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Laurie Anderson – Big Science (1982)

23. September 20223 Min. gelesen

Auch vierzig Jahre nach Veröffentlichung klingt das Debüt der US-amerikanischen Performance-Künstlerin futuristisch und zeitgemäß zugleich.

Eine Stimme erzeugt durch einen Vocoder eine Melodie, Schlagzeug setzt ein, dazu schrilles Saxofon. Es entsteht ein mechanischer Groove. Dann richtet sich Laurie Anderson in der Rolle einer Pilotin an die fiktiven Flugzeugpassagiere: „We are about to attempt a crash landing.“ Ihre Stimme ist ruhig, spielerisch, fast verführerisch, selbst als alle Hoffnung schwindet: „Jump out of the plane. There is no pilot.“

So kann man mal ein Album beginnen – noch dazu ein Debüt. „From the Air“, der Einstiegssong von Laurie Andersons „Big Science”, klingt noch vierzig Jahre nach Veröffentlichung futuristisch und zeitgemäß zugleich. „This is the time. And this is the record of the time”, so selbstbewusst formuliert die US-amerikanische Performance-Künstlerin die Zielsetzung für dieses Album.

Andersons Ambition war, mit diesem Projekt ein Porträt der USA während der frühen 1980er zu schaffen, das sowohl ihre Erfahrungen als Staatsbürgerin als auch den Blick aus der Fremde beinhaltet. In einer Reihe skizzenhafter, höchst eigentümlicher Szenarien entwirft sie auf „Big Science“ das Bild einer Gesellschaft, die im Antlitz ihres eigenen technologischen Fortschritts nach Halt und Orientierung sucht.

„The portrait was also a picture of a culture inventing a digital world and learning to live in it”, so Laurie Anderson zur Idee hinter dem Album. ©Felix Meinert

In der musikalischen Umsetzung ihrer Ideen setzt sich Anderson wenig Grenzen. Elektronische Sound-Elemente, Keyboards und Stimmenmanipulation geben die Industrialisierung der Lebenswelt wieder. Dazu verleihen die vielfältige orchestrale Instrumentierung und Alltagsgeräusche den Stücken eine filmische Unmittelbarkeit. Laurie Anderson selbst singt selten, sie spricht und schauspielert.

Auf dem bekanntesten Stück des Albums, „O Superman“, bildet eine elektronisch angepasste Stimme den harmonischen Hintergrund, vor dem Andersons Vortrag durch einen Vocoder dringt. Das Einsetzen einer elegischen Flöte steigert die kalte Dramatik, während Anderson mit unterschwelligem Schrecken ein ominöses Telefonat imitiert.

Alongside the techno was the apocalyptic”, beschreibt Laurie Anderson den politischen Rahmen des Albums. „O Superman“ verbindet diese beiden Seiten und zeigt, wie in der Erschaffung eines Militär- und Überwachungsapparats Technologie benutzt wird, um Kontrolle über Menschen auszuüben – ohne, dass man die Technologie selbst immer kontrollieren könnte. 

Der Ansatz zu Songwriting und Produktion, den Laurie Anderson auf diesem Debüt präsentiert, bleibt bis heute visionär. Dass sie im Rahmen von „Big Science“ Kurzfilme drehte, beweist ihr ganzheitliches, multimediales Kunstverständnis. Ihr Werk ist musikalisch und visuell zugleich, atmosphärisch und performativ. Ihre Ideen zu Wissenschaft, Macht und Individualität sind bis heute relevant. Es mag beunruhigend klingen, doch „Big Science“ ist auch das Album unserer Zeit. 

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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