Der Offenbacher Schüler:innenrat fordert nach der Netflix-Dokumentation „Babo”, den Rapper Haftbefehl im Unterricht zu behandeln. Warum seine Texte eine Chance für ein Literaturkanon-Update sein können. Eine Glosse.
Da sitzt der Übeltäter mit der markanten, vom Kokain gezeichneten Nase und müden Augen. Das Sinnbild von jemandem, der immer wieder Grenzen sprengt. Achtung, dieser Mann wird Ihre Kinder verderben! So ähnlich sehen es zumindest Politiker:innen aus dem konservativen Spektrum. Denn der Offenbacher Schüler:innenrat fordert, dass die Inhalte des Rappers Haftbefehl im Unterricht behandelt werden. Seine Geschichte und Texte spiegelten die Realität vieler Jugendlicher in Deutschland wider und dürften besonders in Schulen nicht ignoriert werden. Das Thema ist so groß, weil über den 39-Jährigen gerade eine Netflix-Dokumentation erschienen ist, in dem sein Leben, seine Sucht und seine selbstzerstörerischen Tendenzen im Fokus stehen.
Selbstzerstörung, Drogen und immer am Limit sein? Das ist doch kein guter Einfluss für die Kinder! Nicht, dass die migrantischen Jugendlichen noch eine Art Vorbild hätten. Eine Person, die ihre Lebensrealität besser kennt und versteht als die deutschen Dichter und Denker der vergangenen Jahrhunderte, die in unserer Welt heutzutage sowieso nicht mehr klarkommen würden. Moment – genau das wäre ja der Sinn des Ganzen.
Anhand von Zeilen wie “Sie versuchen, die Kriminalität zu bekämpfen / Denn nur Verbrechen können den Armen helfen […] Hartz IV macht sich breit / Alle dealen Drogen und gefördert wird’s vom Reichen”, aus seinem Song “Wo ich herkomm” wird deutlich, dass hinter Haftbefehl noch viel mehr steckt als der selbstproklamierte Babo.
Shirin David statt Schiller, Bushido statt Brecht, Hafti statt Hesse (wobei ersterer auch aus Hessen kommt). Ist das die Zukunft des eingestaubten Literaturkanons? CDU-Politiker:innen würden jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Wir können die Augen nicht länger davor verschließen, dass die aktuelle Literaturliste überholt ist.
Wirft man einen Blick in den aktuellen Literaturkanon, wird spätestens bei dem zehnten alten weißen Dichter und Denker oder dem zwölften Drama aus 1773 (beispielsweise “Die Leiden des jungen Werther”) klar: Die Lebensrealitäten in Deutschland sind mittlerweile viel diverser als das, was dort repräsentiert wird. Da ist es verständlich, dass Schüler:innen eine Aktualisierung der Texte fordern.
Unserem Kanzler ist zwar das Stadtbild wegen der ganzen Haftis nicht mehr genehm, aber: „Fragen Sie mal Ihre Töchter“, wessen Texte sie in der Schule lieber analysieren würden.
Apropos deutsche Dichter und Denker. „Hafti Abi ist der, der im Lambo und Ferrari sitzt, Saudi Arabi Money Bitch“, ist mindestens genauso gehaltvoll wie Heinrich Heine. Obwohl die Ideen beider Künstler gar nicht so weit auseinandergehen. Ein Blick in Heines Nachtgedanken: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Haftbefehl wiederum rappt eine Neuinterpretation davon: „Denk ich an Offenbach bei Nacht, dann wach ich auf mit Blaulicht.“ Auch schön, da kommt Deutschland richtig gut weg.
Damit es in Deutschland wieder bergauf geht, wäre es keine schlechte Idee, auch zeitgenössische Themen und Künstler:innen in den Unterricht aufzunehmen. Die Literaturliste repräsentiert in seltenen Fällen noch unsere Lebensrealität, die weitaus breiter gefächert ist als die Dramen von Goethe und Schiller. Was sagt Haftbefehl eigentlich dazu? „Die Straße mein Lehrer, die Schule für’n Arsch.” Bildungsdebatte: 1:0 für die Praxis.




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