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Miriam Hanika: Ganz im Einklang mit sich selbst

25. November 202513 Min. gelesen

Im Studio von Miriam Hanika ist die Oboe zwischen Schlagzeug und Klavier fast zu übersehen, doch in der Musik der Münchner Liedermacherin spielt das filigrane Blasinstrument eine ganz zentrale Rolle. Vor ihrem Konzert am Freitag, 28. November, in der Black Box im Gasteig hat Frequenz mit der Musikerin gesprochen. Über ihr Orchester, ihr neues Album „*innenleben”, die Musikindustrie und warum sie barfuß auf der Bühne steht.

Das Gespräch führte Balthasar Zehetmair.

Frequenz: Das Konzert mit deinem Poesie-Orchester steht an und für dich ist es auch ein ganz Besonderes, weil du ja nicht so oft in der großen Konstellation mit 16 Leuten spielst. Wie fühlst du dich?

Miriam Hanika: Gut, wirklich gut! Wir spielen selten auf der Bühne so groß zusammen und ich freue mich jedes Mal riesig. Es ist das vorletzte Konzert der Tour dieses Jahr, alle sind eingespielt und ich bin einfach super dankbar und froh, dass alle Musiker:innen an diesem Termin nun zusammenkommen. Es wird klasse!

Und seit wann spielt ihr so zusammen?

Manche Leute, wie Peter Cudek am Bass oder Simon Popp an den Drums sind schon lange, ja seit meinem ersten Album „Wanderlust” damals 2019 mit dabei, und dann kamen die anderen so nach und nach dazu. Mit vielen spiele ich schon sehr lange zusammen und vor allem mit meinem Trio toure ich. Mein neues Album „*innenleben” ist jetzt das dritte Werk, was ich im größeren Orchester aufgenommen habe und diesmal ist auch erstmals das Dandelion Quintett, mein kleines Bläser-Ensemble, mit dabei.

So ist auf dem Song „Der nackte Kaiser“ auf deinem neuen Album das Orchester in voller Pracht zu hören. Wie läuft so eine Aufnahme mit dieser großen Truppe ab? Gibst du viele Vorgaben oder lässt einfach spielen?

Die Oboe, eine ständige Begleiterin in der Musik von Miriam Hanika. ©Julian Schulz

Ich glaube so viel will ich da gar nicht hineinreden, wir spielen schon lange zusammen und da ist einfach viel Vertrauen in das gemeinsame Spielen. Denn das Schöne ist ja, du sitzt zu Hause, komponierst den Song, überlegst wie das Klingen könnte und bringst eine Skizze zur Aufnahme mit. Doch im Studio kommt das ganze dann wirklich zum Leben. Diese unglaublich guten Musiker:innen bringen ihre Erfahrung und tolle Ideen ein. Da herrscht eine ganz eigene Energie und die will ich nicht abbremsen, sondern einfach machen lassen. So entsteht die Magie auf den Songs, aber klar, am Anfang muss ich da ein paar Anreize und Vorstellungen geben, woran sich die Musiker:innen orientieren können.

Die Oboe ist ja eines der am schwierigsten zu spielenden Instrumente. Du spielst es schon sehr lange und es war von Anfang an zentral in deiner Musik. Würdest du sagen nach all den Jahren, dass du immer noch was Neues in diesem Instrument entdeckst?

Ja, schon. Am Anfang lernst du natürlich, wie überall, ganz viel und mit der Erfahrung, je besser, routinierter ich wurde, desto weniger entdecke ich wirklich jeden Tag was Neues. Aber das Entdecken ist schon immer noch da. Ich entwickle mich weiter, sehe neue Möglichkeiten und Fähigkeiten zu spielen. Zum Beispiel beim Atmen. Es ist irre anstrengend, die Oboe zu spielen. Doch je älter ich werde, desto leichter fällt mir das Spielen. Mit dem Training merke ich, dass meine Lunge doch viel krasser ist, als ich dachte.

Dein fünftes Album kam dieses Jahr heraus. Es heißt „*innenleben”. Was waren so die zentralen Impulse dabei?

Ich hab in meinen Alben immer einen roten Faden und relativ am Anfang hatte ich den Song „Auf Wiedersehen“, darin geht es um Abschied. Da wusste ich, dass das neue Album eine Art Lebenskreislauf abbilden soll. Ein Anfang, ein Ende und zwischendrin viel Texte über das Leben, seine Probleme und genauso viel Schönes. Zum Schluss kam dann der Titelsong „*innenleben” dazu. Da bekam meine Schwester gerade ihr zweites Kind und das brachte mich zum Nachdenken über das Leben auf dieser Welt. Schwupps war dieses Lied da und so entsteht bei mir meist die beste Musik. Und gleichzeitig war da dann auch die Trennung von meinem Label Sturm und Klang, weshalb das Album so ein Versuch war, sich von allem freizuschaufeln. Der Vergangenheit, den Erwartungen, davon wollte ich wegkommen und mit der neuen Freiheit andere Sounds mit dem Orchester und Quintett ausprobieren.

Geben dir da die Musik und das Songwriting besonders Kraft?

Absolut ja, es ist neben Freund:innen und Familie natürlich mit die stärkste Kraft in meinem Leben. Wenn ich schreibe oder auf der Bühne stehe und wirklich das ausdrücken und damit bewegen kann, was ich selber fühle, das ist das Schönste. Das Spannende ist, wenn ich meine Songs schreibe, es ist manchmal wie Wahrsagen.

Wie meinst du das?

Auf „*innenleben” geht es viel um den eigenen Weg in dieser Welt und im Leben zu finden. Zuerst schrieb ich diese Lieder und ein paar Monate später bekommen sie dann ihre wahre Bedeutung und es passiert einfach alles. Ich verlasse das Label, gründe mein eigenes Label „Louise” und bin wieder ein Stück mehr auf meinem eigenen Weg.

Und das schon seit ein paar Jahren als Solo-Künstlerin. Du hast damals hier in München die Oboe studiert. Stand nach dem Abschluss erstmal die Frage im Raum, ok was nun? Ins Orchester?

Also als Musiker:in an der Oboe machst du eigentlich keine Solo-Karriere oder es gibt nur ganz wenige, die damit erfolgreich sind. Viele gehen in die Kammermusik oder bauen sich als Einspringer was auf. Oder natürlich ins Orchester. Nach dem Studium war es erstmal schwer, mich davon loszusagen. Ich habe dann vorgespielt und mich gleichzeitig gefreut, wenn ich die Stelle im Orchester nicht bekam. Das war einfach nicht meins und es mag vielleicht wie eine tolle Möglichkeit scheinen, doch letztendlich ist es ein Knochenjob. Gerade als Oboist:in bist du in den ersten Jahren wahnsinnig unter Druck und musst dich dem Klang des Orchesters anpassen. Die ersten zehn Jahre bist du da voll beschäftigt mit dem ganzen Repertoire, was du lernen musst und dann langweilst du dich. Jetzt bin ich zehn Jahre als Solo-Musikerin unterwegs, das ist auch ein Full-Time-Job, doch das war genau die richtige Entscheidung.

Du warst dann lange auf dem Label von Konstantin Wecker, Sturm und Klang, und bist dann dieses Jahr den Schritt des eigenen Labels gegangen, wie kam das?

Damals nach dem Studium Konstantin kennenzulernen und auf sein Label zu kommen war ein wirklich wichtiger Schritt, der mir Klarheit geschafft hat. Am Anfang war da die Vorstellung, zu einem großen Label zu kommen und mit der Zeit kam so die Realisierung bei mir, dass viele Dinge einfach am besten sind, wenn man sie in den eigenen Händen hält. Also lieber etwas kleiner denken und dafür die volle Kontrolle haben und ein eigenes Gesamtkunstwerk sozusagen schaffen.

Und damit neue oder mehr Freiheiten zu haben?

Schon ja, manchmal weiß ich gerade nicht so richtig, wohin mit meiner Freiheit. An einem Tag ist es mir mehr nach Liederalbum, an anderen mehr nach Instrumentalen. Doch kopfmäßig hat mich dieser Schritt sehr frei gemacht, einfach zu wissen, das ist jetzt mein Ding und ich kann machen, was ich will. Ich habe auch überlegt, ob ich auf dem Label andere Leute veröffentlichen will. Aber momentan nicht, weil ich dann in das gleiche Fahrwasser gerate und Kontrolle ausübe.

Miriam Hanika: Auf der Bühne oft barfuß zu sehen. ©Jakob Klinger

In den letzten Jahren wurden Frauen in der Musikindustrie, gerade auch im Mainstream – wie der aktuelle Hype um das neue Album der spanischen Sängerin Rosalia in den Feuilletons gut zeigt – immer präsenter. Wie siehst du die Entwicklung als Musikerin, die seit mehreren Jahren selbstständig aktiv ist?

Natürlich ist das toll, dass nun mehr hingeschaut wird und es passiert unglaublich viel parallel. Aber gerade im Mainstream Bereich bin ich da vorsichtig, wer der Kopf hinter der Musik ist. Oft werden die Frauen vorne hingestellt und im Hintergrund ist immer noch viel von Männern dominiert. Von Bookern, Labels bis zu Managern und Veranstaltern. Mein Wunsch wäre es, die Hörgewohnheiten zu ändern. Denn mit Blick in die Geschichte waren lange Zeit nur Männer auf der großen Bühne der Musik. Virtuos, kraftvoll, laut, die Musik ist immer noch von männlichen Ausdrucksformen bestimmt. Das zu ändern, weniger nur Symbole zu setzen und vielmehr einen ausgewogenen Equalismus zu finden, in vielen Bereichen, das wäre mir wichtig.

Wie siehst du dich mit diesen Strukturen in deinem Alltag als Musikerin konfrontiert?

Wirklich täglich. Vor allem beim Booking, das Live-Geschäft ist für uns Musiker:innen essenziell, noch viel wichtiger als Streams oder Platten zu verkaufen. Da zeigen sich diese Strukturen sehr, wer entscheidet und wie Festivals oder Veranstaltungsreihen zusammengesetzt werden. Oft gibt es 95 % männliches Booking, wo ich dann schon mal nachfrage und gerade in meinem Bereich als Liedermacherin gibt es eben viele Frauen. In anderen Genres wird da auf mehr Ausgewogenheit und eine höhere FLINTA*-Quote geachtet.

Noch eine Frage zum Schluss: Du spielst meistens barfuß auf der Bühne. Was hat es damit auf sich?

Wenn es mir warm genug ist und wir nicht in einer Kirche mit Steinboden spielen, dann verzichte ich gerne auf Schuhe. Es erdet mich beim Spielen mehr und der eigentliche Ausgangspunkt war, dass ich keine schönen Schuhe fand und ich hasse hohe Schuhe. Deshalb barfuß, es gibt mir ein gutes Gefühl und gerade in der klassischen Musik gibt es viele, die das machen.

Titelfoto: Jakob Klingenthal.

Balthasar Zehetmair - Redaktion

Sucht den Sinn des Lebens in Bob Dylan Songtexten und findet ihn bei den Wildecker Herzbuben. Meistens in Schallplattenläden und immer mit Kopfhörern auf den Ohren zu sehen.

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