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Sie entdecken die Vergangenheit neu

14. Januar 20265 Min. gelesen

Eine neue Generation an Pop-Musiker:innen behandelt Retro nicht als reines Accessoire – sondern bringt frischen Wind in den Mainstream.

Retro war ja nie weg. Vintage-Läden schießen wie Pilze aus der Erde, mit Beginn des Jahrzehnts feierte der mullet ein Comeback und kurz darauf „Running Up That Hill“ von Kate Bush. Man kann diese Trends auf bestimmte Schlüsselereignisse wie Netflix-Serien oder Social-Media-Hypes zurückführen, man kann sie auch als Symptome eines spezifischen Zeitgeistes lesen. Man kann allgemein feststellen, dass sich jede Gegenwart immer wieder aufs Neue zu ihrer Vergangenheit in Beziehung setzt – ja, erst dadurch gewinnt sie ihre konkrete Gestalt. Aber mal ehrlich: Oft genug flammen Moden und kulturelle Ausdruckweisen neu auf, ohne dass man ihren Auslöser so genau bestimmen könnte. Hinzu kommt, dass längst nicht mehr nur alle die 80er kopieren. Unterschiedliche Trends beziehen sich auf je unterschiedliche Epochen, Stile und Bewegungen zurück.

Das wird auch deutlich, wenn man auf die stilistisch so zerklüftete Pop-Landschaft Anfang des Jahres 2026 blickt. Einen Marker für Popmusik, die gerade hoch im Kurs steht, bietet die Kandidatenliste der Grammys in der Kategorie „Best New Artist“: Darin findet man einige junge Künstler:innen, die ihre Inspiration vorrangig aus der Musik vergangener Dekaden ziehen – und diesen durchaus gerecht werden.

2000er-Rock, 90er-R&B und leichtfüßiger Neo-Soul sind wieder in

Da ist unter anderem der 20-jährige Shane Michael Boose, besser bekannt als sombr. Der gebürtige New Yorker machte sich auf TikTok einen Namen und landete vergangenes Jahr mehrere globale Hits. Stadionreife Klavierakkorde, grooviger Gitarren-Fuzz, Reverb-getränkter Gesang: Der Sound von sombr erinnert hier und da an Bruce Springsteen, vor allem aber an den 2000er-Rock, der noch das Erbe des Britpop mit sich trug. Und bei allem jugendlichen Melodrama, das sich durch seine Texte zieht, gelingt es sombr erstaunlich gut, authentische Leidenschaft und bühnenreife Präsenz hinters Mikro zu bringen.

Die technisch versiertere Grammy-Kandidatin heißt jedoch Olivia Dean. Die junge Britin strahlt mit ihrem dehnbaren Gesang eine nuancierte Jazz-Qualität aus. Ihre Stimme setzt sie wie ein Instrument ein, das die warmen Gitarren und souligen Klavierakkorde auf ihrem neuen Album „The Art of Loving“ nahtlos ergänzt. Sie klingt dabei wie eine geschmeidigere und weniger verletzliche Amy Whinehouse. Damit verkörpert sie eine selbstsichere Eleganz, die dem Mainstream-R&B in den vergangenen Jahren zunehmend abhandengekommen ist. Denn Dean kann zwar Herzschmerz, sie beherrscht aber auch das Flirten. Sie wirkt dabei subtil und leichtfüßig und gerade deshalb so viel anziehender als viele ihrer weiblichen Mitstreiterinnen, die ihre Sexualität allzu explizit zur Schau stellen.

Zu diesen Mitstreiterinnen kann man auch Grammy-Kandidatin Addison Rae zählen. Die US-Amerikanerin klingt häufig wie die TikTok-stämmige Variante von Lana del Rey, die ihre melancholische Hollywood-Fassade abgelegt hat und sich ganz unverhohlen ihrem destruktiven Hedonismus hingibt. Das gilt aber nicht für „Headphones On“, ihren zurecht meistgelobten Song: Dieser ist eine atmosphärische, luftig klingende Hommage an den R&B und Trip Hop der späten 90er – und an die Musik selbst.

Diese Retro-Projekte klingen nicht erzwungen

An diese Sounds knüpft auch die Musikerin Eli mit ihrem funkelnden Song „Glitter“ an und interpretiert den weichen Y2K-R&B mit queerer Schlagseite neu. Das Überzeugende an diesen Retro-Exkursionen ist, wie mühelos sie klingen. Sie sind offensichtlich durch die Musik vergangener Jahrzehnte geprägt, doch sie verharren nicht darin. Sie bedienen sich bekannter Sounds und machen diese anschlussfähig für heutige Pop-Publika. Das gilt in vieler Hinsicht auch für die Soul-inspirierten Projekte von Teddy Swims und Lola Young (ebenso als „Best New Artist“ nominiert), die jeweils mit ihrer kräftigen Stimme bestechen.

All diese Musiker:innen stehen erst am Anfang ihrer Karriere. Manche von ihnen klammern sich noch etwas formelhaft an bewährte Erfolgsrezepte und sind erst dabei, ihre künstlerische Identität zu entwickeln. Doch ihre stilsichere Art, Genre-Traditionen zu bedienen und neu zu interpretieren, bereitet nicht nur viel Hörvergnügen. Sie macht auch Hoffnung: auf eine Zukunft, die mindestens so gut wird wie die Vergangenheit.

Bild: Jack Davison

Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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