – besonders jene, die subkulturellen Strömungen entstammt und darin eine Vorreiterrolle übernimmt – sei Popmusik überlegen. Im neuen Jahrtausend hat sich eine Philosophie durchgesetzt, die diese Hierarchie ablehnt und dem Pop einen legitimen und authentischen künstlerischen Anspruch eingesteht. Bekannt ist diese Überzeugung heute unter dem Kofferwort „Poptimism“.

Nun kann man hier einwenden: Lassen sich Rock und Pop überhaupt voneinander trennen? Verschwimmen die Grenzen verschiedener Genres nicht mehr und mehr? Ist nicht außerdem das, was gestern Subkultur war, heute schon Mainstream und übermorgen vielleicht Hochkultur?

All das wären berechtigte Einwände. Doch vielmehr als um eine binäre Trennung zwischen Rock und Pop, bemüht sich der neue Optimismus um die Überwindung des nischenhaften Elitismus des kritischen Musikdiskurses und eine Öffnung hin zu einer breiten, diversen Hörerschaft. Weniger weiß, weniger männlich. Mehr Demokratie, mehr Pop.

Verbunden ist diese Tendenz vor allem mit dem vereinfachten Zugang zum Musikdiskurs im Zeitalter des Internets. Im Netz sind wir schließlich alle unterwegs, und in sozialen Medien kommen Diskussionen zu Musik auch ohne Fachleute zustande. Insofern ist die verstärkte und zunehmend positive Berichterstattung über Popmusik auch eine Reaktion von Journalist:innen, um nicht den Anschluss an die musikinteressierte Basis zu verlieren.

Die Folge ist einerseits eine Demokratisierung auf Seiten des Publikums: Die Positionen zwischen Hörer und Kritikerin gleichen sich an. Das, was kommerziell erfolgreich ist, erfährt zunehmend auch kritische Anerkennung. Auch die Lücke zwischen Hochkultur und Popkultur, die vor allem von einer kulturellen Elite wie ein intellektuelles Dogma aufrechterhalten wurde, hat sich dadurch, wenn nicht geschlossen, so doch bedeutend verengt.

Andererseits birgt der neue Glaube an den Pop die Gefahr einer Entdemokratisierung auf Seiten der Musiker:innen. Denn sobald relevante Magazine lieber jede neue Single von The Weeknd abfeiern oder vom Glamour der großen Award Shows berichten als auch konkurrierende Kunstverständnisse sichtbarer zu machen, drohen sie, subkulturelle Strömungen von der Landkarte zu verdrängen.

So sehr der zeitgenössische Glaube an den Pop also den Musikdiskurs zugänglicher und diverser gemacht hat, so stark muss er aufpassen, sich nicht gänzlich mit den dominanten Strukturen in der Musikproduktion gemein zu machen. Letzteres kann nur gelingen, wenn der Musikjournalismus mehr hervorbringt als ein reines Echo der Musikindustrie oder der Internet-Feeds. So viel Macht aber bleibt den Publikationen noch.

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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