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Reif für die Erinnerung

6. Juli 20235 Min. gelesen

Früher hatte ich Angst davor, dass sich mein Musikgeschmack verändert. Über ein altes Bandshirt und das Friedenschließen mit dem Wandel.

Neulich kramte ich in der Schublade meines Kinderzimmers nach einem Schlafoberteil und alten Erinnerungen. Ich fragte mich, ob mein altes Linkin Park-Shirt hier noch irgendwo lag. Das T-Shirt, das ich mit 14 Jahren auf einem Konzert der Hunting Party-Tour gekauft hatte. Das war 2014. Die Welt, so scheint es vielleicht, war damals ein bisschen einfacher. Chester Bennington stand noch auf der Bühne, Corona war nichts weiter als eine Biermarke und ich erst so halb in der Pubertät.

Das Festhalten an Erinnerungen

Es war wohl ein gutes Jahr später, als mir zum ersten Mal dämmerte, dass ich vielleicht nicht für immer der Nummer 1 Linkin Park-Fan auf diesem Planeten bleiben würde. Eine unheilvolle Erkenntnis. Und was war mit all den anderen Bands, die ich liebte? Zum Beispiel Yellowcard: der Band, die meine Leidenschaft für die Musik erst so richtig entfacht hatte. Würde diese Liebe irgendwann verblassen wie die Farben auf einem alten Foto, das zu lange in der Sonne gelegen hatte?

Der Gedanke, ich würde mich so stark verändern, dass mir die damals sinnstiftende Musik eines Tages nicht mehr denselben Sinn vermitteln könnte, machte mir Angst. Tatsächlich bin ich aus vielen der Metalcore-Bands, die ich früher rauf und runter hörte, heute herausgewachsen. Doch als Jugendlicher, der noch nicht ganz aufgehört hatte, Kind zu sein, hielt ich mich an den Erfahrungen fest, die mich bislang geprägt hatten und dabei waren, meine Identität zu formen. Dazu gehörte auch die Musik. Das tut sie bis heute.

So hätte ich das damals natürlich nicht verbalisieren können. Dennoch war die Angst vor dem Wandel und der Weiterentwicklung eigentlich nicht ganz neu. Bevor ich zehn wurde, dachte ich neun sei das beste Alter und von nun an gehe es nur noch bergab. Mein damaliges Ich kann ich heute beruhigen: Auch nach der Grundschule werden noch coole Dinge passieren. Genauso kann ich dem jugendlichen Linkin-Park-Fan in mir sagen: Veränderungen lassen sich nicht aufhalten. Wir können nur an ihnen wachsen, reifen und Frieden mit ihnen schließen. Und Linkin Park mag ich übrigens immer noch.

Jeder einschneidende Moment hat seinen eigenen Soundtrack

Was mir in jenen Momenten Unbehagen bereitete, kann ich heute akzeptieren. Denn ebenso wie Linkin Park das Monument eines Lebensabschnitts war, markiert andere Musik bedeutende Erfahrungen, die ich später erst machen würde. Das erste Mal, dass ich einen einschneidenden Verlust hinnehmen musste und mit dem Tod konfrontiert wurde. Das Jahr, das ich im Ausland verbrachte, wo ich mich so frei und selbstständig fühlte wie nie zuvor. Das erste Mal, dass ich verliebt war und mir dann das Herz gebrochen wurde.

All diese Momente und Erinnerungen haben ihren ganz eigenen Soundtrack, der mich noch heute in jene Zeiten zurückversetzt und dieselben Gefühle wieder hervorruft. Manchmal macht mir das Angst. Vor allem aber bin ich dankbar für die wichtigen und schönen Dinge, die ich erleben durfte, so schwierig manche von ihnen gewesen sein mögen. Und für die Musik, die mich dabei begleitete.

Leider fand ich mein altes T-Shirt dann nicht mehr. Ich komme zwar nicht über die 1.65 m hinaus, aber zu meiner Überraschung bin ich in den letzten neun Jahren wohl doch auch körperlich gewachsen, sonst hätte ich das Oberteil sicherlich behalten. Doch die Erinnerungen an das Konzert und den Lebensabschnitt, den es symbolisiert, bleiben. Sie sind wie die Schublade in meinem Kinderzimmer, in der ich jederzeit kramen kann.

Foto: Lin Lindner

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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