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„Schreit so laut ihr könnt!“

4. Juni 20246 Min. gelesen

Von Post-Punk über Soul bis Dance-Pop ist beim Maifeld Derby 2024 alles dabei – von Jung bis Alt auch. Über ein Independent-Festival, das einen drei Tage lang in eine eigene Welt transportiert.

Ein besonnenes und harmonisches Festivalwochenende neigt sich dem Ende zu, als rund 200 Menschen auf dem Maifeld Derby plötzlich hemmungslos zu brüllen beginnen. Dazu angestiftet hat sie die Punk-Band Mannequin Pussy. „Wir glauben, dass ihr alle aus einem ganz bestimmten Grund zu unseren Konzerten kommt“, flüstert Sängerin Marisa Dabice mit kratziger Stimme ins Mikro und läuft kokettierend über die Bühne. „Weil ihr nämlich diese tiefe Wut in euch spürt und sie nicht loswerden könnt.“ Denn es gebe in unserer Gesellschaft Systeme wie Arbeit oder Religion, die uns unterdrücken und unserer Kreativität berauben. Den Zorn darüber soll jetzt jede:r Einzelne im Publikum rausschreien, so laut es nur geht.

Vorausgegangen sind diesem kollektiven Reinigungsakt drei Tage auf dem Mannheimer Maimarktgelände, die für Festival-Verhältnisse schon fast tiefenentspannt wirken. Den meisten Besucher:innen scheint es beim Maifeld Derby weniger um Trinksport zu gehen als darum, in lockerer Atmosphäre Musik zu genießen. Hier versammeln sich junge und ältere Musikfans und sogar Familien mit Kindern im Vorschulalter. Ähnlich gemischt wie das Publikum ist auch das Line-Up: Vom psychedelischen Dance-Pop der Irin Roisin Murphy über den stimmgewaltigen Folk-Soul von Grace Cummings bis zum Ambient-Techno von Grandbrothers und Kiasmos ist hier alles dabei.

Klein, aber fein

Diese sorgfältige Kuration bescherte dem Maifeld Derby im Jahr 2017 den HELGA-Festival-Award für das beste Booking. Seit inzwischen dreizehn Jahren bringen Festival-Gründer Timo Kumpf und sein Team aufstrebende und etablierte Musiker:innen nach Mannheim. Kumpf allein trägt Risiko und Verantwortung für das Festival, wobei ihn rund 200 Freiwillige jährlich unterstützen. Mit diesem Konzept ist das Maifeld Derby in der Independent-Szene längst zu einer festen Größe gewachsen. Im Jahr 2023 wurde es auf europäischer Ebene als „Best Small Festival“ ausgezeichnet. 

Die überschaubare Größe des Maifeld Derby gehört zu seinem Charme und seinen Tugenden. Rund 5.000 Besucher:innen empfängt das Festival pro Tag. Immer wieder trifft man auf bekannte Gesichter bei den Live-Auftritten, am Essensstand, an der Bar. Dadurch werden auch die Konzerte zu einer gemeinschaftlichen Erfahrung, die vertraut und intim wirkt.

Am ersten Festivalabend tritt Edwin Rosen im Palastzelt auf. Direkt vor der Bühne hat sich ein junges Publikum versammelt, es wird getuschelt und gelacht. Kurz nach Beginn seines Sets wendet sich Rosen an die Menge: „Passt aufeinander auf! Wir wollen, dass hier alle eine gute Zeit haben können – und zwar egal, wie sie aussehen, wo sie herkommen oder wen sie küssen.“ Lauter Applaus.

Während die Open-Air-Konzerte stärker auf Bombast setzen, ist die Atmosphäre auf der Bühne im Palastzelt verträumt. Edwin Rosen tritt allein mit seiner E-Gitarre auf und singt bittersüß, während seine Goth-inspirierten Beats zum melancholischen Rave animieren. Mehrere Kerzenständer schmücken die Bühne, auf alten Fernsehgeräten blitzen bunte Bilder auf. Auch die britischen Dream-Pop-Legenden Slowdive verzaubern mit ihrer visuellen Darstellung: Psychedelische Farblandschaften tun sich auf, ziehen eine:n in ihren Bann, während Reverb-getränkter Gesang, verzerrte Gitarren und hypnotisierende Synthesizer sich zu einem musikalischen Crescendo auftürmen. 

Bunte Deko und Regenjacken

Bereits vor diesem Festivalwochenende kündigte Gründer Timo Kumpf an: Das Maifeld Derby wird auch 2025 wieder stattfinden. „Das war eine sehr positive Meldung inmitten der stressigen Vorbereitung für dieses Jahr, unter keinesfalls gesicherten Finanzen“, so Kumpf. Denn die Stadt Mannheim fördert zwar das Festival, doch angesichts der Preissteigerungen der vergangenen Jahre reicht diese nicht notwendigerweise aus. „Aber ich bleibe zuversichtlich.“

Diesen Optimismus spürt man an diesem Festivalwochenende auch auf dem Maimarktgelände, das wie von der Außenwelt abgeschottet erscheint. Während hier Musikfans zusammenkommen und ihren Lieblingssongs lauschen dürfen, überschwemmen heftige Regenfälle weite Teile Bayerns und Baden-Württembergs. Zwar sind Regenjacken und Gummistiefel auf dem Maifeld Derby 2024 ein häufiger Anblick; Mannheim selbst aber bleibt von den Fluten verschont. Jedoch wird die Stadt von einem mutmaßlich islamistisch motivierten Messerangriff erschüttert, bei dem ein Polizist ums Leben kommt und fünf weitere Menschen verletzt werden. Das Maifeld Derby mit seinen bunten Dekorationen und phantastischen Tier-Designs wirkt da wie ein sicherer Hafen.

Vielleicht ist das auch das Versprechen, das Marisa Dabice von Mannequin Pussy mit ihrer provokanten Stimme ans Publikum richten will: Hier könnt ihr euch die Seele aus dem Leib schreien. Wir verurteilen euch nicht. Hier seid ihr sicher.

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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