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Mdou Moctar – Funeral for Justice

7. Mai 20244 Min. gelesen

Mit Gitarren gegen den Kolonialismus: Die nigrische Band um Gitarrenvirtuosen Mdou Moctar vereint mit ihrem stürmischen Wüsten-Rock Protest und Gemeinschaftsgefühl.

Tradition spielt für Mdou Moctar eine große Rolle. Der Gitarrist aus dem Niger würdigt in seiner Musik seine Wurzeln. Er ist Kind einer Tuareg-Familie und damit eines Volkes, das über lange Zeit nomadisch lebte und bis heute in der nordafrikanischen Sahel- und Saharazone verteilt ist. Der traditionelle Wüsten-Blues der Tuareg, in ihrer Sprache Assouf genannt, ist Teil seiner Identität. Für Mdou Moctar und seine Band ist dieser Musikstil nicht nur Leidenschaft und künstlerisches Markenzeichen – sondern auch Zeichen der kulturellen Selbstbehauptung.

Auf „Funeral for Justice“, Mdou Moctars sechstem Album, fließt die erdige Klangfarbe der Wüste in vorwärtstreibende Rock-Spielarten mit ein. Aufbrausende Riffs, turbulentes Schlagzeug, dringliches Call-and-Response, ein hymnischer Refrain: Schon der eröffnende Titelsong sagt den energischen und eklektischen Charakter dieses Albums voraus. Und prangert die politischen Eliten Afrikas dafür an, die Probleme der einheimischen Bevölkerung zu missachten und sich an Geschäften mit westlichen Regierungen zu bereichern.

Eine gesamtafrikanische Erzählung

Wie auch vergangene Projekte arbeitet sich „Funeral for Justice“ am Erbe des Kolonialismus ab. Die Band mahnt afrikanische Staaten dazu, ihre eigenen Bräuche zu würdigen, ihre Rohstoffe für die Einheimischen zu nutzen. Die Geschichte, die Mdou Moctar erzählen, ist eine gesamtafrikanische: eine Geschichte über kollektive jahrhundertelange Ausbeutung der heimischen Wirtschaft und Kultur durch die ehemaligen Kolonialmächte. Aus dieser geteilten Erfahrung, so scheint es, sollen die Gesellschaften des Kontinents die Kraft und den Zusammenhalt entfalten, um ihre eigene Geschichte zu schreiben.

Damit stoßen Mdou Moctar ähnliche Klänge an wie auf ihrem Album „Afrique Victime“, das ihnen 2021 zum Durchbruch verhalf. Der Protest der Band richtet sich vor allem gegen Frankreich. Der Song „Oh France“ verkörpert all die Wut, die sich in afrikanischen Staaten gegen die ehemalige Kolonialmacht aufgestaut hat. Erst vergangenes Jahr putschte im Niger das Militär, angetrieben durch Feindseligkeiten gegen die dort stationierten französischen Truppen. Frankreich zog diese nach dem Putsch ab. Das Stück wirft auf eindrucksvolle Weise einen Blick auf einen geopolitischen Konflikt, in dem verschiedene Hoffnungen, Interessen und Ressentiments miteinander kollidieren.

Dynamik und Harmonie

Musikalisch beweist „Oh France“ all die Schärfe und Dynamik, die „Funeral for Justice“ zu einem hervorragenden Rock-Album macht. Der Gitarrist wirbelt mit seinen Riffs einen Sandsturm auf. Gesang und Schlagzeug peitschen sich hindurch.

Aber Mdou Moctar können auch meditativere Töne anschlagen. „Imajighen“ baut sich mit seiner stetigen Perkussion, flinker akustischer Gitarre und raffiniertem Bassspiel subtil ein hypnotisierendes Crescendo auf. Irgendwo zwischen traditionellem Assouf und westlichem Psychedelic Folk bewegt sich auch das abschließende Stück „Modern Slaves“. Darin harmonieren die Stimmen der verschiedenen Mitglieder, vereint in ihrem Weltschmerz und der Hoffnung auf ein Morgen in Freiheit.

Wie dieses Morgen aussehen könnte? Es müsste sich für Mdou Moctar wohl am Gestern orientieren. Denn wie Traditionen dahinschwinden, beobachtet und kritisiert die Band auf „Imouhar“. Der Song ist ein Appell an das Volk der Touareg, seine Sprache Tamasheq vor dem Aussterben zu bewahren und kommenden Generationen weiter zu überliefern – auch wenn die Amtssprache im Niger Französisch ist. Mdou Moctar selbst singt auf diesem Album durchgehend in seiner Muttersprache. Und will so seinen Teil dafür tun, Traditionen zu erhalten.

Bild: Kadar Small

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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