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Torres – What an enormous room

6. Februar 20243 Min. gelesen

Die Indie-Rock-Musikerin aus Florida probiert sich in verkopftem Groove und sucht im Kontrollverlust nach Katharsis.

Wenn wir uns umsehen und uns plötzlich in einem endlos erscheinenden Raum wiederfinden – was tun wir dann? Was fühlen wir? Empfinden wir Überforderung ob der einschüchternden Weite? Orientierungslosigkeit? „What an enormous room.“ Oder empfinden wir Eroberungsdrang? Gar Freude? „Look at all the dancing I can do.“ Mackenzie Scott alias Torres sieht in der leeren Fläche einen Weg zur Freiheit. Die Möglichkeit, sich vom Schmerz frei zu tanzen. Den eigenen Körper in Bewegung zu versetzen und den Geist zu reinigen. 

„What an enormous room“ ist zugleich der Name von Torres‘ neuem Album. Eine Aneinanderreihung alltäglicher Szenen prägt dieses Projekt der 33-jährigen Singer-Songwriterin aus Florida: Sie singt von Kaffeeflecken, Zahnbürsten, eigenartigem Parfümgeruch – und von toten Eltern und Haustieren. Von Panikattacken und dem Gefühl, ihre Partnerin klammere sich im Schlaf zu stark an ihr fest. Immer wieder durchdringen Motive von Verlust und Trauma Scotts scheinbar banale Beschreibungen – und trüben so das Bild einer erfolgreichen Künstlerin, die ihre Ziele doch eigentlich alle erreicht hat.

Gedämpfte Gefühle

Im Gegensatz zum Vorgängeralbum „Thirstier“ hat dieses Album nur selten hymnische Refrains und stürmische Melodien zu bieten. Torres setzt vielmehr auf synthetischen, verkopften Groove. Meist dringt ihr Gesang nur verstummt durch den Ton-Mix: Auf „Artificial Limits“ wird sie von verzerrter Gitarre und schrillem Synthesizer dominiert. Die kratzigen, industriellen Gitarren-Grooves erinnern oft an das selbstbetitelte Album von St. Vincent: So auch auf „Life as we don’t know it“, das mit seiner absteigenden Keyboard-Melodie und temporeichen Drums besonders elektrisiert.

Gelegentlich ist der Sound von „What an enormous room” zu unzugänglich, um Scotts detailreichen Texten Leben einzuhauchen. Die vorab veröffentlichte Single „I got the fear” klingt mit ihrer statischen Perkussion, schüchternen Akustikgitarre und nervösen Synthies eher blutleer – sodass Scotts Beschreibung der Zerbrechlichkeit ihres Alltagslebens kaum zur Geltung kommt. Dennoch scheint die Klaustrophobie der Produktion beabsichtigt: Selbst auf der abschließenden Klavierballade „Songbird forever“ mit all ihrer Zuversicht klingt Scotts Gesang gedämpft. Liebe und Hoffnung verbergen sich hinter ätherischem Rauschen.

„What an enormous room“ ist kein Album, das sich befreit anfühlt. Oder gar befreiend. Deshalb ist der Moment so kathartisch, als sich Scott von allen Einschränkungen lossagt und zu tanzen beginnen will: „Look at all the dancing I can do“, wiederholt sie mehrmals, als müsse sie sich selbst an ihre Fähigkeit erinnern loszulassen. „Jerk into Joy“ heißt der Song: Es ist ein Zucken, das Scott in Ekstase versetzt. Das klingt eher nach einem Unfall als nach einer kontrollierten Bewegung. Doch frei sein kann nur, wer sich auf das Unbeherrschbare einlässt.

Foto: Dani Okon

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Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft pseudo-feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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