Der Streaming-Marktführer steht in der Kritik: Während Musiker:innen immer weniger verdienen, verbreiten sich KI-Inhalte rasant und es fließen Millionen in Rüstungstechnologien. Einige namhafte Bands sind deshalb von der Plattform abgesprungen. Doch trägt Spotify wirklich ernsthaften Schaden davon?
Mit kämpferischen Worten richtet sich die Berliner Musikerin Marlène Colle an ihre Fans: „Spotify schafft sich gerade selber ab – und ich dachte, wir helfen ein bisschen nach.“ Dann listet die Frontfrau der Band PAULA PAULA all die Gründe auf, warum Spotify-Abonnent:innen aus ihrer Sicht auf eine andere Streaming-Plattform wechseln sollten: die schlechte Bezahlung der Musiker:innen, an der seit Anfang 2024 zusätzlich gespart wird; die Flutung der Plattform durch KI-generierte Inhalte, die Spotify irreführenderweise als „verifiziert“ deklariert; Spotify-Gründer Daniel Eks massive Investitionen in KI-Rüstungstechnologien. All diese Umstände veranlassen Marlène Colle zu einem Plädoyer gegen Spotify: „Nutzt eure Kaufkraft, um Dinge zu bewirken!“
Tatsächlich haben bereits einige namhafte Bands aus dem Indie-Kosmos ihre Musik von Spotify entfernt, darunter Xiu Xiu und King Gizzard & the Lizard Wizzard. Die kalifornische Band Deerhoof begründete ihren Rückzug von der Plattform mit den Worten: „We don’t want our music killing people!“ Doch Protestwellen gegen den Streaming-Marktführer hat es auch in der Vergangenheit gegeben – sie sind immer wieder abgeebbt. Ist es diesmal anders? Schafft sich Spotify gerade wirklich selbst ab?
Stößt Spotifys Erfolgsmodell an seine Grenzen?
Peter Tschmuck ist da eher skeptisch. „Es gibt sicher eine kleine Gruppe von Kennern, die die Entwicklungen bei Spotify kritisch beobachten“, sagt der Musikwirtschaftsforscher. „Aber ich glaube nicht, dass sich die Masse der Userinnen und User davon beeindrucken lässt. Ich rechne mit keinen großen Auswirkungen.“
Tschmuck forscht an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und beobachtet seit Jahren die Veränderungen des Musikmarktes im Streaming-Zeitalter. Spotifys Erfolg beruhe auf dem Freemium-Modell, so Tschmuck, also auf der Kombination eines werbefinanzierten Gratisbereichs und eines gebührenpflichtigen Premium-Angebots. Das unterscheidet Spotify von Konkurrenten wie Apple Music, die kein solches Gratisangebot zur Verfügung stellen. Gleichzeitig profitiere Spotify ökonomisch vor allem von der Premium-Nutzung – die Preise dafür hat der Streaming-Anbieter kürzlich in ganz Europa erhöht, in Deutschland zahlt man für ein Einzel-Abo nun 12,99 Euro im Monat. Wenn sich Spotify-Nutzer:innen also nicht aus moralischen Gründen abschrecken lassen, dann vielleicht aus finanziellen?
So könnte man meinen. Denn abgesehen von der Flexibilität durch das Freemium-Modell hebe sich Spotify kaum mehr von der Konkurrenz ab, betont Tschmuck. „Alle Portale bieten heute eigentlich den gleichen Katalog an.“ Dennoch hätten sich Preiserhöhungen bisher kaum negativ auf die Nachfrage ausgewirkt. Tschmuck führt das vor allem auf die gefühlt hohen Opportunitätskosten einer Kündigung zurück, vor allem auf die Sorge, das aufgebaute Profil zu verlieren. Dabei lassen sich die eigenen Playlists mittels kostenloser Drittanbieter auf andere Streaming-Plattformen übertragen. Doch selbst wenn einige User:innen abspringen sollten: „Die gestiegenen Preise machen den Kundenrückgang wieder wett“, urteilt Tschmuck. Nach Jahren des Verlusts könne Spotify dieses Jahr wahrscheinlich sogar einen Gewinn erzielen, wie schon 2024.
Die prekäre Lage kleinerer Musiker:innen verschärft sich durch KI weiter
Auch PAULA PAULA haben ihre Musik noch nicht von Spotify heruntergenommen. „Ich glaube, wir würden damit als kleine Band keinerlei Aufschrei erregen, sondern einfach nur verschwinden“, argumentiert Marlène Colle. Als unbekannte Band mit gut 3.000 monatlichen Hörer:innen sei PAULA PAULA noch auf die Plattform angewiesen. Doch sollte sie genügend Fans zu einem Wechsel animieren können, würde sie ihre Musik gerne von Spotify entfernen. Denn Anbieter wie Tidal, Qobuz und auch Apple Music zahlen teils deutlich höhere Tantiemen.

Der finanzielle Druck, der auf Independent-Musiker:innen lastet, dürfte sich durch eine neue Entwicklung noch weiter verschärfen: nämlich durch die Verbreitung von KI-Musik. Schätzungsweise jeder fünfte neue Titel auf Spotify stammt inzwischen von sogenannten „Ghost Artists“. KI-generierte Inhalte landen massenhaft in Playlists, ohne als solche markiert zu werden. Die Autorin Liz Pelly vermutet in ihrem breit rezipierten Buch „Mood Machine“ einen Zusammenhang zwischen Spotifys Laxheit bei KI-Musik und den Einsparungen bei Tantiemen. Denn je mehr Klicks auf KI-generierte Musik entfallen, desto weniger werden reale Künstler:innen gehört – und desto weniger müssen sie entlohnt werden. Dieser Trend könnte sich in Zukunft weiter zuspitzen. Peter Tschmuck sagt: „Ein ziemlich großer Teil des Kuchens wird inzwischen von KI abgezwackt – und es kommt immer weniger bei den Kreativen an.“
Illustration: Felix Meinert




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