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Offen

Schrecken und Leidenschaft

17. Oktober 20235 Min. gelesen

Die Band Creeper feiert in London die Veröffentlichung ihres neuen Albums „Sanguivore“ – und bringt viel düsteren Bombast auf die Bühne.

Es ist helllichter Tag, als im Lafayette die Türen für Creeper öffnen. Vielleicht bietet die Londoner Konzerthalle etwas Zuflucht vor der Nachmittagssonne. Denn Vampire scheuen bekanntlich das Licht – und als solche inszenieren sich die fünf Mitglieder der britischen Band auf ihrem neuen Album „Sanguivore“. Einzig das rote Bühnenlicht fällt auf Sänger Will Gould, umhüllt ihn wie ein mystischer Schleier.

Gould betritt die Bühne mit der Blutlust des Vampirs und der Extravaganz eines Dandys. Er posiert in schwarzer Lederjacke und Sonnenbrille; sein blass geschminktes Gesicht strahlt die verführerische Gefahr aus, die Creeper in ihrer Musik zu mitreißenden Bombast vertonen. Irgendwo zwischen dem Horror Punk der Misfits und dem Emo von My Chemical Romance bewegt sich die Band auch auf „Sanguivore“, dessen Veröffentlichung sie bei dieser Matinee feiert. Sie vereint den ketzerischen Weltschmerz des Goth mit der üppigen Ungezügeltheit des Glam Rock: „I’m a dеvil doing good deeds instead / I’m Jesus in a strip club giving head“, singt Gould auf dem 9-minütigen Eröffnungsstück „Further Than Forever“. In seiner peitschenden Stimme steckt die Leidenschaft eines Performers, der es schafft, seinen größenwahnsinnigen Worten selbst Glauben zu schenken.

Intimität statt großer Menge

Und die Band spielt bei diesem Theater überzeugend mit: Das Schlagzeug tost und stürmt, das Keyboard funkelt, Hannah Greenwoods Hintergrundgesang antwortet lebhaft auf den Refrain, Ian Miles‘ Gitarre braust auf und gipfelt in ein feuriges Solo. Es ist die unverfrorene Wucht, mit der die Band auftritt, die ihren Kitsch an Wirkmacht gewinnen lässt.

Beim Okkult ihrer Texte und dem hingebungsvollen Auftreten ihrer Fans verwundert es kaum, dass sich Creeper selbst als Kult bezeichnet. Es ist keine große Menge, die zur Show im Lafayette gekommen ist, sondern eine intime Fangemeinschaft. „This is the first album release show we‘ve ever done“, betont Gould mehrmals. Und das Publikum, so scheint es, tut seinen Teil dafür, dass es nicht die letzte bleibt: Immer wieder lassen sich junge Besucherinnen auf die Bühne tragen und springen von dort in die offenen Arme der Menge; neu veröffentlichte Songs wie „Sacred Blasphemy” und „Teenage Sacrifice” werden lauthals mitgesungen; ein paar Fans machen sich sogar die Mühe, die Setlist auf der Bühne mit Kugelschreiber nach ihren Wünschen abzuändern.

Theatralik in jeder Note

Zeit zum Durchschnaufen gibt es auf diesem Konzert kaum. Höchstens als Hannah Greenwood ans Mikrofon tritt und von einer akustischen Gitarre begleitet „Crickets“ anstimmt: eine Ballade von Creepers Debütalbum, auf der ihr schmerzhafter Gesang roh und kalt zu Tage tritt. Auf „Sanguivore“ zeigt hingegen „The Ballad of Spook & Mercy“, eine als Schlaflied gekleidete Mordballade, dass die Band auch diese langsamen Momente beherrscht – und es versteht, die anschwellende Spannung wirkungsvoll zu entladen.

„Sanguivore“ ist vielleicht Creepers ambitioniertestes Projekt bisher. Es klingt so theatralisch und vielseitig, dass es gelegentlich an eine Rock-Oper erinnert. Dank der glatten Produktion ertönt jedes Gitarrenriff, jede Keyboard-Note mit der größtmöglichen Schlagkraft. Diese Energie bringt die Band auch live mit Vorliebe fürs Spektakel zum Ausdruck. 

Nach dem Auftritt senkt sich die Sonne langsam über die britische Hauptstadt, nur mancher Wolkenkratzer küsst das Licht. Doch die Vampire trauen sich noch nicht aus der Konzerthalle. Creeper wird am Abend nochmal spielen. „Who’s staying around for the evening show?“, ruft Will Gould in die Menge. Einige Gäste beginnen frenetisch zu jubeln und heben die Hände.

Foto: Felix Meinert

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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