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OG Keemo – Fieber

16. Januar 20245 Min. gelesen

Flexen statt Konzeptalbum: Der Rapper aus Mannheim befreit sich mit einem geradlinigen Mixtape von den Lasten des Ruhms.

Man könnte OG Keemo heute guten Gewissens berühmt nennen. Mit „Mann beißt Hund“ hat der Rapper aus Mannheim seinen endgültigen Durchbruch geschafft – und die Rap-Szene ebenso wie die deutschen Feuilletons begeistert. Das Album von 2022 ist ein erzählerisch und konzeptionell beachtliches Werk, auf dem OG Keemo mit textlicher und musikalischer Schärfe Straße mit Selbsterforschung verbindet; und mit dem er auf dem detailreichen und introspektiven Stil des 2019er-Albums „Geist“ und seiner Vorgängerprojekte aufgebaut hat.

OG Keemo inmitten von Deutschrap-Stars

Doch nun hat OG Keemo genug von Konzeptalben – zumindest für den Moment. Stattdessen veröffentlicht er mit „Fieber“ ein Mixtape, auf dem er „einfach rappen und killen“ kann. Denn Karim Joel Martin, so sein bürgerlicher Name, hat eigenen Angaben zufolge nach „Mann beißt Hund“ an Schreibblockaden gelitten. Diese 19 Songs hätten ihn daraus befreit. Gemeinsam mit seinem langjährigen Produzent Funkvater Frank hämmert er nun ein unbeschwertes Tape raus, das einfach Laune machen soll – und das zeigt: Ja, OG Keemo ist berühmt.

Der ehemalige Underground-Liebling versammelt heute Deutschrap-Größen wie RIN und Shindy hinter sich. Er re-mixt den Song „Guten Tag“ des UK-Drill-Rappers PS Hitsquad. OG Keemo tritt hier im wahrsten Sinne des Wortes als MC auf: als „Master of Ceremonies“, der zwar mit eigenen Beiträgen beeindruckt, aber auch verschiedenen namhaften Gästen das Mikro überreicht und mit aufmerksamkeitserregenden Samples arbeitet. Dazwischen gibt es eine Menge Flex über Ruhm und Geld: „Ich steh‘ mit Wumme auf dem Bundestag und werf‘ Fünfhunderter.“ Oder: „Ich hab‘ genug Ice, dass es die Klimakrise stoppt.“ Und immer wieder Verweise auf Sex und Frauen: „Wie ihr Arsch gebaut ist, muss ich in den örtlichen Behörden melden.“

Keine Frage: OG Keemo schreibt mit Biss und Humor. Er unterhält auch dann, wenn er bewusst die alte Rap-Tradition von Geiz, Provokation und Sexismus bedient. Seine Flows sind messerscharf, er glänzt mit Wortwitz. Auch die Produktion von Funkvater Frank ist wie gewohnt stilsicher: Von einem hypnotischen Flöten-Sample auf „Tasche“ und warmem Gospel auf „Tórshavn“ bis zu 2000er-Gangsta-Rap auf „Pimpsport“ und einschüchterndem Drill auf „Fieber“ manövriert er gekonnt zwischen butterweichem Groove und brachialer Härte. Auf mehreren Stücken wagt Funkvater Frank überraschende Beat-Wechsel, die den musikalischen Fluss jedoch nicht stören.

Wie mit den Erwartungen umgehen?

Die Grundlage für den Song „Bee Gees“ bilden jazzige Perkussion und ein sinnliches Summen im Hintergrund. Der Minimalismus der Produktion ist fast schon visionär und ein gelungenes Experiment. Doch das Feature von Levin Liam strahlt trotz starker punchlines mehr Lethargie als Leidenschaft aus. Außerdem stützt sich das Stück etwas zu stark auf ein Sample von Nina Chubas „Wildberry Lillet“, das hier als Refrain fungiert – zumal es dem Song keinen inhaltlichen Dreh gibt, sondern Nina Chubas Botschaft eher oberflächlich übernimmt.

Hier kommt der Mixtape-Charakter von „Fieber“ zum Ausdruck: Es sind 19 Stücke auf diesem Projekt, von denen einige sehr kurz sind und eher bruchstückhaft klingen. Die Qualität der Features variiert stark; so hinterlässt 2LADEs erratische, schwer verständliche Strophe auf „OKAY!“ vor allem Fragezeichen. Dennoch erfüllt dieses Tape seinen Zweck: Es bietet OG Keemo Raum, den Kopf auszuschalten und zu experimentieren.

Aber einen Moment der Reflexion gibt es doch noch: Auf dem meditativen Outro „3 Ringe“ spricht OG Keemo von den teils widersprüchlichen Erwartungen, die an ihn gestellt werden. Vom Druck, den er wegen seines Ruhms und seiner Stellung im Deutschrap verspürt. Und davon, dass er dieses Mixtape gebraucht habe, um jenen Druck loszuwerden: „Ich hatte Fieber, 99 Grad, und wollt‘ dasselbe fühl’n, wie als das noch Hobby war.“ Es ist paradox: „Fieber“, das Tape, auf dem OG Keemo tatsächlich berühmt klingt, ist das Tape, das ihn von den Lasten des Ruhms befreien soll.

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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