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Mit 10 Pfennig zur Glückseligkeit

23. November 202311 Min. gelesen

Münze einwerfen und in die Welt der 50er Jahre eintauchen. Jukeboxen waren früher die Stimmungsmacher in verrauchten Kneipen und Restaurants, heute sind die Musikautomaten Liebhaberobjekte voller Nostalgie und Erinnerungen. Eine verchromte Reportage voller Sorgfalt, Rock’n’Roll und Liebe zur Mechanik.

Rudolf „Rudi“ Enders in seinem Diner mit seinem Prunkstück, einer Rock Ola 1475 aus dem Jahr 1959. Foto: Balthasar Zehetmair

Die Münze fällt in den Schlitz. Der Greifarm pickt die ausgewählte Platte aus dem Drehrad, die Nadel setzt auf. „Feel my temperature rising, higher, higher”: Elvis röhrt aus der Jukebox, einer Rock-Ola 1-200 aus dem Jahr 1958. Rudi Enders wippt mit dem Fuß und grinst breit: „Alles läuft wie geschmiert, einfach fantastisch.” Im Keller seines Hauses in München-Allach hat sich Rudi einen Traum erfüllt. Ein Diner,  getreu amerikanischen Vorbild. Mit allem, was dazu gehört. Schwarz-weiß gekachelte Fließen, rote Barhocker, Flipperautomaten, einarmige Banditen und in der Ecke ein grell leuchtendes Neon-Leuchtschild. Doch die Prunkstücke in diesem Raum, in dem die Nostalgie der 1950er und 60er Jahre förmlich greifbar wird, sind die zwei Musikautomaten. Natürlich zwei amerikanische Originale, so wie alles hier im Diner. „Ich brauche kein Auto zum Protzen auf der Straße, da stecke ich mein Geld lieber in eine Jukebox, das gibt mir was”, sagt Rudi und streicht mit der Hand über das glänzende Chrom. 

Vom Stimmungsmacher zum Liebhaberobjekt

Aus Kneipen und Restaurants lange nicht wegzudenken, die Jukeboxen. Foto: Pixabay.

10 Pfennig für ein Spiel, 50 für drei Spiele und 1 DM für sechs Spiele. Für kleine Münzbeträge schallten die aktuellen Hits durch die Kneipe, während die Billardkugeln knallten, das Bier floss und die Dartpfeile flogen. Alle paar Wochen kam der Aufsteller vorbei, der die Geräte betrieb, und wechselte die Single-Platten im Automaten. Ein eingebauter Popularitätszähler zeigte an, welche Songs am öftesten gewählt wurden. Über die Jukeboxen im ganzen Land ermittelten sich so die Charts. Über Jahrzehnte waren die Geräte von den vier großen amerikanischen Firmen, AMI, Rock-Ola, Seeburg und natürlich Wurlitzer, in vielen Gaststätten zu finden. Alle paar Jahre kamen neue, moderne Automaten hervor mit verschiedenen Features und Designs. Mit der Zeit jedoch hatte jeder Haushalt Radio, Fernseher oder Plattenspieler, die Musik verschwand aus den öffentlichen Kneipen und Restaurants. Seitdem entwickelten sich die Musikautomaten mehr und mehr vom Stimmungsmacher zwischen fettiger Küche und verrauchtem Tresen zu gepflegten Liebhaberobjekten in den eigenen vier Wänden. 

Da mal ein Tropfen Öl, hier mal etwas festziehen.

Viel wurde nicht gemacht und repariert.

„Oft wurden die Geräte nur rudimentär gepflegt. Da mal ein Tropfen Öl, hier mal etwas festziehen, aber viel wurde nicht gemacht”, sagt Christian Gredel. Seit über 20 Jahren restauriert er zusammen mit seiner Frau Julia im gemeinsamen Atelier in Schwabing die funkelnden Automaten. Hier schlägt die Zeit nach dem Blubbern der Bläschen in den gelben Neon-Röhren an einer alten Wurlitzer One More Time, der wohl bekanntesten Jukebox. Es ist eines dieser verspielten Features, mit dem die Hersteller zur Benutzung der Geräte animieren wollten. Damals, um das Geschäft anzukurbeln. Heute schön anzuschauen und ein großes Glück, wenn noch alles so funktioniert. Dafür arbeiten Christian und Julia jeden Tag, aus ihnen spricht die Leidenschaft für die Jukeboxen.  

Jedes Einzelteil muss perfekt laufen. Christian mit Präzision bei der Arbeit. Foto: Balthasar Zehetmair

Restauration bis ins kleinste Detail

Auf dem Werkstatttisch ist ein Metallgerippe aufgestellt. Christian setzt das Messgerät an den Steuermechanismus aus einer AMI 200 an und misst die Spannungswiderstände. Die Zahl im Namen des Geräts zeigt die Auswahlmöglichkeiten an Songs an. „Viele Einzelteile sind versilbert und laufen, wie Schmuck, mit der Zeit an. So reagieren die Schalter nicht mehr oder die Motoren und Mechanik verharzen und werden schwerfällig.” Dann heißt es vorsichtig auseinanderbauen, lösen, reinigen, polieren, nach der Ursache suchen und wieder zusammensetzen. Bei seiner ersten Restauration, noch vor dem Internet und Fanpages mit Ratschlägen aus der Community, dokumentierte Christian jeden einzelnen Arbeitsschritt mit analogen Fotos. 

Es kommt nicht selten vor, dass Christian und Julia rund 150-200 Arbeitsstunden in die Komplettrestauration einer Jukebox stecken. Er macht alles rund um die Technik, sie kümmert sich um die filigrane Feinarbeit am Gehäuse, lackiert und schleift bis ins Detail. Die oberste Priorität ist es, die Optik, die Haptik und den Charme der nostalgischen Musikautomaten zu erhalten. Nicht zu viel machen und verändern. Besonders die Materialien, die richtigen Lacke und die passenden Ersatzteile sind dafür wichtig. Vor allem in den USA gibt es dafür einen großen Markt. Alte und ausgediente Geräte werden ausgeschlachtet. Viele Einzelteile werden getreu dem Vorbild nachgefertigt. Doch gerade bei älteren Boxen aus den 1930ern gestaltet sich die Suche manchmal länger. 

Wertanlagen und ehrliche Technik

Mit einer schmucken Rock Ola Regis ist bei Rudi die Leidenschaft für die Musikautomaten entflammt. Foto: Balthasar Zehetmair

„Wenn etwas nicht funktioniert, dann beschäftigt mich das so lange, bis alles wieder läuft”, sagt Rudi. Die Technik spielte schon immer eine große Rolle in seinem Leben. Früher war er Automechaniker und reparierte bei BMW Autos und Motorräder. Nach dem Feierabend flipperte er oft mit Freunden in der Stammbar, während die Jukebox lief. Vor ein paar Jahren kaufte er dann seinen ersten eigenen Musikautomaten. Eine Rock-Ola Regis für 9.100 Euro von einem Händler in Köln. Nun stehen die Boxen im Keller und die BMW C1 Roller im Carport. Seine zwei großen Leidenschaften und auch Wertanlagen. 

Dies beobachtet Christian auch: „Die Nachfrage steigt und es wird immer schwieriger und kostspieliger, schöne und gut erhaltene Geräte zu finden.” Im Studio in Schwabing steht eine alte AMI Continental. Ein ziemlich „abgespactes” Modell aus den 60ern, wie der enthusiastische Restaurateur es beschreibt. Vor zehn Jahren lag der Preis bei 3.500 Euro im guten Zustand, nun sind es Preise von über 10.000 Euro, die dafür aufgerufen werden. Seit ein paar Jahren bringen die großen Hersteller wie Wurlitzer oder Rock Ola neue Jukeboxen auf den Markt. „Da ist dann auch Bluetooth eingebaut, das eröffnet natürlich ganz neue Möglichkeiten. Damit ist man nicht mehr nur auf 200 Singles beschränkt, aber ist das nicht gerade das Schöne?” 

Nostalgie aufleben lassen

Große Wertsteigerung, die AMI Continental. Hier links im Bild. Foto: Balthasar Zehetmair

Die Anfragen nehmen nicht ab und mittlerweile liegt die Wartezeit für eine Runderneuerung aus den sorgsamen Händen von Christian und Julia fast ein Jahr. Aus ganz Europa liefert die Spedition die Jukeboxen. Vor allem ältere Kund:innen sind es, deren Geräten ein neues, zweites Leben eingehaucht wird. „Bei mir sind es vor allem die Erinnerungen an die Kindheit und Jugend, die an diesen Boxen hängen”, sagt Rudi. Für ihn ist es bei diesem Hobby besonders wichtig, ein Netzwerk zu haben von Leuten, die ihm im Notfall weiterhelfen können. Oft sind es für Christian bei mobilen Reperaturbesuchen nur Kleinigkeiten, die schnell gefixt werden können. „Da knarzt was oder läuft nicht richtig, aber das Schöne ist, die Boxen sind aus robusten Material, sehr wertig und langlebig gebaut.” 

Die Jukeboxen laufen, laufen und laufen. So röhrt es bei Rudi jeden Tag rund drei bis vier Stunden durch die Zimmer. Ein Automat ist nur mit Elvis-Singles besetzt, ein anderer mit Evergreens von Peter Alexander, Connie Francis und der Spider Murphy Gang. Etwas für jede Stimmung. Christian setzt zur letzten Messung an. Mit einem Münzwurf wird der Feierabend eingeläutet. Nun, was soll es sein? Er drückt die Tastenkombination A8. Auf dem kleinen Anzeigeschild steht: „Spider Murphy Gang/Ich schau’ dich an” Die Greif-Mechanik setzt sich langsam in Gang. 

Die Drums erfüllen die Werkstatt, die elektrische Orgel mischt sich verspielt dazu und Christian beobachtet die Jukebox beim Arbeiten. Günther Sigl setzt ein: 

„Ich schau dich an, du bist so wunderschön” 

Christian und Rudi geht das Herz auf. Bei jedem Klacken, jedem Münzeinwurf, jedem Picken der Songs aufs Neue. Verchromte Liebhaberei.

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Balthasar Zehetmair - Redaktion

Sucht den Sinn des Lebens in Bob Dylan Songtexten und findet ihn bei den Wildecker Herzbuben. Meistens in Schallplattenläden und immer mit Kopfhörern auf den Ohren zu sehen.

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