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Uns schockiert nichts mehr

30. Oktober 202510 Min. gelesen

Sex, Gewalt, Geisteswahn: Mit diesen Themen riefen Musiker wie Marilyn Manson und Nine Inch Nails einst Entsetzen hervor. Heute würden sie uns damit kaum noch erschüttern. Warum schafft es Kunst immer weniger, uns zu schockieren? Eine Spurensuche.

Im Jahr 2016 reagiert eine US-amerikanische Mutter in einem Video auf einen Song, den sie im Radio gehört hat. Die gläubige Christin ist entsetzt. Sie schluchzt, wischt sich die Tränen von den Augen und ringt sich dazu durch, den Text dieses Songs zu wiederholen: „I ain’t never ran from nothin‘ but the police.“ Und später: „Folks need Porsches / hoes need abortions / I just need y’all out of my business.” Sie zitiert hier das Lied „Norf Norf“ von West-Coast-Rapper Vince Staples. Es dauert nicht lange, bis sich das Video verbreitet und die Frau zum Meme wird. Sie entwickelt sich zum Gespött des Internets.

Allem Anschein nach war die Frau mit der künstlerischen Überspitzung im Hip-Hop oder den darin beschriebenen Lebensumständen noch kaum in Berührung bekommen. Was sie zutiefst erschütterte, war jedoch einer Mehrheit aktiver Internet-Nutzer:innen vor 10 Jahren längst bekannt. Die User, die das ursprüngliche Video zu absurden Remixes entfremdeten, waren vom zitierten Songtext offensichtlich nicht schockiert; die schockierte Reaktion der Frau amüsierte sie hingegen.

Stellt die Realität auf TikTok jedes Horror-Musikvideo in den Schatten?

Über lange Zeit gelang es Musiker:innen, mit gezielten Tabubrüchen in ihrer Kunst Mainstream-Publika zu entrüsten. „God Save the Queen“ von den Sex Pistols, „Fuck Tha Police” von N.W.A.: Es waren Abrechnungen mit Autoritätsinstanzen, Affronts gegen die soziale Norm. Man denke auch an Marilyn Manson, der in seinen Live-Shows nackte Frauen an Kruzifixe nagelte – oder an Nine Inch Nails, die 1995 im Musikvideo zu „Closer“ mit Sexpuppen und Tierkadavern sowohl S&M-Praktiken als auch psychische Krankheit ästhetisierten. Sex, Gewalt, Geisteswahn: All diese Dinge waren lange Gegenstand popkultureller Ästhetiken – das sind sie noch immer. Mit einem Unterschied: Heute schockiert uns nichts mehr davon.

Haben uns die Untiefen des Internets womöglich zu sehr dagegen abgehärtet? Wer lang genug auf TikTok scrollt (und so lange braucht es gar nicht), könnte den Verdacht gewinnen, dass unsere Realität schlicht mehr Schockfaktor bereithält als ein Musikvideo von Nine Inch Nails. Dort springen einem nicht nur Sex, Antisemitismus und amateurhafte Selbstdiagnosen entgegen; man stößt auch auf groteske Trends wie absichtliche Überdosen mit Paracetamol. Vor Kurzem starb in Frankreich ein 46-Jähriger während eines Livestreams, nachdem er sich von anderen Streamern malträtieren ließ. Die Zuschauer:innen hatten viel Geld geboten, um das zu sehen.

Triggern ist das neue Schockieren

Nun lässt sich jedoch nicht behaupten, Pop-Musiker:innen würden heute nicht mehr den Tabubruch suchen. Schockieren bedeutet schließlich: Aufmerksamkeit. Die Rapperinnen Cardi B und Megan Thee Stallion taten 2020 mit ihrem Hit „WAP“ (kurz für: „wet ass pussy“) ihre sexuellen Vorlieben in sehr explizitem Detail kund. Doch argen Gegenwind lösten sie damit höchstens in konservativen Kreisen aus. Die meisten fanden das Lied eher lächerlich, witzig oder einfach einen (wortwörtlichen) Banger. Selbst diejenigen, die sich über die pornografischen Exzesse zweier schwarzer Frauen (!) echauffierten, waren vermutlich nicht geschockt. Sondern höchstens getriggert.

Unsere defensive Haltung gegenüber Kunst, die wir für abstoßend halten, scheint sich heute in diesem Getriggert-Sein zu äußern – und nicht im Schockzustand. Der Soziologe Steffen Mau und seine Kollegen verstehen unter „Triggerpunkten“ jene sensiblen Stellen unseres Wertekompasses, deren Berührung bei uns zu starken Abwehrreflexen führt. Die Getriggerte schreit auf. Sie fuchtelt herum, schimpft auf die Woken oder auf die alten weißen Männer. Wer dagegen geschockt ist, bringt selten ein Wort über die Lippen. Er ist kurzzeitig wie gelähmt, befindet sich in sprichwörtlicher Schockstarre. Schock bedeutet, wie die „Norf Norm Mom“ um Fassung zu ringen. Der Geschockte ist sprachlos.

Doch eben das sind wir in unserer heutigen Gesellschaft kaum noch. Wir verfügen über ein so breites und dehnbares Vokabular, dass wir den allermeisten Erscheinungen einen Stempel aufzudrücken vermögen – und sei er noch so unpassend. Das Konzept des Triggers zum Beispiel, das bekanntermaßen aus der Psychologie stammt, verwenden wir im Alltag ganz selbstverständlich. Wir sind heute recht geübt darin über das zu sprechen, was Unbehagen oder Beklemmung in uns auslöst. Aber auch deine nervige Angewohnheit: triggert mich. Der schlechte Restaurantbesuch gestern Abend: traumatisierend.

Wenn sich alles irgendwie einordnen lässt, kann uns auch nichts mehr die Sprache verschlagen. Auch die künstlerische Konfrontation mit psychischer Krankheit verfügt kaum noch über Schockpotenzial. Der Zug ist spätestens mit Billie Eilish abgefahren. Aber Musiker:innen und Nutzer:innen versuchen ja noch immer, durch shock value Klicks zu generieren. Dabei werden die Strategien, um Aufmerksamkeit zu erregen, immer extremer. Und hilft’s was?

Der ganz normale Wahnsinn…

Womöglich sind wir stattdessen eher abgestumpft. Zu viele Skandale, reale wie aufgeblasene, erreichen uns täglich über unsere Bildschirme. Zu sehr hängt die digitale Massenkultur einem fetischhaften Kult der Superlative an. Es klingt zynisch, doch wir sind die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs, die misogynen Kommentarspalten, Kanyes Nazi-Songs inzwischen gewohnt.

Natürlich regen wir uns immer wieder aufs Neue darüber auf, tippen uns die Finger wund, vergleichen einander mit Hitler. Das, was man öffentliche Debatte nennt, hat sich zu einem nervösen Dauerrauschen entwickelt. Auf jeden Schlag folgt ein Gegenschlag, sodass wir den eigentlichen Knall gar nicht mehr wahrnehmen. Und so fallen wir irgendwann zurück in unsere gefühlstaube Verdrossenheit, weil all unsere tonnenschweren Vokabeln unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen und uns in diesem lauten Chaos nicht geholfen haben zu verstehen, was eigentlich passiert.

Wir brauchen den Schock

In diesem permanenten Lärm gewinnt das, was uns sprachlos macht, plötzlich neuen Wert. Denn unter Schock zu stehen, bedeutet eben, einen Moment innehalten zu müssen. Nicht gleich irgendetwas lostippen zu können. Nur kann uns Kunst heute nicht mehr die Sprache verschlagen, indem sie ein schauriges Spektakel inszeniert; denn die Realität selbst ist unter Umständen düsterer. Will Kunst einen Schock in uns auslösen, ist es effektiver, uns mit dieser kalten Realität zu konfrontieren.

Das gelang zum Beispiel der Pianistin und Singer-Songwriterin Fiona Apple. In ihrem Song „For Her“ von 2020 beschreibt sie die Art und Weise, wie eine Frau von ihrem männlichen Partner benutzt und erniedrigt wird. Ratternde Perkussion, Apples rauer Gesang, sonst nichts. Nach dem zweiten Refrain herrscht kurz Stille. Dann ihre Stimme und nur das Schlagzeug im Hintergrund: „Well, good morning. Good morning! / You raped me in the same bed your daughter was born in.” Eine Zeile wie ein Schlag in die Magengrube.

Ein weiteres Beispiel stammt von diesem Jahr. Der Song „Community“ vom Rapper J.I.D. und dem Duo Clipse ist voll von brutalen Lines über Drogen und Waffen, doch die brutalste lautet folgendermaßen: „My ghetto’s not your culture / N****s really die here.“ Es ist eine Erinnerung an das, was wir eigentlich wissen: Die Schilderung von Armut und Gewalt beruht auf echten Erfahrungen. Was wir als Publikum – und das gilt erst recht für den Autor dieses Textes – aus diesen Erfahrungen machen, ist nichts als ein Spiel. Wir nennen es „Ästhetik“ oder „Diskurs“. Der Schock dieser Textzeile liegt darin, dass sie die Ebene der kulturellen Abstraktion komplett ausschaltet und unserem sinnlosen Geplapper jegliche Rechtfertigung entreißt. Sie stellt uns stattdessen vor die blanke Tatsache: Hier sterben Menschen. Wenn uns vor dieser Einsicht nicht einen Moment die Stimme versagt, wann dann?

Felix Meinert - Redaktion

Schon mit fünf Jahren war ich musikalisch begeistert: Damals trat ich mit meiner Fantasieband vor meiner Familie auf, sang (besser: schrie) auf meiner Fantasiesprache und trommelte mit Plastikstöcken unkontrolliert auf meinem Hüpfball herum. Da der ersehnte Durchbruch aber ausblieb, tobe ich mich heute lieber beim Hören und Schreiben aus. Oft feuilletonistisch, gerne nachdenklich bis nörglerisch, stets aber von Herzen schreibe ich über so ziemlich alles zwischen Rock, Pop, Folk, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik.

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