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Hozier – Unreal Unearth

19. September 20237 Min. gelesen

Der Mann unserer Herzen schleicht sich wie gewohnt mit seinen neuen Liedern in unseren Alltag und will aus diesem nicht mehr verschwinden. Wir beschweren uns nicht.

In der Indie-Bubble ist er ein Gott. Anders kann man das gar nicht bezeichnen, und seine Größe und Mähne sprechen alles andere als dagegen. Hozier hat seit „Take Me To Church“ einen Bann über seine Zuhörer:innen gelegt, da könnte fast eine Glaubensgemeinschaft gegründet werden. Obwohl das natürlich alles andere wäre, als was er wirklich wollen würde. Sein neues Album “Unreal Unearth” erschien am 18. August 2023.

Mit seiner majestätischen Stimme und poetischen Lyrics ist Hozier ein Publikumsliebling. Seine Lieder verändern die Sicht auf Liebe und man wünscht sich, nur einmal so geliebt zu werden. Hozier ist nämlich Welten davon entfernt, lediglich „I love you“ zu singen. Er vergleicht seine Gefühle eher damit, für die andere Person durch einen See aus Feuer zu schwimmen oder aber wenn er fragt: „Do you know, I could break beneath the weight / Of the goodness, love, I still carry for you“. „Unknown/Nth“, heilt schmerzende Herzen in Fernbeziehungen.

Hozier verkündet seine Liebe auf ganz eigene Weise

Dass Hozier für seine lebendigen Bilder bekannt ist, kann man ebenfalls an „Abstract (Psychopomp)“ erkennen. Psychopomp, ein mystischer Geist, der Tiere bei ihrem Ableben in das Leben danach begleitet. Als kleines Kind habe er zusehen müssen, wie ein Tier von einem Auto getötet wurde. Und wie ein Mensch zu diesem Tier eilte und es in seinen Armen hielt, um die Reise ins Danach zu erleichtern: „The speed that you moved, the screech of the cars / The creature still moving, that slowed in your arms“. Hozier versucht so, die kleinen Momente des Schönen im Alltäglichen einzufangen.

Festzuhalten ist, dass Hozier für dieses Album zum ersten Mal mit anderen Künstler:innen zusammengearbeitet hat. Ein kleiner, aber feiner Unterschied zu seinen bisherigen Werken. Sichtbar wird das besonders bei „Damage Gets Done“, bei dem Brandi Carlile erklingt und Hozier wunderbar unterstützt. Ein Pop-Song, der die Radiostationen unsicher machen könnte. Da passt es auch gut, dass er beispielsweise bei einem seiner letzten Konzerte Noah Kahan mit auf die Bühne holte – und so ein ganz eigenes „Multiverse of Madness“ für Musikliebhaber:innen erschafft.

Wie Hozier Kritik am System übt

Als Teaser für dieses Album erschien am 17. März „Eat Your Young“. 17. März, das ist in Irland übrigens St. Patrick’s Day und, nicht zu schweigen, auch Hoziers Geburtstag. Dass Hozier nicht nur Folk und langsames Leben kann, ist längst klar. Doch auch hier will er es uns erneut beweisen und verwendet Elemente des Rhythm’n’Blues. Er bemängelt, er prangert an, er übt Kritik am kapitalistischen System. Es geht um Arbeitsrechte, um Klimawandel, um unternehmerische Gier. „To eat your young“ bedeutet ganz passend, die benachteiligten Gesellschaftsmitglieder zu vernachlässigen, zu Gunsten der Stärkeren. Hozier greift damit das Gleichheitsversprechen aus seinem größten Hit „Take Me to Church“ auf und deutet es um.

Die Metaphern und historische Figuren in seinen Liedern

In einem Behind-the-Song-Video spricht Hozier über „Francesca“. Die Protagonistin des Songs basiere auf einer historischen Figur, Francesca da Rimini, die einen Jahre älteren Mann, Paolo, heiraten musste. Als sie sich in seinen jüngeren Bruder verliebte, ermordete ihr Ehemann beide. So schrieb es damals Dante in seiner Göttlichen Komödie Inferno, so verformt es Hozier heute in einen Song (und bezieht sich auf den zweiten Kreis der Hölle: die Lust). Er versucht so, auch Paolo eine Plattform zu geben, und singt etwa: „Do you think I’d give up? / That this might’ve shook the love from me / Or that I was on the brink?“. Ein Künstler, der vor Kreativität übersprudelt. Und in einem inhaltlich kraftvollen Song auch Elemente des Rocks fallen lässt – damit sich der Kreis auch schließt.

Foto: Barry McCall

Nach diesem Sturm eines Liedes lässt sich das herausragend, „I, Carrion/Icarian“ hören. The Irish Times beschreibt ihn als mediterrane Sommerbrise, eine wohlwollende und wärmende Abwechslung nach dem Auf und Ab zuvor. Die griechische Figur des Ikarus wird in diesem Kontext jedoch nicht als Warnung benutzt, nicht zu nahe an die Sonne zu fliegen, sondern vielmehr als Idee, dass Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen einem Flügel und die Fähigkeit zu fliegen geben. Die wiederholte Zeile „I only pray / Don’t fall away from me“ zeigt weiter die Wichtigkeit dieser inneren Verbindungen auf.

Der irische Sänger scheint auch nach wie vor am ehesten in seinem Element zu sein, wenn er Menschen schlichtweg mit seiner Musik berühren darf. Da ist es kein Wunder, dass er immer mal wieder in seinem Heimatland in kleinen Pubs auftaucht und beispielsweise an seinem Geburtstag ein spontanes Konzert gibt. Man kann nur hoffen, ihn zur Weihnachtszeit auf den Straßen von Dublin zu treffen – da zeigt er sich ganz gerne, wie es so heißt.

Titelfoto: Julia Johnson

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Annika Block - Redaktion

Zwischen Alltagsstress und Unidruck so oft es geht auf Indie-Konzerten, in der Sonne mit einem Buch in der Hand oder am Abgehen zu „You Can Call Me Al“ zu finden. Täglich am neue Musik entdecken – und am besten direkt darüber schreiben.

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Ein Kommentar:

  • Giulio

    September 20, 2023 / at 1:46 am

    Erstaunlicher Artikel, fesselnd und vor allem bietet er großartige Einblicke in die Musik von Hozier. Besonders interessant fand ich die Erklärung der Bedeutung von „Eat Your Young“ und „Francesca“. Ich finde es sehr spannend, wenn Künstler Geschichten aus der Vergangenheit nacherzählen und sich in die Lage anderer Menschen versetzen. Dieser Text hat mir verdeutlicht, dass hinter Hoziers Texten (kaum zu glauben) noch mehr steckt, als ich dachte.

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