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Petite Noir – MotherFather

2. Mai 20233 Min. gelesen

Die Biografie eines Künstlers kann viel über sein Werk aussagen: so auch bei Yannick Illunga, bekannt als Petite Noir. Der Kongolese und gebürtige Belgier verbrachte seine Kindheit in Kapstadt und zog anschließend zurück nach Europa. Sein globalisierter Lebenslauf hat Spuren in seiner Musik hinterlassen: Denn Illunga gehört zu einer ganzen Generation an Musiker:innen, die den Hoffnungen und Wunden der afrikanischen Diaspora eine Stimme zu verleihen versuchen.

Das Produkt dieser Bemühung ist ein künstlerischer Stil, den Petite Noir „Noirwave“ nennt. Musikalisch ausgearbeitet ist dieses Konzept auf seiner zweiten LP „MotherFather“ als eine Mischung an Genres, mit der Illunga seine weitläufigen Wurzeln zurückverfolgt. Damit schließt er an sein ambitioniertes Debütalbum „La Vie Est Belle / Life Is Beautiful“ von 2015 an, auf dem er 2000er-Post-Punk mit Afrobeat-Rhythmen kombinierte.

Doch leider gelingt es Illunga auf den kurzen 27 Minuten von „MotherFather“ nicht, diese Vielfalt an Genres in ihrer musikalischen Tiefe und Nuance zu erkunden. Dabei beginnt das Album vielversprechend: Der Intro-Song „777“ prescht mit elektrisierenden Rufen und donnernder Industrial-Metal-Perkussion vor; und leitet dann in das atmosphärisch starke „Blurry“ über, welches auch mit einem Rap-Feature der südafrikanischen Rapperin Sampa the Great punktet.

In den anschließenden Stücken geht Petite Noir zu Soul und Pop über, experimentiert mit orchestraler Musik und Trip Hop. Doch diese Vielfalt an Einflüssen wird schon bald zur Richtungslosigkeit, sie wirkt ein wenig willkürlich. Einzelne Kompositionen, wie die filmische Paarung aus Streichern und Keyboards auf „Concrete Jungle“, offenbaren das große Potential dieses Albums, doch ziehen häufig als impressionistische Skizzen vorbei.

Ebenso wie der Sound bleiben auch die politischen Botschaften des Albums eher vage: Ungleichheit und Unterdrückung, der Gang der Geschichte, Identität und Liebe sind wiederkehrende Motive in Illungas Songwriting, doch werden selten in einen aussagekräftigen Zusammenhang gebracht oder pointiert aufgearbeitet.

Deshalb erscheinen Petite Noirs Beiträge auf diesem Album auch im Vergleich zu anderer zeitgenössischer Musik, die sich einem postkolonialen Ansatz verschrieben hat, relativ blass und oberflächlich: von Algiers‘ Mischung aus Post-Punk und Gospel über Leonie Pernets spirituellen Darkwave hin zu Moor Mothers politisch gewichtiger Dichtung.

Das unerfüllte Potential dieses Albums beginnt schon mit seiner Laufzeit, die kaum ausreicht, um seine kreativen Stränge zusammenzuführen – erst recht nicht als Petite Noirs erstes Projekt in voller Länge seit acht Jahren. Zwar blitzen Illungas Vision und Selbstbewusstsein auf „MotherFather“ immer wieder auf. Doch wirklich erhellen können diese Momente den Nebel nicht.

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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