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„Rap ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“

9. Mai 202412 Min. gelesen

Früher Subkultur, heute Mainstream: Der Hip-Hop entwickelt sich zunehmend zu einer kulturell anerkannten Kunstform und wird heute sogar in der Frankfurter Kunsthalle Schirn ausgestellt. Welchen Beitrag leistet Hip-Hop in unserer Gesellschaft? Wie sprechen und reden wir über diese Kulturform? Ein Gespräch mit dem Mediensoziologen Marc Dietrich.

Marc Dietrich ist Vertretungsprofessor im Fach Soziologie mit Schwerpunkt Mediensoziologie an der Uni Trier. In seinen Projekten und Veröffentlichungen befasst er sich häufig mit Phänomenen der Popkultur und insbesondere Rap. Zusammen mit Heidi Süß, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Trier, hat er kürzlich das Berliner Institut für Popkultur und Rap-Forschung gegründet. In ihrem 2023 publizierten Buch „Rap & Rassismus“ analysieren Dietrich und Süß die szene- und medienjournalistische Aushandlung von Rassismus und Rassismuskritik im Deutschrap.
Foto: privat

Frequenz: Du bist selbst Hip-Hop-Fan. Erinnerst du dich an einen besonderen persönlichen oder gesellschaftlichen Moment, den diese Musikströmung mitgeprägt hat?

Dietrich: Es gab immer schon mal Berichterstattung über migrantische Rapper im Feuilleton, meistens aber kritische bis spöttische. 2014 hat Haftbefehl sein Album „Russisch Roulette“ veröffentlicht. Das war Anlass für Antonia Baum, in der ZEIT ein großes Feature zu schreiben, in dem sie auch mit Großtheoretikern wie Foucault hantiert hat. Das war für mich der Punkt, wo das Feuilleton Hip-Hop zumindest als Form von Kunst anerkannt hat. Das war schon ein Meilenstein. Vorher wurde eher aus einer bildungsbürgerlichen Perspektive auf Straßen- und Gangsta-Rap herabgeschaut. Aber in dem Moment dachte ich mir: Jetzt ist Rap in der Mitte der Gesellschaft angekommen. 

In der Frankfurter Kunsthalle Schirn läuft noch bis Ende Mai eine interdisziplinäre Ausstellung zum kulturellen Einfluss von Hip-Hop. Schafft es Hip-Hop gerade in unseren kulturellen Kanon?

Das sieht ganz danach aus. Es gibt so viele Formen der institutionellen Anerkennung und auch der Historisierung. Mit Historisierung ist allerdings immer die Gefahr groß, dass etwas ad acta gelegt oder eingehegt werden kann, weil es nicht mehr subversiv genug ist. Andererseits ist es eine schöne Anerkennung. Man muss aber auch immer schauen: Wer wird in den Kanon hinein erzählt, wer wird ausgelassen?
Aber es ist schön, wenn das in der Schirn ausgestellt wird. Ich finde es auch grandios, wenn Dr. Dre in der Halbzeitpause des Superbowls auftritt. Ich hatte Gänsehaut. Es ist aber auch gut, dass es nicht mehr nur die Anerkennung von gatekeeper-Medien braucht, weil Rapper:innen in anderen Formaten vorkommen und Anerkennung bekommen. Dennoch ist es in Deutschland für gesellschaftliche Anerkennung nach wie vor zentral, in etablierten Leitmedien vorzukommen.

Ist das ein Unterschied zu den USA, dem Mutterland des Hip-Hop?

In den USA existiert die Hip-Hop-Kultur schon länger. Es gibt dort stärkere autonome Strukturen, die jenseits der traditionellen Anerkennungsverhältnisse operieren. Im Bereich der digitalen Kultur gibt es viele Formate, in denen die kulturellen Beiträge von Rapper:innen im Mittelpunkt stehen, die zwar kommerziell nicht sonderlich relevant, aber kulturell sehr einflussreich waren oder sind. Gerade bei Podcasts. Viele Rapper:innen wechseln auf die Seite der Kuratoren und stellen Medien bereit, um den kulturellen Einfluss von Hip-Hop und von vergessenen Ikonen zu betonen.

Welche entscheidenden Unterschiede gibt es in der geschichtlichen Entwicklung des Genres in den USA und Deutschland?

Die gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen unterscheiden sich. In den USA entstand die Kultur aus afroamerikanischen und hispanischen Kreisen heraus und wurde irgendwann durch oft weiß geführte Labels großgemacht. Ab den 80er-Jahren differenzieren sich verschiedene Strömungen aus. Hip-Hop wird mit Rappern wie Grandmaster Flash & the Furious Five – man denke an „The Message“ schnell politisch.
In Deutschland etabliert sich Rap erst Ende der 80er. Das geht mit dem Versuch einher, den US-Rap zu imitieren. Das klappt nicht so richtig, weil sich die kulturelle Situation und das Migrationsregime von dem der USA unterscheidet. Die Einwanderer:innen hier stammen vor allem aus Italien, der Türkei, Jugoslawien und haben eigentlich andere Geschichten zu erzählen. Der Deutschrap als solcher etabliert sich erst Anfang der 90er in Heidelberg und Stuttgart, wobei der Mittelschichtsrap von Fanta Vier als erstes kommerziell relevant wird. Pioniere im Untergrund wie Cora E. und Advanced Chemistry reklamieren dagegen, schon immer „echten“, politischen Hip-Hop gemacht zu haben.

Birgt die Anerkennung des Genres durch die weiße Mehrheitsgesellschaft die Gefahr einer erneuten Aneignung einer ursprünglich migrantisch geprägten Ausdrucksform?

Wahrscheinlich sind wir schon darüber hinaus. In Serien wie „4 Blocks“ oder „Dogs of Berlin“ finden Adaptionen von Rap-Themen und Rap-Narrativen in etablierten Medien statt. Die Frage ist: Hat das Erzählen der immergleichen Geschichte von den immergleichen Figuren – der türkisch- oder marokkanisch-stämmige Rapper, der auf der Straße seinen Geschäften nachgeht und auf die schiefe Bahn kommt – ein tendenziöses Moment in sich?

Ein Zerrbild?

Genau. Wir kennen das auch aus den USA: Die Hood- und Gangsta-Filme machen Schwarze Geschichten sichtbar. Hier sind auch schwarze Filmemacher wie John Singleton am Werk. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, dieses Bild vom nicht-weißen gewaltvollen, sexuell zügellosen, abweichenden Mann zu perpetuieren. Es gibt selten Filme von People of Color, die zum Beispiel Zahnärzte sind – genau sowas wäre aber wichtig, um nicht die immer gleichen Stereotype zu reproduzieren.. Aber auch hier wandelt sich momentan etwas.

Welche gesellschaftlichen Entwicklungen hat Hip-Hop angestoßen und mitgeprägt?

Auf den deutschen Raum bezogen: Der Deutschrap war mit Bezug auf die Repräsentation von verschiedenen races oft fortschrittlicher als die Mehrheitsgesellschaft. Er ist aber auch bis heute rückständiger in Sachen Homophobie. Das Genre hat besonders lange gebraucht, um dieses Thema zu reflektieren – „überwinden“ will ich gar nicht sagen. Gleichzeitig ist inzwischen progressiver, queer-feministischer Rap sehr präsent. 

In welchen anderen Themen hinkt der Deutschrap gesellschaftlich hinterher?

Das ist schwer zu sagen, weil es so viele diverse Gruppen gibt. Es gibt eine anti-woke, anti-feministische, zu Verschwörungstheorien neigende Blase im Deutschrap. Auf der anderen Seite gibt es extrem progressive Strömungen. Ich glaube, das ist Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung hin zu einer Fragmentierung der Öffentlichkeit – unter anderem durch soziale Plattformen, wo jeder seine eigenen Deutungspräferenzen und -gemeinschaften entwickelt.

Viele Rapper geben mit Autos und teuren Modeartikeln an oder machen sogar Werbung für diese Marken. Die große Erzählung des Rap-Mainstreams war immer: Wir werden in einem System, das uns benachteiligt, selbst reich und erfolgreich. Und nicht: Wir sprengen dieses System. Wie passt das zum Subversionsanspruch des frühen Hip-Hop?

Dieses Grundnarrativ ist ein US-amerikanisches. Auch afroamerikanische Rapper wie Killer Mike tragen ihre gold chains und andere Statussymbole. Ähnlich würde vielleicht Daniel Cohn-Bendit (Anm. d. Red.: ehemaliger Sprecher des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes um 1968 und Grünen-Mitglied) argumentieren: Sozialismus heißt nicht, wir dürfen keinen Champagner mehr trinken. Sondern: Champagner für alle!

Oder Disarstar: „Rolex für alle“!

Ja! Das schlägt in die gleiche Kerbe. Im Rap geht es auch nicht immer um politisches Programm, sondern auch darum, fresh auszusehen und zu zeigen, dass man erfolgreich ist. Von einer bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft in Deutschland wird das sofort als prollig oder angeberisch gedeutet. Dabei könnte man auch sagen: Diejenigen, die von ganz unten kommen, sind halt stolz auf ihren Erfolg und zeigen das. Aber natürlich ist diese Pose auch längst ausgehöhlt. Viele Rapper:innen, die in den letzten Jahren mit Streaming extrem viel verdient haben, feiern eigentlich nur kapitalistische Statussymbole ab.
Es gibt viele Romantizismen in der Hip-Hop-Selbstbeschreibung: Erfolg ist immer gut und dieses „Ich setze mich immer durch”. Aber auch in der Weise, wie Medien, Hip-Hop-Journalisten und Wissenschaftlerinnen das diskursiv verhandeln, stecken diese Romantizismen.

Fehlt uns ein Bewusstsein für die Diversität im Hip-Hop?

Es gibt schon ein Bewusstsein, aber es beschränkt sich in Deutschland auf türkische und arabische Rapper:innen. Der Rapper AZAD hat 2000 das berühmt-berüchtigte „Napalm“-Video veröffentlicht hat, wo er vermummt und mit Kampfhunden auftritt – spätestens da haben sich migrantische Rapper repräsentiert gesehen. Das gilt aber nicht unbedingt für People of Color. Denn der Beitrag von Afrodeutschen wird bisher nicht genügend anerkannt. Der schwarze Rapper Afrob sagte einmal sinngemäß: In der Hierarchie der Ausländer stehen wir ganz unten. Da ist etwas dran, denn bei gestiegener Sensibilität für Diversität fallen PoC im Deutschrap immer noch durchs Raster.

Liegt das daran, dass türkisch- und arabischstämmige Menschen historisch die stärker repräsentierte Gruppe in Deutschland sind?

Ja. Wir fangen auch gerade erst an, über die gesamte koloniale Vergangenheit Deutschlands nachzudenken.

Welche Hip-Hop-bezogenen Themen planst du noch zu erforschen? Und warum sind sie wichtig?

Momentan arbeite ich mit meiner Kollegin Heidi Süß an einem Grundsatzbeitrag zur Szeneforschung. Die Szeneforschung stammt aus den frühen 1990ern und behandelt die Formierung von Subkulturen. Diese Forschung braucht ein Update, denn es fehlen darin die Perspektive auf gestiegene gesellschaftliche Diversität und auf eine digitale Kultur. Und auch die Generationenkomponente kommt nicht vor: Also was bewirkt es eigentlich, dass Szenen wie Rap altern? Heute finden Hip-Hop-Fans, die in den 80ern über die erste Breakdance-Welle in die Szene kamen, mit solchen zusammen, die 14 sind und Capital Bra hören. Diese veränderte Konstellation von Leuten, die ganz unterschiedliche Erfahrungen und Vorstellungen einbringen, macht etwas mit den Strukturen und Werteorientierung einer Szene. Wir wollen das für die Szeneforschung in den Blick nehmen und am Deutschrap festmachen. 

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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