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Rap, abstrakte Geschichten und Heimweh: Aus der Reihe „Feierwerk Frequenzen”

9. September 202615 Min. gelesen

Der Herbst kündigt sich langsam an und da kommt die nächste Ausgabe der Feierwerk Sessions gerade richtig. Diesen Samstag, 12. September, kommen die percussiven Raps von Lui DePlanque, abstrakte Geschichten von Jacky Ashfield und ruhige Töne voller Heimweh und Freundschaft von Nidheesh Satija auf die Bühne des Orangehouse. Wir stellen euch die drei Musiker:innen in Kurzinterviews vor. 

 
Lui DePlanque 

Wie würdest du deine Musik in drei Sätzen beschreiben?

Sehr viel Bass, dramatische Streicher, Backing-Choräle, 808s und ganz nahe, intime Vocals – manchmal zart gesungen, manchmal gerappt. Ich versuche, in tiefe Schubladen zu greifen, wo ich neben persönlichen Erfahrungen oft auch gesellschaftliche Themen finde, die mich bewegen. Ich spiele gerne mit, vermeintlichen, Gegensätzen und mag auch die Verbindung von Umgangssprache und kryptischeren, poetischen Lyrics. 

Feierwerk Frequenzen

Im Rahmen der Feierwerk Sessions, die jeden Monat im Orangehouse stattfinden, stellen wir euch hier im Vorfeld die Musiker:innen und Bands vor, die auftreten werden. 

Die Musikerin Lui DePlanque.

Lui DePlanque spielt in ihrer Musik mit Raps und zarten Gesang. Foto: David Hennen

Deine Musik spielt mit Gegensätzen – zarte Vocals treffen auf harte Raps-wie kam es dazu?

Ich wollte einen Sound kreieren, der nicht so eindimensional ist, sondern etwas unschärfer und vielschichtiger. Einen Klang, der die zuhörende Person ein bisschen kitzelt und ein Spiegel unserer ambivalenten Realität ist. Außerdem macht mir beides einfach Spaß und ich wollte weder auf Rap noch auf gesungene Vocals verzichten.

 

Gleichzeitig drückt sich in deiner Musik die Verbindung zur Natur aus, was bedeutet dir die Natur?

Ich würde mich nicht als spirituelle Person bezeichnen, aber wenn ich Berge, das Meer, die  unberechenbare Zerstörungskraft von Naturgewalten, oder auch die vielen kleinen und großen Wunder der Natur sehe, spüre ich persönlich eine extreme Ehrfurcht. Da kann man schon fast an etwas Übernatürliches glauben. Zudem fasziniert mich die Natur als etwas Uraltes, dessen Gegensätze am Ende ein perfektes Zusammenspiel vieler kleiner Zahnräder bilden und dessen Ausmaß wir nie ganz begreifen können. Gesellschaftlich denke ich, sollte klar sein, dass die Ausbeutung unserer Erde sowie der Klimawandel einige der größten Probleme in unserer unmittelbaren Zukunft sind und endlich ein Handeln erfordern.

 

 

Auf deiner Debüt-EP hast du mit dem Münchner Produzenten Daniel Fahrländer zusammengearbeitet. Wie kams dazu und was erwartet uns für Musik?

Ich habe Daniel das erste mal bei der Demo-Listening-Session von der Fachstelle Pop gesehen. Ich fand ihn hier schon sehr sympathisch und habe mich dann mit seiner Musik auseinander gesetzt. Auch sein Sound spielt mit Wut und Zärtlichkeit, das hat mir sehr gut gefallen, also habe ich ihm einfach geschrieben. 

Euch erwartet eine von Hand erbaute, schillernde Wand, deren Bausubstanz sich aus Liebe, Wut, Aufbruch, Suche und heftigen Arrangements zusammensetzt. Mein nächster Song, „Alles Vergeben“, erscheint übrigens am 25.09.2029 auf allen Streaming-Plattformen. 

Jacky Ashfield


Wie würdest du deine Musik in drei Sätzen beschreiben?

DIe Musikerin Jacky Ashfield.

Elektronisch und alternativ, die Musik von Jacky Ashfield. Foto: Nadino Ioes.


Meine Musik bewegt sich zwischen Alternative Singer Songwriterin und Elektro Pop. Dabei kreiere ich mit meinen Texten einen Raum, in dem Licht und Dunkelheit sich umarmen dürfen. Denn in meiner Musik versteht sich Verletzlichkeit nicht als Schwäche, sondern als Teil von Stärke und persönlichem Wachstum.

Deine Songs gehen über Gespräche, die nie zu Ende gehen. Erzähl uns mehr, wie sieht das konkret aus? 
Oft versucht man sich mit Worten zu erreichen- nur, um dann festzustellen, dass man sich trotz aller Bemühungen nicht so spüren kann, wie man es braucht oder sich wünscht. Beziehungen enden dann auch häufig an einem Punkt, wo sie sich noch offen und ungeklärt anfühlen. Mir geht es da immer wieder so, dass ich auch lange später noch an bestimmte Situationen und Gespräche denke, um für mich den Sinn daraus zu ziehen. Dabei tauchen in meinen Songs dann insbesondere Szenen von Gesprächen auf, die ich mit meinem Gegenüber damals nicht hatte, aber gebraucht hätte.

Könnte man sagen, deine Auftritte sind eine Art Safespace für das Publikum und dich? 
Ja, das ist tatsächlich mein Wunsch. Ich möchte einen Raum schaffen, in dem man für einen Moment nichts darstellen oder verstecken muss — weder ich auf der Bühne noch die Menschen davor.

Was können wir bald auf deiner ersten EP erwarten? Kannst du uns schon was verraten?
Meine erste EP ist gerade noch im Aufbau. Aktuell denke ich darüber nach, zunächst ausschließlich stripped-down Versionen meiner bereits fertigen Songs zu veröffentlichen. Dadurch könnten die Songs sehr reduziert und unmittelbar bleiben und vielleicht sogar noch etwas näher an dem Gefühl sein, mit dem sie ursprünglich entstanden sind. Die aufwendigeren Full-Band-Produktionen möchte ich perspektivisch aber nicht ausschließen – ich würde mir dafür gerne die Zeit und die Möglichkeiten nehmen, die sie verdienen. 

Im Februar 2026 ist bereits meine erste Single „The Doll (Greater Than The Best)“ erschienen. Im März habe ich gemeinsam mit dem Produzenten trave den Elektro-Pop-Song „Anything For You“ geschrieben, der auch bei der Demo Listening Session der Fachstelle Pop gespielt wurde. Aktuell wird der Song mit Unterstützung des Munich Music Boosters fertiggestellt und soll im Oktober erscheinen. Ich bin selbst gespannt, wie sich die EP am Ende entwickeln wird, und freue mich, euch auf dem Weg dorthin mitzunehmen. 

Nidheesh Satija


Wie würdest du deine Musik in drei Sätzen beschreiben?

Meine Musik ist ein Zeichen dafür, dass Verletzlichkeit eine Art von Stärke ist, keine Schwäche, und das ist die Regel, nach der ich schreibe. Jeder Song entstammt einer echten Phase meines Lebens: meine zwölfköpfige Familie in Indien mit neunzehn zu verlassen, einem Traum nachzujagen, den ich selbst noch nicht ganz verstanden habe, und zum ersten Mal zu lernen, allein zu sein. Es ist eine Reise für alle, die schon einmal etwas zurückgelassen haben und diesem Etwas noch keinen Namen geben konnten. 

Du bist Anfang zwanzig aus Indien nach München gekommen, um hier zu studieren: Was bedeutet dir die Musik hier in deinem Leben in München, und wie hat alles angefangen?

Ich bin in einem Haus mit zwölf Menschen aufgewachsen: Cousins und Cousinen, Großeltern, meine Schwester, meine Eltern etc. Es war immer etwas los, und niemand in meiner Familie war Musiker. Aber mein Großvater brachte einmal ein Klavier nach Hause. Ich war vier oder fünf Jahre alt, habe darauf herumgehämmert und danach Küchenutensilien in Schlagzeug verwandelt. Ich war das lauteste Kind der ganzen Familie (haha…). Das hat sich nie wirklich geändert. mit dreizehn habe ich angefangen, Gitarre zu spielen, wobei das lustigerweise gar nicht meine eigene Idee war. Meine Mama war diejenige, die mich dazu gedrängt hat, und ich glaube, sie hat etwas in mir gesehen, das vielleicht einmal ihr eigener Traum war, und wollte, dass ich es habe. Am Anfang hat es mir also gar nicht so viel Spaß gemacht. Aber mit der Zeit, als ich besser wurde, habe ich diese echte Verbindung zur Musik gespürt, und der Rest hat sich ergeben. Während Corona habe ich angefangen, eigene Songs zu schreiben, kurz bevor ich in Deutschland angekommen bin. Als ich mit neunzehn hierherzog, kam meine Gitarre überallhin mit. Sie war das Eine, das mich immer unterstützt hat. Das Studium in München hatte seine Höhen und Tiefen, wie bei jedem Studium, aber die Musik ist konstant geblieben; sie wurde zum Mittel, durch das ich mich schnell mit Menschen verbunden habe, noch bevor ich überhaupt die Sprache dafür hatte. Die Münchner Open-Stage-Szene habe ich fast zufällig entdeckt: Ich bin am Lost Weekend Café an der Universität in München vorbeigelaufen, habe durch die Glasfenster eine Bühne gesehen, und es hat eineinhalb Monate gedauert, bis ich den Mut hatte, mich selbst anzumelden. Das war im Oktober 2025, und seitdem habe ich kaum eine Woche verpasst, außer wenn ich Prüfungen hatte. Im April durfte ich bei einer Open Stage an der Bayerischen Staatsoper spielen – ein Traum, der wahr geworden ist. Musik bedeutet mir in München, dass ich meinem Traum nähergekommen bin und meine Menschen gefunden habe.

Was bedeutet es dir, deine Geschichte mit der Welt zu teilen und sie den Menschen zu zeigen?

Als ich nach München gezogen bin und angefangen habe zu studieren, habe ich gespürt, was wohl viele von uns kennen: diesen Sog, sich mit allen um einen herum zu vergleichen, mit Cousins, mit Gleichaltrigen, mit allen, die scheinbar weiter sind. Ich habe „Timezone” geschrieben, um mich daran zu erinnern, dass ich mit niemandem im Wettbewerb stehe, weil ich in meiner eigenen Timezone bin. Das bedeutet für mich, meine Geschichte zu teilen — nicht Perfektion vorzuspielen, sondern den Menschen das echte, unfertige Ding zu zeigen, damit sie wissen, dass sie nicht die Einzigen sind, die noch dabei sind, es herauszufinden. 

Meine Lieblingszeilen von meinem ersten Lied, das ich veröffentlicht habe (im Original auf Englisch):
„I left my past so far away, and now it won’t come along,
And now my dream is saying to me, let’s not postpone,
Just get up early, and walk alone, run through the water and step up the stone,
Forget all the cries and all the moans, coz right now you’re in your own timezone.”

Was war die schönste Reaktion auf deine Musik?

Es gibt zwei Momente, die mir geblieben sind. Der erste war sehr emotional: Nach einem Auftritt kam ein Mädchen zu mir und erzählte, dass einer meiner Songs sie an ihre verstorbene Katze erinnert hatte. An dem Tag sagte sie nicht viel. Aber als sie mich beim nächsten Mal den Song spielen hörte, kam sie wieder zu mir – und diesmal erzählte sie mir, dass sie dabei geweint hatte. Dieser Moment ist mir geblieben, weil er mir gezeigt hat, wie viel Kraft Musik hat: Sie kann uns stärker machen und gleichzeitig unsere Vergangenheit auf eine Weise zeigen, die wir uns zuvor nie hätten vorstellen können.

In der Musik zu Hause: Nidheesh Satija. Foto: Nidheesh Satija.



Der zweite Moment hatte mit dem Handwerk selbst zu tun. Jemand im Publikum, ein völlig Fremder, sagte mir, dass ich, wenn ich singe, nicht nur singe, sondern auch performe. Er sagte, er könne mir in die Augen sehen, dass es von Herzen kommt und dass ich genau das tue, was ich liebe. In diesem Moment habe ich verstanden, dass es einen echten Un

terschied zwischen Singen und Performen gibt. Er sagte mir, ich solle niemals aufhören. Das ist das Schöne daran: Wildfremde kommen nach einem Auftritt zu einem und schenken einem so viel Liebe, ohne einen überhaupt zu kennen. 

 
Man muss niemanden kennen, um sich mit ihm zu verbinden. Man muss einfach ganz man selbst sein, ganz ehrlich in dem, was man macht — und die Reaktion kommt dann von ganz allein.

 

 Die Feierwerk Sessions finden Samstag, 12. September, um 19 Uhr im Münchner Feierwerk  (Hansastraße 39-41) statt. Der Eintritt erfolgt nach dem Prinzip “Pay what you want“.

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