Wird geladen
svg
Offen

Queen – The Works (1984)

15. Februar 20249 Min. gelesen

„The Works“. Der Titel dieses Albums von Queen, das vor 40 Jahren erschien, liest sich bedeutungsschwer. Fast würde man dahinter das Opus Magnum der britischen Rockband erwarten. Dieses ist es bei weitem nicht, aber zumindest war diese elfte Langspielplatte eine deutliche Steigerung gegenüber ihrem Vorgänger „Hot Space“. Nach diesem trashigen Ausflug in den Synth-Pop – einzige Ausnahme unter dem ganzen Müll ist das emotionstriefende Drama „Under Pressure“ mit David Bowie – kehrt die Band zu ihren rockigen Wurzeln zurück. 

Nun, das feuilletonistische Seziermesser ist frisch geschliffen… 

Das fängt an mit den wabernden Synthies von Fred Mandel, einem Pink Floyd und Supertramp erprobten Studiomusiker, auf „Radio Gaga“ an. Der Song macht Spaß, versprüht gute Laune mit seinem Non-Sense-Text (gut, beim Songwriting von Drummer Roger Taylor konnte man schon immer wenig erwarten), lädt zum Mitklatschen ein. Die Bridge ist instrumental gut ausgearbeitet und auch beim hundertsten Hören klingt das ganze noch erfrischend. Ein gutes Intro, das genau so gut aber auch von „Tear it up“ ausgefüllt hätte werden können. Hier bläst die Hardrockgitarre von Brian May ordentlich durch. In den ersten Strophen ist es ein fantastisches Call-and-Response zwischen Gitarre und der Stimme Freddie Mercurys, das perfekt harmoniert. Ein schnelles, schwungvolles Vergnügen, das mit einem leicht brachialen Fade-Out erwürgt wird. Ein kleines Solo hätte da schon noch Platz gehabt, aber gut. 

Zu „It’s a Hard Life“ ist es erstmal ganz lustig, sich das in München gedrehte Musikvideo anzuschauen und die einzelnen Bandmitglieder zu analysieren. Daraus lässt sich viel über den zerstrittenen Zustand der Band bei der Entstehung des Albums ablesen. 

In einer barocken Szenerie mit pompösen Kostümen fängt der Song wie eine Arie mit dem Gesang Freddie Mercurys an. Der Frontsänger tänzelt leichtfüßig mit der befreundeten Schauspielerin Barbara Valentin durch das Bild, als hätte er die letzten zehn Jahre nichts anderes gemacht. Er singt, ist einfach voll in seinem quicklebendigen Element in dieser bunten, verspielten Welt. Das Glück sprudelt aus ihm heraus und schließlich – Schnitt – sind das erste Mal Brian May, John Deacon und Roger Taylor zu sehen. Alle kostümiert werfen sie der Kamera einen griesgrämigen „Was soll ich hier? Warum?“-Blick zu. Blutleer und verdrossen stehen sie da, die Sekunden vergehen, das Lied schreitet voran, Mercury performt und irgendwie prallen wie zwei Welten aufeinander. Zum einen die Welt Mercurys, der sich in München zwischen Schwulenparties mit viel Champagner und wilden Kostümen, seiner Liebhaberei mit Jim Hutton und den Musicland Studios voll auslebt. Zum anderen die kleinkarierte Welt von May, Deacon und Taylor, immer schon im Schatten ihres strahlenden Frontsängers (und immer darin bleibend) und die meist eher als Staffetten dienten. Natürlich wäre Queen ohne ihren Signature-Sound niemals so groß geworden, aber was ist denn mit der Band nach dem AIDS-Tod von Mercury passiert, hatte diese überhaupt noch Relevanz? 

Nicht nur im Video, auch im Song selber strahlt Mercury förmlich. Seine wunderschöne Stimmfarbe ist hier voller Glanz und klingt von den Höhen bis in die Tiefen einfach mitreißend gewaltig. Das Gitarrensolo von May ist wirklich gelungen hier. Gut, danach kommt „Man on the Prowl“. Diese misslungene Rock’n’Roll-Nummer im Stil der 1980er hört sich an, wie als wäre an diesem Tag der Aufnahme zufällig auch die Spider Murphy Gang in den Studios im Arabellapark zugegen gewesen. So, als hätte Günther Sigl den vier hilflosen Briten, die noch nach Füllmaterial für ihre neue Platte suchten, mit einer Leberkässemmel in der Hand mal eben einen Song zusammengeschustert. Und dann dieses „Machines (or ‚Back to Humans‘)“, wo plötzlich eine verstörende Roboter-Stimme auftaucht und die Frage aufkommt, was soll das jetzt sein? Ein abgestürzter Ausflug in den Space-Rock? Dieser Song ist für Queen-Verhältnisse purer Schrott und doch bleibt der Song für ein paar Minuten im Kopf, zumindest der Refrain. Denn dieser Durchhänger im Album kann natürlich schlecht geschrieben werden, aber es ist immer noch Queen Mitte der 1980er wieder in Höchstform. Das heißt, diese zwei Kompositionen sind doch irgendwie rund, eingängig und es ist klar herauszuhören, dass die vier professionellen Musiker mit ihrem Know-How noch das krummste Eisen halbwegs gerade zu biegen wussten. 

Aufschwung kommt wieder mit „I want to break free“. Allein das Musikvideo dazu ist natürlich ein skurril-kostümierter Genuss zwischen Emanzipationsfragen und Tanz-Performances mit einem Hauch Staatsoper. 

Ein Song wie ein Ausbruch, eine Hymne, die so ausgenudelt gut ist. Alles klingt hier satt und vollkommen. Doch auch ungewöhnlich poppig auf diesem von Rock dominierten Werk. Warum „I want to break free“ jetzt unbedingt auf diese Scheibe musste, lässt sich diskutieren, doch gleichzeitig funktioniert es einfach sehr gut. 

This is the only life for me (Yeah)

Surround myself around my own fantasy

You just gotta be strong

And believe in yourself

Forget all the sadness

‚Cause love is all you need

Love is all you need  

Keep passing the open Windows – Queen 

Die Message ist ja schön und gut, aber der Text liest und hört sich wie 0815-Influencer-Lebensphilosophie à la Pinterest oder Instagram. Da hilft auch die semi-intellektuelle Referenz im Titel zur gefühlvoll-popkulturellen Familiengeschichte „The Hotel New Hampshire“ des amerikanischen Autors John Irving nicht viel. In anderen Songs gleicher Couleur bekommt man diese Message anregender und on point serviert. Dynamisch und mitreißend hört sich der Song, aber nach drei Minuten wird es langweilig, wenn einen Mercury damit zuorgelt, dass man an sein Glück glauben soll und „just keep passing the open windows“. 

Draufgehauen wird kurz vor dem Ende der Platte nochmal mit „Hammer to Fall“. Anfang der 1980er Jahre ist dieser für Queen ungewöhnlich politische Song zur abgekühltesten Hochzeit des Kalten Krieges hochaktuell und hat eine eindringliche, warnende Wirkung. Euphorisch und in jeder Zeile von Angst durchflossen, sehr explosiv, angespannt instrumentiert bildet der Sound symptomatisch die weltpolitische Lage gelungen ab. Plus – Randnotiz – diese Backing-Vocals sind  fantastisch wirkungsvoll und mitreißend. Harter Cut von Rockgitarren zu akustischem Geklimper hin zum finalen Track „Is This the World We Created…?“. Fast zu schmalzig für diese eindringliche, universelle Message endet das Album. Viele vorwurfsvolle Fragen an sich selbst und seinen luxuriösen-westlichen Lebensstil mit vielen unnötigen Mi-Mi-Mis bleiben. Ein kraftvoll-ruhiger Denkanstoß zum Dahinschmelzen. 

„The Works“ ist kein schlechtes Album, Queen war 1984 wieder in guter Form. Aber gleichzeitig hört es sich an wie ein wildes Sammelsurium an Songs, die mal mehr, mal weniger zusammenpassen. Ein paar schöne Einfälle, Refrains, Lyrics und Kompositionen sind dabei, doch wirklich ausgereift und fein ausgearbeitet mit noch so kleinen, verspielten Details im Sound wirkt es nur an wenigen Stellen. Eher schnell und flüchtig produziert in ein paar Sessions. Doch sie können es halt einfach, die vier Briten von Queen und so ist dieses Album ein professionelles Rock-Album. Nicht ganz von der Stange, aber mit wenig eigenem Charakter.  

Was denkst du?

11 People voted this article. 5 Upvotes - 6 Downvotes.

Balthasar Zehetmair - Redaktion

Sucht den Sinn des Lebens in Bob Dylan Songtexten und findet ihn bei den Wildecker Herzbuben. Meistens in Schallplattenläden und immer mit Kopfhörern auf den Ohren zu sehen.

svg

Was denkst du?

Kommentare anzeigen / Kommentar hinterlassen

Sag uns, was du denkst

Wird geladen
svg